Mein Nachbar, meine Drohne, mein Desaster
Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen aussieht. Kommen Sie gut mit Ihrer Nachbarschaft aus?
Es gibt da ja die unterschiedlichsten Typen. Vertrauensvolle und solche, die man lieber von hinten sieht.
Welchen Nachbarn würde ich bitten, mich auf seine Toilette zu lassen, während meine verstopft ist, und der Handwerker erst morgen kommt?
Oder wem vertraue ich so sehr, dass ich ihn in meiner Küche meine Frikadellen fertig braten lasse, während ich noch schnell zum Supermarkt düse und den Salat kaufe, den ich vergessen habe?
Die einen nerven, von den anderen hört und sieht man kaum etwas.
Manche meidet man, wie die Katze die Dusche, manche findet man sympathisch.
Nun, der Nachbar von dem ich Ihnen jetzt erzählen möchte, lebt in einem kleinen, eineinhalbstöckigen Haus, mir schräg gegenüber. Uns trennen höchsten zehn, zwölf Meter. Dazwischen zwei schmale Bürgersteige und ein Seitensträßchen.
Also im Grunde genommen, komme ich gut mit ihm zurecht. Er lebt alleine, jedenfalls einige Wochen im Jahr. In den anderen sieht man ihn mit wechselnden weiblichen
Begleiterinnen.
Was er beruflich macht? Hab mal gehört, er arbeite für eine Zeitung. Jedenfalls scheint er einer geregelten Arbeit nachzugehen. Morgens gegen halb acht steigt er in sein Auto und fährt los, nachmittags zwischen vier und fünf parkt er die Kiste wieder vor seiner Haustür.
Sein Erscheinungsbild ist eher machohaft. Hängengeblieben in den 50er, 60er Jahren des letzten Jahrhunderts.
Er ist etwa Anfang fünfzig, groß gewachsen, muskulös, immer mit schwarzem T-Shirt und schwarzer Jeans gekleidet. Gegelte, glänzende, schwarze Haare, lange Koteletten. Um seine Sonnenbrille zu tragen, muss für ihn nicht unbedingt die Sonne scheinen. Er fährt einen alten, dröhnenden Ford Mustang.
Wenn das Wetter es zulässt, hört man aus seinen geöffneten Fenstern laute Musik. Beatles, Stones und Who. Die waren zwar in seiner Jugend schon Veteranen, aber aus irgendeinem Grund hat er wohl einen Narren an dieser Art Musik gefressen.
Treffen wir uns mal zufällig vorm Haus, oder beim Einkaufen, wechseln wir höflich ein paar Worte über Belangloses, ansonsten haben wir kaum Berührungspunkte. Jeder lebt in seiner Welt.
Was er über mich denkt, weiß ich nicht.
Einige meiner Nachbarn halten ihn für einen Mann, der gerne den Rambo gibt. Ein Vorstadt-Elvis. Ein Macho, der auf dicke Hose macht, aber irgendwo in einer pubertären Vergangenheit stecken geblieben ist. Der nicht bindungsfähig ist, der aber im Großen und Ganzen nicht negativ auffällt.
So lange er samstags vor seinem Haus den Bürgersteig kehrt, wird er von uns geduldet. Wir sind ja schließlich keine Spießer.
Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich sogar ein wenig neidisch auf ihn bin.
Auf seine Ungebundenheit, auf seine Mir-ist-völlig-schnurz-was-ihr-von-mir-denkt-Mentalität. Auf seine, zumindest zur Schau gestellte, Jugendlichkeit.
Doch dieses Bild wurde für mich vor wenigen Tagen innerhalb weniger Sekunden total zerstört. Ich bin immer noch schockiert. Mein Glauben an meine, über Jahrzehnte angeeignete Menschenkenntnis, liegt nun zertrümmert und zerschlagen vor meinen Füßen.
Und das kam so:
In einem Werbeblatt eines großen Elektrohändlers stieß ich auf das äußerst günstige Angebot einer Kameradrohne. Schon lange hatte ich mich für dieses Spielzeug der Gelangweilten interessiert. Und nun konnte ich nicht anders. Am nächsten Tag erstand ich den Quadrocopter „Holy Throne HT 100“ mit GPS, live übertragender HD-Kamera, Follow-me-Funktion und 120 Grad Aufnahmewinkel.
Sowie ich die Bedienungsanleitung überflogen und einigermaßen kapiert hatte, und der Akku aufgeladen war, fuhr ich mit meinem neuen Spielgerät zu einem abgeernteten Kartoffelacker und ließ den Quadrocopter fliegen, bis die Rotoren qualmten.
Er funktionierte wie geschmiert, und ich atmete an diesem Tag so viel frische Luft, wie lange nicht mehr.
An der Fernsteuerungsbox, kann man das Smartphone befestigen und live die Bilder verfolgen, die die Drohnenkamera gerade aufnimmt. Hoch oben, so lautlos wie ein Vogel, schwebte nun mein drittes Auge und zeigte mir alles aus sicherer Entfernung. Wie ein Spionagesatellit.
Spionagesatellit. Dieses Wort ging mir irgendwie nicht mehr aus dem Hirn.
Ich könnte doch....
Aber das tut man doch nicht, mahnte eine Stimme in meinem Kopf.
Aber es sieht doch keiner, wenn ich warte, bis es dunkel ist.
Aber dann siehst du doch auch nix.
Doch! Ich könnte ja mal...nur kurz...durch die Fenster in die beleuchteten Zimmer...
Ich weiß nicht mehr, wie viele Tage ich mit der Stimme in meinem Kopf gerungen habe.
Ich weiß nur, dass ich diesen Kampf verloren hatte.
Es war an einem Sonntagabend im August. Der Tag war brütend heiß gewesen und jeder, der ein Fliegengitter vor seinen Fenstern hatte, war froh, jetzt, nachdem die sengende Sonne endlich hinterm Horizont verschwunden war, diese aufzureißen.
Das tat auch ich. Dabei bemerkte ich, dass auch mein Nachbar seine Fenster geöffnet hatte, aus denen ich leise Stimmen vernahm, untermalt von Geigenmusik, von denen ich vermutete, dass sie aus seinem Fernseher kamen. Ich konnte nicht verstehen, was da gesprochen wurde, aber diese Situation ließ diesen einen Gedanken, dieses eine Wort wieder in mir aufkeimen.
Und so tat ich, was ich tun musste.
Lautlos bewegte sich meine Drohne über die uns trennende Straße hinweg zum Nachbarn hin. Sein Wohnzimmer ist im unteren Stockwerk, und ich konnte mattes Flimmerlicht erkennen, das mir zur Orientierung und Steuerung nützlich war. Die Straße war nur spärlich mit Laternen versorgt, die auch noch weit auseinander standen. Zudem war sie menschenleer.
Vorsichtig steuerte ich die Drohne zu seinem Fenster und ließ die Kamera über die Fensterbank lugen.
Zu meinem Glück, waren die Vorhänge zur Seite gezogen und gaben mir freien Blick in sein Wohnzimmer. Das Fliegengitter störte nur minimal.
Mit klopfendem Herzen und schweißnassen Händen stand ich an meiner Hintertür und starrte gebannt auf mein Smartphone. Der Macho saß auf der linken Seite in einem Ledersessel und blickte auf seinen Fernseher, der ihm gegenüber an der Wand hing. Außer ihm war anscheinend niemand in seiner Wohnung. Ich konnte erkennen, dass er ein T-Shirt trug und nackte Füße hatte, alles andere war von der Sessellehne verdeckt.
Aber warum schaute er so unglücklich? Diesen Gesichtsausdruck hatte ich bei ihm noch nie gesehen. Warum rieb er sich ständig mit einem Taschentuch über die Augen?
Das sah ja fast so aus, als weinte er.
Sofort steuerte ich den Quadrocopter so, dass die Kamera den Fernseher voll ins Bild bekam und zoomte näher ran.
Ich rückte meine Kopfhörer zurecht und konnte nicht glauben, was da abging.
Als ich verstand, was mich meine Augen und Ohren erleben ließen, als ich begriff, was dieser harte Kerl, dieser Macho aller Vorstadtmachos sich da anschaute, setzte kurz mein Herzschlag aus, und der Schweiß spross mir schlagartig aus allen Poren.
Mir fiel ein, dass ich es eben noch in meiner Programmzeitschrift gelesen hatte:
Rosamunde Pilcher!
Sie werden sicher verstehen, dass ich die Drohne momentan keines Blickes würdige.