Jeder Mensch ist einzigartig; nicht nur genetisch, auch seine Erfahrungen und die Art und Weise, wie er mit den Erfahrungen umgeht (bewusst oder unbewusst), kurz: was er daraus macht, ist einzigartig. Kollektive Erfahrungen sind Konstruktionen. Zwar mögen viele Menschen zur selben Zeit am selben Ort demselben Ereignis beiwohnen, aber jeder erlebt es anders, seiner Einzigartigkeit entsprechend.
Der Tod unseres Großvaters war die erste bewusste Konfrontation mit dem Tod, an die mein Bruder (11) und ich (15) uns erinnern. Wir erinnern uns beide sehr klar seine Beerdigung und sehr anders. Mein Bruder erinnert sich sehr genau an seine Enttäuschung über die Predigt, die so unpersönlich war, dass niemand den Menschen, der mein Großvater war, darin erkannt hätte. Der Pfarrer war meinem Großvater nie begegnet und leierte ein paar Tatsachen herunter. Mein Großvater war nicht gläubig und vermutlich nur in der Kirche geblieben, weil sie ihn nicht genug provozierte, um den Aufwand des Austritts zu rechtfertigen. Vermutlich. Ob er heimlich doch gläubig war, vielleicht nur mit einem winzigen Anteil, der im Alltag nicht zutage trat, weiß ich nicht. Seine Mutter, meine Urgroßmutter, jedenfalls war sehr katholisch und "rannte ständig in die Kirche", die sie Kärsche nannte, wie meine Mutter erzählte. Mein Großvater ist also mit Sicherheit zur Gläubigkeit erzogen worden. Inwiefern diese Erziehung gefruchtet hat, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Zumindest merkte ich meinem Großvater keine Gläubigkeit an, er war ein rationaler Typ und vor allem an Technik interessiert. Vielleicht, auch das ist denkbar, hielt ihn auch der bloße Gedanke an seine gläubige Mutter vom Kirchenaustritt ab. Ich weiß es nicht.
Die unpersönliche Predigt störte mich nicht. Ich erinnere mich zwar, in einer großen gothischen Kirche gestanden zu haben, aber nicht an die Predigt. Ich hatte mein übliches Kirchengefühl, eine Mischung aus Anspannung und Langeweile und keine Erwartung an die Predigt. Einen stärkeren Eindruck machte auf mich die Kremation im Anschluss in einer kleinen Friedhofskapelle. Flammen hinter einer Glaswand. Besonders aber erinnere ich mich daran, dass einer meiner Onkel weinte. Es berührte mich sehr, diesen Onkel weinen zu sehen; einen ruppigen, distanzierten Typen, der ganz anders als sein jüngerer Bruder nichts Weiches, Warmes an sich hatte. Ich kannte meinen Onkel schon mein ganzes Leben, aber in dem Moment, als ich ihn weinen sah und er mich gar nicht anschaute, war es plötzlich möglich für mich, eine Verbundenheit mit ihm zu empfinden. Das war auch der einzige Moment. Umso nachhaltiger war diese Erfahrung für mich. Überhaupt habe ich eine freundliche, schöne Erinnerung an das Zusammensein mit der Familie. Mein Großvater war trotz seiner enormen Schweigsamkeit ein Mensch gewesen, der zu allen Kontakt hielt, zu seiner Cousine in Tschechien, zu seinem kleinen Bruder, dem Alkoholiker, zur Witwe seines großen Bruders in der DDR. Ich spürte diesen verbindenden Geist bei der Beerdigung und erlebte die gemeinsame Traurigkeit als tröstlich. Dass wir uns beim anschließenden Leichenschmaus auch über andere Dinge unterhielten, empfand ich als heilsam. Ich erinnere mich daran, dass ich eine Cousine zweiten Grades, ein Grundschulkind, in ihrem Rollstuhl rennend den Hügel vor der Kapelle hinunterfuhr, um sie zum Lachen zu bringen. Ich brauchte das fröhliche Lachen dieses Kindes.
Ganz anders mein Bruder: er empfand die gelöste Stimmung beim Leichenschmaus als Respektlosigkeit meinem Großvater gegenüber. Als wäre die Familie nicht traurig genug. So unterschiedlich können zwei Menschen ein und dieselbe sozial-emotionale Situation zu einem gegebenen Zeitpunkt wahrnehmen. Fragte ich alle anderen Familienmitglieder, hätte sicher jedes von ihnen eine andere einzigartige Geschichte zu erzählen. Auch individuelle Erfahrungen sind Konstruktionen. Und doch: ein beliebiger fremder Friedhofsbesucher hat uns womöglich als Masse wahrgenommen.