KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 29. August 2008, 12:00
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Erwachen - zum Problem des Romanbeginns

Mal was anderes. Thema: Romanbeginn.
Im Folgenden die Aufgabe für eine Doppelstunde in der 13 mit der Aufgabe, zum Thema Erwachen einen Romanbeginn zu schreiben. Als Vorbereitung auf die Lektüre: Robert Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß".

Zuerst das Arbeitsblatt, dahinter ein möglicher Romanbeginn (nur für KV von mir geschrieben), der nicht zu schwer ist und in unserer Zeit liegt.

Ein Romanbeginn

wird manchmal erst zuletzt geschrieben. Der Autor ist bestrebt, mit dem Beginn mehrere Aspekte zu erfüllen:

- Spannung erzeugen
- das äußere Thema/Problem des Romans nennen oder wenigstens andeuten
- die Situation der wichtigsten Personen darstellen, auch die Vorgeschichte (Exposition)
- auf interpretatorischer Ebene beginnen mit Verweis auf ein konkretes Problem

Dies alles kann folgendermaßen geschehen:
Durch einen Anfangsdialog der Haupt- oder Nebenfiguren.
Ein Traum eröffnet die Erzählung.
Ortsbeschreibung (von außen nach innen wie bei Fontane: Irrungen, Wirrungen).
Besonders geeignet ist die Situation von Ankunft oder Abreise (Thomas Mann, Der Zauberberg).
Ein einschneidendes Ereignis (Anklage in Franz Kafkas „Prozess“).
Andere Möglichkeiten sind denkbar.

Zu bedenken ist die Erzählhaltung:
a. Ich-Erzähler (subjektiv)
b. Auktorialer Erzähler, der allwissend und omnipotent ist: Dieser Erzähler erzählt distanziert
oder aus der Perspektive einer oder mehrerer Personen (personales Erzählen)
c. stream of consciousness (Bewusstseinsstrom): Der Erzähler verschwindet in vielen
Perspektiven, die sich unvermittelt abwechseln können
d. Surreales Erzählen: Der auktoriale (Er) oder subjektive Erzähler (Ich) hält sich nicht an die
Logik und die physikalischen Gesetze, die Realität (vgl. nouveau roman)
e. Mischformen (a/b, a/c, a/b/c, b/c …)

Erzähltempus:
Konventionell ist das Imperfekt (b). Bei a, c, d sind Imperfekt und/oder Präsens möglich.

Erzählstruktur:
- Rahmenhandlung (ähnlich: Prolog - Epilog)
- Analytisches Erzählen (am Beginn steht das Ende; beliebt bei Kriminalromanen, vgl. auch
das analytische Drama: Sophokles, König Ödipus)
- konventionelles, traditionelles Erzählen: chronologische Abfolge von Kapiteln
- eng oder lose miteinander verfugte Erzählstränge
- Erzählweise in Episoden
- Verzicht auf die Priorität einer (äußeren) Handlung, stringente Charaktere und Metaphorik,
also keine Lesesteuerung durch den Erzähler, stattdessen Distanz und Objektivität,
Beschränkung auf die Sachwelt, unter deren Oberfläche nur der Leser deutend vordringt,
wenn er will, nicht aber der Autor (nouveau roman) - Fazit: Aufhebung der
Erzählkategorien von Raum, Zeit, Kausalität und Subjekt
- die Gattungsspezifik, das Epische, kann aufgehoben oder durch lyrische und dramatische
Formen erweitert werden, auch collagiert (Mischtechnik)

Aufgabe:
Schreibe den Beginn eines Romans oder einer längeren Erzählung
zum Thema „Erwachen“ - gemeint ist ein Fortschritt in der Reife eines Menschen, der mit Problemen bei ihm und/oder anderen (in der Gesellschaft) einhergeht.

* * *

Erwachen

Vera lief ziellos durch die Straßen der Stadt, am Ohr das eine Handy, das andere in der Hand. Oben sprach sie mit Max, der ihr Vorwürfe machte, weil sie gestern Abend absagte, unten schrieb sie eine SMS an Alexander. Sie war in Eile, sie wollte den Zug nach Köln erreichen, um sich mit Alexander auf dem Roncalli-Platz vor dem großen Fenster Gerhard Richters zu treffen. Die Zeit war knapp. Vera schickte das SMS ab, lief jetzt schneller, und sprach gereizter mit Max, den sie abwimmeln wollte. Ich hasse seine endlosen Beziehungsanalysen, dachte sie, ich liebe nur seinen Körper, ich kann nicht richtig mit ihm sprechen. Mit Alexander verstand sie sich, egal worüber sie sprachen, und sie fand sich auch wortlos bei ihm geborgen. Nur fehlte ihr hier die Leidenschaft, die sie oft gerade in der Wut auf Max entwickeln konnte. Je stärker sie sich gefetzt hatten, umso wilder fanden sich ihre Körper. Vera konnte sich nicht entscheiden, sie stand zwischen zwei Stühlen, unruhig, fast verzweifelt. Sie lehnte sich mal an Max an, mal an Alexander, und bereute jedes Mal, den einen zu sehen und den anderen zu verpassen. Sie sehnte sich nach dem Mann in der Mitte zwischen beiden, aber den gab es nicht, ehe sie nicht beide losließ. Vera stürzte die sieben Steinstufen der Bahnhofstreppe hinauf. Heinrich Böll fiel ihr ein, sie hatte vor ein paar Wochen „Ansichten eines Clowns“ gelesen, der Clown saß am Schluss gescheitert auf der Treppe vor dem wilhelminischen Bahnhof der früheren Bundeshauptstadt. Vera stieß beim Öffnen der Tür so heftig mit einer älteren Frau zusammen, dass ihr Handy zu Boden fiel. Der Aufschlag auf den Marmorboden beendete das Gespräch mit Max. Vera wählte seine Nummer, das Handy funktionierte, aber Max meldete sich nicht. Vera schaute zur Uhr, zwei vor halb sechs. Der Zug fuhr gerade ein. Sie rannte zum Bahnsteig, der an die Halle grenzte, und stieg ein. Wenn sie nicht um 18 Uhr in Köln war, dann war sie Alexander los. Ihr Verhältnis war zum Zerreißen gespannt, seit Alexander wusste, dass sie Max liebte. Er spürte, dass er ihr nicht genügte. Vera setzte sich ans Fenster im fast leeren Waggon, steckte das Max-Handy in die Handtasche, hielt aber das Alexander-Handy fest in der Hand. Sie wartete auf ein Zeichen. Der Zug fuhr an, Vera starrte fast blind aus dem Fenster und verlor sich in ihren Gedanken an den gestrigen Abend. Sie hatten sich gestritten. Ein vermeidbarer Streit, dachte Vera. Sie hatte gesagt, sie wolle mit Alexander auf Dauer nur zusammenbleiben, wenn er sie heiraten würde, sie wollte Kinder, am liebsten zwei. Alexander war das zu früh, er wollte erst im Beruf alles klar machen, er wollte den Beruf nicht der Ehe opfern. „Mit 30 ist es noch früh genug“, hatte er gesagt. „Ich will nicht so lange warten“, sagte sie, „fünf Jahre sind mir zuviel.“ Sie wollte eine junge Mutter sein. Er wollte eine Frau nach alten Maßstäben. „Ich habe keine Lust, dir den Rücken freizuhalten“, sagte sie, „da werde ich dir schnell langweilig, da suchst du dir bald eine Nebenfrau.“ Alexander war daraufhin eingeschnappt und sagte nichts mehr. Die Felder flogen vorbei, die kleinen Bahnhöfe, Brühl, Köln-Süd…
Die Vibration in ihrer rechten Hand riss sie aus den Gedanken. Sie klappte das Handy auf und las:

Amoris vulnus idem sanat, qui facit.

Typisch Alexander! Wenn er nicht weiter kam, wurde er theoretisch. „Die Wunden der Liebe kann nur heilen, wer sie zugefügt hat.“ Publius Syrus. Das hatte er schon einmal in einem anderen Zusammenhang gesagt. Aber jetzt meinte er es ernst, das war ihr klar. Ja, dachte sie, du hast Recht. Aber wer heilt wen?

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Ulrich Bergmann

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