Auf der Rolltreppe

Text

von  please

Auf dem Weg zur S-Bahn, morgens, die Stufen runter, weil die Rolltreppe wieder nicht funktioniert. Die Rolltreppe hoch geht aber und von dort brüllt es plötzlich. Ein richtiger Schreihals. Zuerst nur: ey! Bisschen agressiv, Typ um die Fünfzig, raue Stimme, Stadionstimme, Bierstimme. Alle schrecken auf. Dann er wieder, sehr fokussiert: ey Andi!
Ah, gut also, er meint nicht uns, will nichts von uns (denken alle), er meint Andi. Aber was ist mit Andi? Andi hört ihn nicht, der hat Kopfhörer drin, läuft genau vor mir die Treppen runter. Der Schreihals nimmt also die Finger in den Mund und pfeifft. Er kann das richtig gut, sehr laut, aber Andi hört ihn einfach nicht. Der Schreihals rudert mit den Armen, die Rolltreppe ist voll, vor ihm,  hinter ihm, überall stehen Leute, er kann nicht zurück, nicht schneller hoch, treibt ab, verzweifelt schon, während Andi vor mir ahnungslos den Schacht hinuntersteigt. Ich hab den Ernst erkannt, aber ich zögere, sollte ihn besser nicht ermutigen. Es ist die letzte Chance, bevor der Schreihals spurlos verschwinden wird, sein Schrei ungehört verhallen wird im trüben Tag. Er tut mir leid genug. Ich tippe Andi auf die Schulter, er dreht sich um, zieht am Kopfhörerkabel, schaut mich fragend an. Ich zeige hinter mich, hinauf, alles ohne Worte. Andi erkennt seinen Freund, setzt den Kopfhörer zurück, winkt kurz im Abstieg und blickt wieder geradeaus. Wie wichtig es dem Schreihals gewesen ist, seinen Freund zu grüßen. Sich zu zeigen. Als hinge seine Existenz davon ab, als sei es ein Beweis, dass es ihn wirklich gibt, wenn sie einander auch außerhalb der Kneipe, fern des Fußballplatzes oder was weiß ich wo, wenn sie sich zufällig begegnen. Ich kenne das von den Kindern. Wenn sie beim Abholen vom Kindergarten vom Fahrrad aus ihre kleinen Freunde auf dem Bürgersteig entdeckt haben. Für sie war das insane. Sie rufen ihre Namen, winken, die Namen funktionieren. Sie freuen sich. Das ist so rührend. Dann kann ich dem Schreihals auch nicht böse sein, auch wenn er früh am Morgen schon soviel Krach macht, uns allen so viel Schreck und Stress mitgibt, genug für einen ganzen Tag.


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