Mein Nachbar

Text

von  dubdidu

Mein Nachbar schämte sich für sein Gesicht

In seiner Zornesfalte hatte sich

Die Armut seines Elternhauses eingegraben

Das Schweigen seiner Mutter hing wie

Ein Schwergewicht aus Blei an seinen Lippen

In seinen Augen schwirrte seines Vaters Wüten

auf der Stelle wie ein Kolibri aus Kohlenstaub

In seinen Nüstern bebte eine Kinderfurcht

 

Mein Nachbar hielt sehr oft und laut Gericht

Er rümpfte seine Nase über andere Menschen,

Sitten: die sollten sich was schämen,

Die nähmen nur und gäben nichts, gehörten

Abgeschoben. Die dächten nicht und seien

Ferngesteuert, Automaten, faule Parasiten,

Kriecher, Kriminelle - er selbst ein großes Licht, Elite,

Vom Mainstream unterdrückt, zu kurz gekommen.

 

Mein Nachbar schrieb gern klagende Geschichten

Und rhythmisierte seine Häme in Gedichten

Und seine Worte ließ er zackig wie Soldaten

In Reih und Glied und Rüstung aufmarschieren.

 

Zwischen den Zeilen

Schwirrte ein Kolibri aus Kohlenstaub

Immerzu auf der Stelle.


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Kommentare zu diesem Text


 Augustus (29.08.25, 09:18)
Bedenkt man, dass ein Kolibri farblich schön bunt ist, wahnsinnig gute Flugkünste besitzt, seine Nahrung der Nektar ist aus süssduftenden Blumen, u.a. Schädlingsbekämpfer ist, da er ferner Insekten verspeist, ein solcher Nachbar ist doch ganz angenehm, selbst wenn er da und dort untertreibt.

Kommentar geändert am 29.08.2025 um 09:19 Uhr

 dubdidu meinte dazu am 29.08.25 um 09:30:
Dieser Kolibri ist aus Kohlenstaub, also nicht bunt, sondern schwarz, das ist ja das Ding. Auch ist der Kolibri nicht der Nachbar, schwirrt in den Augen des Nachbars als Reminiszenz oder Trauma.
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