Auch der jüngste Sohn kam als Mörder seines Vaters nicht infrage, weil er sich zum Tatzeitpunkt weit entfernt in einer Drogentherapieeinrichtung befunden hatte und dort keine Abwesenheit verzeichnete. Nur, um sich einen Überblick über die Gesamtsituation zu verschaffen, beschäftigte sie sich mit seinem Lebenslauf.
Da der Vater wegen der Führung seiner Firma nur selten zu Hause war und wie bei den beiden anderen Söhnen die Zuständigkeit für das Kind ganz und gar an die Mutter delegiert hatte, konnte man die Mutter als Verheiratet-Alleinerziehende betrachten, die beflissen war, ihm eine schonende Erziehung von möglichst hoher Qualität zu verschaffen.
Als Vorbild taugte der unfreundliche und an der Familie nur marginal interessierte Vater ja nicht. So orientierte sich der hochsensible Jugendliche an seiner Mutter und arbeitete wie sie schließlich in der medizinischen Branche, was er allerdings nervlich schlecht verkraftete, so dass Krisen sich manifestierten. Nachdem er seine Tätigkeit als Rettungssanitäter aufgab, fand sich keine alternative Berufslösung und er schlidderte in Kreise, wo allerhand moderne Drogen die Runde machten. Der plötzliche Tod seines Vaters schockierte ihn.
Die Diagnose therapiebedürftige Drogensucht offenbarte sich relativ spät im Leben. Mit knapp 30 Jahren war das kein Jugendlicher mehr, der in solche Kreise geriet, sondern ein labiler Erwachsener. Demzuvor hatte er bei seinem Vater die Rolle des Vorzeigesohnes gespielt. Vor allem gegen die Mutter seines älteren Bruders aus der vorherigen Ehe war die positive Entwicklung des Jüngeren immer wieder zur Schau gestellt worden, um ihr ihre Fehler als Mutter und Ehefrau vorzuhalten.
Männer, die eher ohne die Mitwirkung ihres Vaters aufwachsen und sich am Vorbild der Mutter entwickeln, können in manchen Fällen zu Übersensibilität und Labilität neigen wie in dem hier beschriebenen Fall. Fehlt die Mutter, geschieht das Gegenteil. Ein näher am Vater aufgewachsener Mann wird tendenziell eher zur Härte und Gewalttätigkeit neigen, wenn auch viele andere Faktoren dabei zu bedenken sind.
Anmerkung von Regina:
Auszug aus einem Kriminalroman
Ähnlichkeit mit lebenden Personen wäre rein zufällig