KLICKS UND CLIQUEN
Synthesen + Analysen in der Matrix
Eine Kolumne von Bergmann
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Identität, dialektisch
883. Kolumne
Mein Identitätsgefühl ist nur ein Gefühl, eine letztlich unsichere Ahnung; aber ich bin nicht viele, auch das ist ein Gefühl, ein Bewusstseinsgefühl. Ich empfinde es für mich relativ wahr, das genügt mir.
Dass ich finde und erfinde, ist mir auch klar, zumal in der Retrospektive. Und dass ich gern spiele, ebenso. Die Wahrheit ist wahrscheinlich nichts Absolutes, es sei denn: nur im Augenblick selbst, aber sie ist nicht objektivierbar. Ich bin zufrieden mit der von mir angenommenen Wahrheit, mit meinem Versuch, Wirklichkeit nachzubilden in der schriftlich geformten Erinnerung, in die sich das Spiel (und damit schon die Verformung) einmischt und verzerrend verformt und partiell neu gestaltet, was und wie's gewesen.
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So ist auch die Vorstellung, wie in und durch uns ein Gedicht entsteht, ein ähnlich dialektischer Prozess, eine Art Selbstgespräch oder Zwiegespräch mit uns selbst, bewusst und unbewusst, spielerisch und rational. Das Werk, das sich im Entstehen schon von uns löst, ist eben nicht nur bei uns, sondern schon im Schreibprozess außerhalb von uns in der Welt, es nimmt von seinem Schöpfer etwas mit, tritt mit ihm in eine dialektische Beziehung, bis er es loslässt, etwa gedruckt. Das Bild mit der Scheibe Fleisch, als wär's ein Stück von mir, ist eine heftige Metapher. Die Spannung zwischen Entfremdung von Werk und Autor und Vertrautheit zwischen beiden, betrifft den Leser wahrscheinlich nur als Philologen und ist für den Autor zeitweise Teil des Loslassens.
UB, 18.4.2026