Antons Hände
Sozialdrama zum Thema Lebensweg
von Citronella
Es war ja nicht so, dass Anton F. nicht auch Köpfchen gehabt hätte – er war klug und vor allem wissbegierig. Aber die Umstände zu seiner Zeit ließen nur eine einfache Volksschulbildung zu.
Wenn man über Antons Hände und das, was sie im Laufe seines Lebens so alles trugen und schafften, was sie im Guten und im Bösen bewirkten, errichteten und retteten, berichten will, kann man dies nicht ohne den entsprechenden geschichtlichen Rahmen tun.
Als Kind einer bettelarmen Familie mit sechs Geschwistern lernte er schon in sehr jungen Jahren seine Hände zur Verteidigung und Abgrenzung einzusetzen. Die Schlafplätze in der kleinen dörflichen Wohnung waren beengt, die Kinder schliefen zu mehreren in einem Bett. Unter diesen Umständen war es selbstverständlich, dass ein Kind sofort nach der Konfirmation aus dem Haus musste. Ein Esser weniger. In seinem Fall hieß das ein hartes Arbeitsleben auf einem Bauernhof. Nun schlief er zwar in einem eigenen Bett und bekam regelmäßige, wenn auch karge Mahlzeiten vorgesetzt, musste sich aber dem patriarchischen Bauern absolut unterordnen, dem auch schon mal die Hand ausrutschte. Antons Hände arbeiteten weitestgehend mit einer Schaufel. Wie viel Kraft konnte ein unterernährter 14-Jähriger in diese Arbeit stecken?
Man schrieb mittlerweile das Jahr 1927. Zehn Jahre und mehrere weitere Arbeitsverhältnisse später hielt Anton andere Utensilien in Händen, die acht Jahre lang seine Begleiter werden sollten. Der zweijährige Wehrdienst ging fast nahtlos in den Kriegsdienst über. In den ersten Kriegsjahren in Norwegen und am russischen Lagoda-See leistete er zunächst wiederum harte körperliche Arbeit als Pionier beim Brückenbau. Seine Hände waren mittlerweile kräftig und zupackend geworden.
Über die weiteren Kriegsjahre in Russland sprach er später nicht viel. Einmal war er, der Flachländer, sogar auf Skiern unterwegs. Der Krieg – ein Abenteuer für einen einfachen Bauernknecht.
Den März und April 1945 verbrachte Anton nach der einzigen Kriegsverletzung in einem norddeutschen Lazarett. Ende April sah er keine Veranlassung mehr, noch einmal zu seiner Einheit zurückzukehren. Er schnappte sich kurzerhand ein altes Ruderboot, das er mit kräftigen Schlägen über den großen Fluss ruderte, und floh zu seiner Mutter auf der anderen Seite. Sie versteckte ihn während der letzten Kriegstage. Eine gefährliche Aktion, die böse hätte ausgehen können.
Anton machte dort weiter, wo er vor Jahren aufgehört hatte: Auf einem Bauernhof. Seine Hände waren nun zu vielem mehr fähig als vor dem Krieg, aber nur das Wenigste neu Erworbene taugte in Friedenszeiten. Er arbeitete fleißig und hatte bald eine kleine Familie zu versorgen. Das Leben blieb hart und war ab und zu nur noch mit Alkohol zu ertragen. Frau und Kinder bekamen seine kräftigen schwieligen Hände nun immer öfter zu spüren.
Eine schwere, zunächst unheilbar scheinende Krankheit warf ihn für eine lange Zeit zurück. Aber noch einmal ging alles gut, und er machte weiter mit der Hände Arbeit, diesmal im Straßenbau. Wind und Wetter ausgesetzt zu sein, hatte ihm sein Leben lang nichts ausgemacht. Aber dem Alkohol konnte er nach wie vor nicht widerstehen. Sein Familienleben rutschte immer weiter in die Katastrophe. Die Kinder hatten sich längst losgesagt, seine Frau schaffte den Absprung nicht und verbitterte zusehends.
Die Schaufel, die Harke, Gartenwerkzeuge aller Art blieben bis ins Alter ein fester Bestandteil seines Lebens. Er brachte sein kleines Gärtchen zum Blühen, freute sich wie ein Kind über jedes selbst gezogene Gemüse. Am liebsten hielt er sich nach wie vor draußen auf, und wenigstens der Hund, der die Kinder ersetzt hatte, hielt noch zu ihm.
Nach fast drei Jahrzehnten kehrte die Krankheit zurück. Anton, seit Kurzem in Rente, wurde schwächer. Schwere Arbeiten gelangen ihm nun nicht mehr, seine Hände hatten keine Kraft mehr. Er war nur noch ein Schatten seines früheren Selbst, als er mit 73 Jahren endgültig aufgeben musste.