Es ist nicht einfach, auf der Welt zu sein. Alle werden ständig von kleinen Dingen, die schiefgehen, aus der Fasson gebracht: ein Mann wird von einem Freund beleidigt, eine Frau von ihrer Familie übersehen; ein Ehepaar hat einen schlimmen Streit miteinander oder seinem pubertierenden Kind. Oft weinen Menschen, wenn sie unglücklich sind. Das ist natürlich.
Als ich jung war, arbeitete ich für kurze Zeit in einem Büro. Wenn die Mittagspause nahte und wir hungrig und müde und gereizt wurden, fingen wir an zu weinen. Legte mir mein Chef um diese Zeit einen Aktenordner mit Zahlenkolonnen auf den Schreibtisch, fegte ich ihn verärgert zu Boden. „Rechnen Sie!“, pflegte er mich dann anzuschreien und ich zurück: „das werde ich nicht tun!“. Aus dem Schreien kam er gewöhnlich nicht so schnell heraus; er schrie seine Frau, seinen Bruder, einen Lieferanten durch den Telefonhörer an und knallte ihn auf die Gabel; er schrie eine surrende Fliege an oder den Papierkorb. Wenn er dann in die Mittagspause aufbrach, liefen ihm Tränen der Frustration über die Wangen. Den Bekannten aus dem Büro im 5. Stock, der ihn zum Essen abholen wollte, ignorierte er, sodass sich auch die Augen des Bekannten mit Tränen füllten.
Nach dem Mittagessen ging es uns üblicherweise besser und im Büro herrschte ein ganz normales geschäftiges Rattern; Angestellte, die mit Aktenordnern umhereilten, plötzliche Lachanfälle vom Flur oder der Toilette. Bis zum späten Nachmittag ging es gut mit der Arbeit. Aber dann wurden wir wieder hungrig und müde, müder noch als mittags, und wir fingen wieder zu weinen an.
Noch immer weinend verließen die meisten von uns das Büro. Im Fahrstuhl rempelten wir einander an und auf dem Weg zur U-Bahn warfen wir unbekannten Passanten vernichtende Blicke zu. Stur drängten wir uns die Treppe zum Bahnsteig hinunter, ohne Rücksicht auf die uns entgegenkommenden Fahrgäste zu nehmen.
Es war Sommer. Es gab keine Klimaanlage in den U-Bahn-Waggons und während wir dicht an dicht in der schaukelnden U-Bahn standen, mit tränennassen Gesichtern, lief uns der Schweiß den Rücken hinunter, die Oberschenkel klebten zusammen und die Füße der Frauen schwollen in ihren zu engen Schuhen an.
Manche hörten auf dem Heimweg allmählich auf zu weinen, besonders jene, die einen Sitzplatz ergattert hatten. Sie blinzelten die Tränen aus den feuchten Wimpern und lutschten befriedigt an ihren Fingern, während sie mit noch immer glänzenden Augen in Büchern oder Zeitungen blätterten.
Vielleicht hatten sie sich für diesen Tag ausgeweint. Ich weiß es nicht, weil ich nicht dabei war; ich kann darüber nur spekulieren. Ich selbst weinte normalerweise nicht zuhause, außer vielleicht bei Tisch, wenn das Abendessen eine große Enttäuschung war oder wenn es Schlafenszeit war, weil ich gar nicht schlafen wollte, weil ich am nächsten Morgen nicht aufstehen und zu Arbeit gehen wollte. Aber vielleicht weinten andere zuhause, vielleicht mit kurzen Unterbrechungen oder ununterbrochen, je nachdem, was sie dort erwartete.