Aussteigen

Gedicht

von  Hannes

Es gibt nichts mehr, das mich hier hält
in dieser bösen, blöden Welt.
Sie wird auch ohne mich besteh’n.
Ich werde geh’n.

Nur suche ich den richtigen Steg,
der mich bringt auf diesen Weg.
Hab’ mich in der Geschichte festgelesen,
wie das früher so gewesen.

Dort fand ich Diogenes in der Tonne.
Der sagte „Geh’ mir aus der Sonne“
zu Alex dem Großen, der ihn genierte
und seine Aussicht ruinierte.

Das war ein Mann nach meinem Sinn,
doch schaute ich noch weiterhin
nach and’ren Möglichkeiten aus
und fand ein Eremitenhaus.

Dort lebte ruhig und ungestört
einer, der auf Stille schwört.
Ich war davon ganz angetan,
sah trotzdem noch was and’res an.

Ich fand einen Mönch in  ‘ner Einsiedelei,
der aß gerade Spinat mit Ei
und jammerte über sein Zölibat.
Das war für mich überhaupt nicht probat.

Ich las über den Monte Verita
und auch in der Bhagavadgita.
Bin bis nach Indien geflogen
zu den orangenen Baumwollroben.

Ich hörte Shree Rajneesh Ashram,
und seine Lehren, als ich ankam
in Puna still in Andacht meditierend.
Doch die Touristen sind frustrierend.

Zuhause las ich Siddharta vom Hesse
mit der nötigen Akkuratesse.
Das war nicht mein Ding
und ich ging

ins Kino, sah Easy Rider
und Woodstock und Hippiekleider.
Wollte ich so sein ?
Im Blumenhain ?

Doch das Alte war vergangen,
passé , verstaubt und abgehangen,
abgenudelt, ausgelutscht
und ist mir dann auch durchgerutscht.

Ich probierte rosarote Brillen,
Joints, Schnaps und viele bunte Pillen.
Doch ohne Brille wird die Welt wieder grau.
Saufen hilft ein wenig, doch macht dich nur blau.

Alles Bemühen hat bis jetzt nix gebracht.
Da hab’ ich nochmals nachgedacht.
Ich wollte die Welt doch vor mir verbergen,
diesen kläglichen Haufen voller trostloser Scherben.

Da fiel mir der Vogel Strauß ein.
Der hat `ne Methode. Ganz fein.
Der steckt den Kopf in den Sand,
dann ist die Gefahr gebannt.

Auch irgendwie Scheisse, aber dann seh’ ich wenigstens nicht,
wer mich in den Arsch fickt
oder den Hals durchbeißt.

Da fällt mir die Seidenraupe ein.
Die baut ein Gespinst. Ganz fein.
Aus edlen Fäden ganz dicht.
Die Welt drumherum sieht sie nicht.

Auch irgendwie Scheisse, bringt nur paar Tage Ruhe, dann werd’  ich in kochendes Wasser geschmissen und umgebracht und irgendjemand entreißt mir mein mühsam erschaffenes Lebenswerk und macht damit seinen Reibach und irgendjemand stolziert dann über einen roten Teppich in einer teuren Seidenbluse und meint, das wäre ihr Eigentum.
Da lass’ ich doch alles beim alten. Da ist es genau so.

Leben auf dem Land, Selbstverwirklichung, flexitarische Ernährung;
es kann doch nicht so schwer sein, sich auszuklinken.

einigeln abschotten fernhalten
weglaufen verbergen vergraben
aussteigen abspringen isolieren

gleichgültig teilnahmslos ungerührt wurschtig interesselos  unbeteiligt

Heureka, jetzt weiß ich, endlich, wie’s geht.
Hurra,  etwas spät, aber noch nicht zu spät :
Ganz einfach : Daheim.
Und ganz ohne Reim.

Ich streue in meinem nach Fēng Shuǐ – Geichtspunkten gestalteten Loft
einen Feldenkrais aus biologisch angebauten Quinoasamen
auf meinen Teppich aus Alpakawolle,
lege ein Seidenkissen in dessen Mitte,
setze mich im Lotussitz darauf,
in der linken Hand eine Dose Prosecco,
in der rechten Hand eine tibetanische Gebetsmühle
und spreche die heilige Silbe
„ICH“ – „ICH“  - „ICH“
mehrmals rhytmisch-dynamisch vor mich hin
bis ich im Inneren egomanische Schwingungen verspüre.

Wenn ich dann nach einer Zeit den Kreis wieder verlasse,

bin ich und ist die Welt um mich herum  ......



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Kommentare zu diesem Text


 DanceWith1Life (13.01.26, 14:55)
Perspektivisch interessant 
Wo ich meinen Frieden fand
Fehlt mir mal der ganze Mut
Stürz ich mich in den Disput
Ist dafür dann keiner frei
Nehm ich Spiegel manchmal drei
Sind wir ehrlich die Idee
Der besseren Welt als Odyssee 
War schon eine Reise wert
Auch wenn nichts sich wirklich klärt

 Regina (13.01.26, 15:01)
Interessante Historie von ausstiegsversuchen, die am Ende am Ego abprallen.

 Saira (13.01.26, 15:31)
Hannes, du probierst im Text so viele Wege aus: Diogenes, Eremiten, Ashrams, Drogen, Landleben, Hippieträume. Alles wirkt kurz wie eine Lösung, aber nichts trägt. Und genau das fühlt sich sehr echt an. Es gibt offenbar keinen Ort mehr, an den man einfach gehen kann, um der Welt zu entkommen. 

Am stärksten fand ich das Ende mit dem „ICH“. Dieses ganze Feng-Shui-, Quinoa-, Meditations-Setting ist witzig und gleichzeitig traurig, weil es zeigt, wie wir am Ende bei uns selbst landen ... nicht aus Tiefe, sondern aus Erschöpfung. 

Auch der Stil passt dazu: mal gereimt, mal chaotisch, mal bitter, mal komisch. Das liest sich wie jemand, der wirklich sucht und dabei immer wieder hängenbleibt.

Für mich ist das kein lustiger Aussteigertext, sondern ein sehr zeitgenaues Gedicht über Überforderung und Rückzug. 


LG
Saira
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