Liebe Liese, dumme Liese!

Text zum Thema Kinder/ Kindheit

von  ManMan

Wer wie ich in den 1950er Jahren im katholischen Münster aufgewachsen ist, kann sich wahrscheinlich an „Lamberti“ erinnern. Damit war nicht etwa die Lambertikirche gemeint, die ja vom Münster-Tatort hinlänglich bekannt ist, sondern ein Kinderreigen um einen künstlichen Baum herum, der immer im Herbst stattfand. Ein Erwachsener stellte ein Gestell aus Holz her, an dem man die Stiele von Laternen befestigen konnte, was die Kinder auch taten, sobald es dunkel war. Wenn genügend Laternen da waren, fassten wir uns an die Hände,tanzten um den Laternenbaum herum und sangen Lieder, z.B. eines von St. Martin, aber auch Volkslieder. Ein erster Höhepunkt  war das Lied „Dumme Liese, hole Wasser“. Es wurde von uns Kindern eine Liese und ein Heinrich bestimmt, die abwechselnd zu Wort kamen. Heinrich befahl der „dummen Liese“, mit der wohl eine Magd auf dem Bauernhof assoziiert werden sollte, Wasser zu holen. Die Liese, die aber gar nicht dumm ist, sondern sich nur dumm stellt, bringt den Bauern Heinrich mit ihren Fragen so lange zur Verzweiflung, bis er darauf verzichtet. Wir haben dieses Spiel oft erweitert mit anderen Fragen und Antworten als den vorgegebenen. Ziel war es jedenfalls, den Heinrich in die Ecke zu treiben: Er befiehlt, Wasser zu holen, Liese fragt womit denn, er sagt, mit einem Topf, sie sagt, wenn der Pott aber nu 'n Loch hat, lieber Heinrich was dann? Stopf es zu, rät Heinrich, und wieder fragt Liese womit denn? Es fehlt immer irgendwas und Heinrich weiß immer Rat: wenn das Beil zu stumpf ist, soll Liese es auf einem Stein schleifen. Die Sache wird für Heinrich dann heikel, wenn Liese fragt, was sie machen soll, wenn der Stein zu trocken ist, denn dann muss er antworten, mit Wasser, und das kann Liese ja nicht holen, wenn der Pott ein Loch hat, und damit war das Lied zu Ende.
Irgendein Mensch hat offenbar Anstoß daran genommen, dass es „dumme Liese“ heißt, daher ist jetzt von „Liebe Liese“ die Rede. (www.volkslieder-archiv.de/wenn-der-topf-aber-ein-Loch-hat). In der DDR gab es auch die Version von der „dummen Liese“, wie ich im Netz herausgefunden habe: https://lieder-aus-der-ddr.de/wenn-der-topp-aber-ein-loch-hat.
Ein weiterer Höhepunkt des Abends war das Erscheinen des „Buer“, also des Bauern. Ein Erwachsener kam mit einem Sack voller Geschenke und verteilte Lutscher, Bonbons, Schokolade an uns Kinder. Kinder, die seinem Erscheinen regelrecht entgegenfieberten, sangen schon früh: „De Buer de kümmt“ und andere Kinder machten sich einen Spaß daraus hinzuzufügen „noch lange nicht!“
Das waren schöne Abende, und wir brauchten damals kein Fernsehen.

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Kommentare zu diesem Text

Sternchen (43)
(02.01.18)
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 TrekanBelluvitsh (02.01.18)
Das mit der Liesel ist ja fast so, als würde einer auf KV alle anderen so lange beleidigen und belästigen, bis das jeder für charmant hält und es keine Konsequenzen hat. Darauf ein Eierlikörchen!

Dabei ist deine Geschichte sehr viel besser erzählt...

 EkkehartMittelberg (02.01.18)
Lieber ManMan,
wie du im Münsterland geboren, kann ich mich auch noch an Lamberti erinnern. Du hast es sehr schön erzählt.
Mir war freilich nicht bewusst, dass auch das unschuldige Lied von der dummen Liese der political correctness unterworfen wurde. Es hat uns als Kindern doch Spaß gemacht zu entdecken, dass die dumme Liese gar nicht dumm war.
LG
Ekki
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