Schon als Kind habe ich den Luchs zu meinem Lieblingstier gewählt. Vielleicht lag es an den spitzen Ohren, die wie feine Pfeile nach oben zeigen.
Vor einer Woche sah ich einen Film über ein sehr junges Luchskätzchen, das verletzt in der Wildnis gefunden wurde. Es war so winzig, dass es auch eine Wildkatze oder eine Hauskatze hätte sein können – wären da nicht der verräterische Stummelschwanz und die seltsamen Ohren gewesen. Die Familie pflegte das Kätzchen gesund und hielt es so lange, bis es groß genug war, wieder ausgewildert zu werden.
Nachdem man die ausgewachsene Luchskatze im Auto zu einem entfernten Wald gebracht hatte, kam es zu einer erstaunlichen Szene. In der Nähe war ein interessiertes Luchsmännchen, zu dem sich die Luchsdame offenbar hingezogen fühlte. Verunsichert blickte die Katze die Pflegefamilie an. Mit Handzeichen zeigte sie ihr, dass sie sich entfernen und das Abenteuer in der Freiheit wagen solle. Daraufhin ging die Luchsdame auf das Männchen zu.
Erstaunlich war für mich, dass die Luchsdame die Absichten der Pflegefamilie zu akzeptieren schien und diese dann verließ. Zum Glück war das Interesse (dank der Verführungskünste des Luchsmännchens) offensichtlich nicht einseitig, denn sonst wäre das Auswildern womöglich schwerer geworden.
Nach einiger Zeit – ich weiß nicht mehr genau, wie lange – stand das Luchsweibchen plötzlich vor der Haustür der Pflegefamilie. Die Familie konnte es kaum fassen, denn der Wald, in dem sie das Tier ausgewildert hatten, war viel zu weit entfernt, um von dort zum Haus der Pflegefamilie zurückzufinden. Zudem war die Luchsdame nicht allein. Hinter ihr quietschten drei winzige Luchskinder. Da wurde der Familie klar: Die Luchsmama hat den sichersten Ort für die Aufzucht ihres Nachwuchses gewählt.
Heute denke ich, dass Wildtiere intelligenter sind als Haustiere, weil sie viel mehr Herausforderungen meistern müssen, um zu überleben. Und tatsächlich sah ich, wie der Luchs nicht nur die Tür mit der Pfote öffnete – wie man es auch bei manchen Hauskatzen sieht – sondern sie auch wieder hinter sich schloss. So etwas hatte ich bei Hauskatzen noch nie gesehen. Ja, darüber habe ich wirklich gestaunt.