Das Leiden ist Passivität und Ohnmacht, vor allem wenn sie unangenehm sind – z. B. eine entstehende Erkältung, die drückt, brennt, kratzt, verwundet und mich deutlich verhässlicht. Da das Leiden eine Ohnmacht ist, erklärt sich die Faszination für den großen Verbrecher, der zunächst erfolgreich den Spieß umdreht, indem er Macht ergreift. Wer aber ein religiöses Heil sucht, muss etwas masochistisch werden, indem er das Leiden zu lieben lernt. Der Hass gegen das Leiden ist das Natürlichste und zugleich größte Hindernis. Ich komme immer wieder auf diesen Psychosomatismus zurück: Hass macht hässlich. Und es ist schwer, das Hässliche nicht zerstören zu wollen, geschweige denn lieben zu können. Hier muss etwas ganz Unnatürliches geübt werden – Religion als Kulturleistung. Auch in der künstlerischen Aktivität wird das Leiden sublimiert, insofern die Passivität überwunden wird. Jedoch reicht ein missglückter Versuch nicht aus. Befriedigen kann nur ein werdendes Werk, eine verfestigte Wahrheit, die immer auch schön sein muss, weil sie wahr ist – wie manche Tiere und Kinder es sind. Trotz kommender Erkältung und schlafloser Nacht hat mich dieser Aphorismus etwas erleichtert. Unerträglich ist dagegen das Gefühl, dass sich das Leiden nicht lohnt, falls es nicht einmal zur Weisheit führt – der Bedingung für künftige Besserung.
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