Kreuzberger Sommertag

Skizze

von  Kuchen

In der U-Bahn: ein klapperdürrer Bettler, ein Tropfen Rotz zittert an seiner Nasenspitze, seine Bitte um irgendwas ist wortlos, bloßes Wimmern. Eine junge Frau erträgt den Anblick nicht und fängt ihrerseits zu schluchzen an, springt auf, wechselt den Waggon. Sie hat eine Zahnlücke. Ein etwa fünfjähriges Mädchen singt ein Lied in einer Mischung aus Deutsch und Türkisch: „Dilay Einhorn, Dilay Einhorn, Mutlu Olsun, Kutlu Olsun, alles Gute zum Geburtstag“. Eine blinde Frau tastet sich mit ihrem Stock vorwärts, sucht nach einem Sitzplatz. Ein junger Mann in Jogginghose und Unterhemd steht ruckartig auf. Ein Vater sagt seinem Sohn die kommenden Stationen vor, er hat einen niederländischem Akzent. Ein zierlicher Gitarrenspieler mit wallenden Locken macht Klimmzüge an der Haltestange, die Gitarre steht neben ihm. Draußen zwitschern die Vögel. Vor der Eisdiele hat sich eine lange Schlange gebildet, lachende Mütter mit Kindern, manche mit Kopftuch, Jugendliche in kurzen Shorts und rosa Haaren, eine Mittfünzigerin aus Bayern, die sich für den Abend zum Essen beim Vietnamesen verabredet. Gemein ist uns allen das Schwitzen und das geduldige Warten vor dem Schild: bitte den Gehweg freihalten. Ein Kleinkind hält einem alten Mann ungestüm seine Eistüte ins runzlige Gesicht und ruft aufgeregt „Opa auch“. Er kramt umständlich in seiner Hosentasche nach einem Taschentuch, um sich das Erdbeereis von der Nasenspitze zu wischen. Eine Frau mit Kinderwagen ist schneller und reicht ihm eine Serviette. Der Singsang der Berliner Urgesteine, die vor der Eckkneipe Bier trinken, wird von einem plötzlichen Windstoß vorbeigetragen. Ein kurzer Augenblick der Erfrischung. Ich atme. 


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Kommentare zu diesem Text


 Redux (29.06.24, 15:54)
Genau beobachtet. Voller Großstadtbilder.
Schöne Momentaufnahme.

 Kuchen meinte dazu am 29.06.24 um 16:13:
Danke. Kreuzberg hält so viele menschliche Momente bereit, man muss nur die Augen offenhalten!

 Graeculus (29.06.24, 16:52)
Das ist eine eindrucksvolle Schilderung ... und offenbar seit Jahrzehnten gültig.
In den 80ern gab es eine Berliner Band namens Ikarus, zu deren Repertoire der Song "Die letzte U-Bahn" gehörte:

Ich fahr nach Hause mit dem letzten U-Bahnzug,
da sind verdammt viel kuriose Leute drin.
Ein alter Mann mit einem Riesen-Teddybär,
den er liebkost mit einer Stimme wie ein Kind.

Sein Freund hält gierig eine Popkorntüte fest,
als ob was Weiches ihm an seiner Seite fehlt,
doch er ist blau, die Finger finden nicht den Weg,
so ist es gut, daß wirklich keine Frau da steht.

Doch das ist noch nicht alles und genug
in diesem letzten Zug.

Ein junger Held, umwölkt von Lederstiefelduft,
sein Hemd halb offen, doch der Mund schon ziemlich stumm,
Seine Lady schläft in einer Ecke und ist blaß:
träumt sie vom Wecker oder noch vom letzten Spaß?

Ein Typ sitzt neben ihr: wohin die Augen drehn?
Wieviel Sekunden sind erlaubt, sie anzusehn?
Ich glaub, ich halte das die ganze Zeit nicht aus,
so lehn ich mich zurück und schlafe, bis sie gehn.

Doch das ist noch nicht alles und genug
in diesem letzten Zug.

Ne Frau schreit rum mit rotem Kopf und regt sich auf,
weil da ein Typ ne halbe Zigarette raucht,
plötzlich fängt einer einen Rock 'n' Roll-Song an,
"Kennst du noch Elvis?" fragt er jeden alten Mann.

Ein Indianer mit ner halben Flasche Wein
und seiner braungebrannten Sippschaft steigt dann ein,
er geht von Typ zu Typ und quatscht ihn freundlich an,
doch alle fühlen sich verarscht vom roten Mann.

Doch das ist noch nicht alles und genug
in diesem letzten Zug.

[Vom Album "Nachtflug"]

 Graeculus antwortete darauf am 29.06.24 um 16:56:
Das war eine sehr gute Band mit einem phantastischen iranischen Perkussionisten: Mohammad Tahmasebi.
Die Erinnerung ist hochgekommen ... und ich halte sie gerne in Ehren.

 Kuchen schrieb daraufhin am 29.06.24 um 17:31:
Danke fürs Teilen des Textes. Von dieser Band habe ich tatsächlich noch nie etwas gehört. Interessant. Ich werde mir das Lied mal anhören.

 Graeculus äußerte darauf am 29.06.24 um 17:59:
Wenn Du etwas findest über diese Band, dann gib mir bitte Bescheid, denn ich habe nichts darüber finden können, was aus ihr geworden ist.
Damals habe ich in Berlin ihre Konzerte besucht und ihre Platten gekauft.

 Kuchen ergänzte dazu am 29.06.24 um 18:30:
Das Album Nachtflug gibt es auf YouTube:
https://www.youtube.com/watch?v=IywZY6kAT48
Abgesehen davon finde ich nur sehr kurze Beschreibungen des musikalischen Stils.

 Graeculus meinte dazu am 29.06.24 um 19:03:
Aha. Danke. Eine sehr kurze Bescheibung des musikalischen Stils wie hier:

https://www.progarchives.com/artist.asp?id=664

"solid, but not essential". Hm. Ich war damals, anfangs der 80er, begeistert, weil ich einen solchen Stil überhaupt nicht kannte. Und: der Perser an den Percussions, der hier überhaupt nicht erwähnt wird.

Nun, dann höre mal rein und bilde Dir Dein Urteil.

 Kuchen meinte dazu am 29.06.24 um 20:59:
Ich werde es mir anhören und dir ein Feedback geben!

 AchterZwerg (30.06.24, 06:29)
"Wir haben schon immer gesagt: In einem so reichen Land wie Deutschland kommt derlei (nicht) vor."

Außer in ...
(Mehrfachnennungen sind möglich)

 Kuchen meinte dazu am 30.06.24 um 09:51:
Man sieht viel, wenn man hinsieht, Banalitäten, Freude und Leid, aber dieser Mann aus dem ersten Satz hat in seiner Verlorenheit alles übertroffen, was ich je gesehen habe.

 EkkehartMittelberg (30.06.24, 11:20)
Dein genaues Beobachten ist wirkungsvoller als expressive Sozialkritik.
LG
Ekki

 Kuchen meinte dazu am 30.06.24 um 11:40:
Um Kritik geht es mir auch nicht. Es geht um das Leben wie es ist, unbeschönigt und teilweise trotzdem schön.

 Quoth (03.07.24, 22:47)
Es fehlen die vielen, an denen nichts besonders ist, die nicht auffallen, deren Aussehen fast austauschbar ist, die Niemande. Und ein Begriff fällt aus dem Rahmen: "Urgesteine" - ein von der Presse zu Tode gerittener Ausdruck für Leute, die besonders lange dabei waren: Bei der Feuerwehr, bei der CDU, beim Gesangverein ... Aber Berliner ist man nicht durch Beitritt, Berliner ist man von Geburt.

 Kuchen meinte dazu am 04.07.24 um 07:36:
Da muss ich als gebürtige Berlinerin widersprechen. Berliner ist, wer bleibt. Oder: Berliner ist, für wen die Text beschriebenen Menschen Alltagsgestalten sind, also nicht auffällig. 

Als Urgesteine bezeichne ich persönlich Westberliner, die noch berlinern. Das ist bei denen, im Gegensatz zu den Ostberlinern, extrem rar. Es erinnert mich an meine Kindheit, als man den Westberliner Dialekt noch öfter hörte.

 Dieter_Rotmund (07.07.24, 09:40)
Die letzten beiden Sätze sind mir zu sentimental, ansonsten gerne gelsen, erinnert etwas an Gabiys Berlin-Texte.

 Kuchen meinte dazu am 07.07.24 um 13:11:
Interessant, dass ein Windstoß in der stickigen Luft eines heißen Sommertages, für dich sentimental ist - für mich nur ein rein körperliches Erlebnis.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 08.07.24 um 09:54:
Bitte beachten, ich schrieb: Die letzten beiden Sätze. Also beziehe ich mich auf den letzten und den vorletzten Satz.

 Kuchen meinte dazu am 08.07.24 um 10:38:
Ein kurzer Augenblick der Erfrischung. Ich atme. 
Ja, ein Windstoß fühlt sich auf erhitzter Haut erfrischend an und ist angenehmer einzuatmen als stickige Luft. Oder?

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 08.07.24 um 11:33:
Ja, aber das ist nur eine sentimental formulierte  Zustandsbeschreibung, zudem drängt sich plötzlich ein Ich-Erzähler auf, den es einfach nicht braucht! Manchmal ist weniger mehr.

 Kuchen meinte dazu am 08.07.24 um 11:47:
Geschmacksache.
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