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Kurzgeschichte
von Stella
„ Geburtsdatum bitte “, grummelte der Herr an der Sicherheitskontrolle und hielt mir einen Mikroscanner gegen meine Stirn.
„24. November 2490“, sagte ich.
„Korrekt. Weitergehen bitte.“ Ich war verwundert, dass er überhaupt bitte sagen konnte. Sein rostbrauner Schnurrbart war an beiden Enden akkurat zu einem schnörkeligen S verzwirbelt, das aussah – wenn es schwarz gewesen wäre – als hätte man eines der „S“, die sonst eine Sachertorte verzieren, geradewegs aus einer solchen herausgeschnitzt. Als ich einen winzig kleinen Knopf in den Barthaaren erspähen konnte, bestätigte sich, was ich ohnehin vermutet hatte: Seine Eltern mussten sich damals bei der Auswahl der Sonderausstattung für ein BBP entschieden haben. Da nicht jeder ausreichend Geld besaß, um überhaupt die Sonderausstattungsoptionen einsehen zu können, wusste auch nicht jeder, was ein BBP war. Es handelte sich hierbei um ein sogenanntes Bart-Bügel-Programm, was durch Knopfdruck die akkuratesten Bartfrisuren zauberte. Ich wusste das auch nur, weil ich es irgendwo gelesen hatte.
Hätten sie doch wenigstens den Fokus auf soziale Attribute gelegt, dachte ich mir, müsste er jetzt nicht so grummelnd dastehen. Immerhin saß der Bart. Der nachträgliche Erwerb von speziellen Sonderknöpfen war relativ teuer und eigentlich auch kaum bezahlbar, sodass man – um ein glimpfliches Leben zu leben – darauf angewiesen war, dass die Eltern bei der Planung kluge Ausstattungsentscheidungen trafen. Mir hatten sie zumindest eine Blusen-Bügel-Taste für mein weiteres Leben mitgegeben.
Ich kam gerade von einem Auslandsbesuch zurück und da es kurz vor Weihnachten war, schoben sich Menschenmassen durch die Flughafengänge. So viele, dass ich erst den dritten Beamer nach Hause erwischen konnte, da die Schlange heute deutlich länger war.
Um die Wartezeit sinnvoll zu nutzen, drückte ich am unteren Rand meiner Bluse knapp oberhalb meines Hüftknochens auf die Stelle Haut, an welcher sich unter einer zarten, kaum merkbaren Erhebung, die Bügeltaste befand. Innerhalb eines Wimpernschlags sah es so aus, als sei ich – so feinsäuberlich gebügelt wie ich mit einem Mal war – nicht auf dem Weg nach Hause, sondern zu einem erneuten Auslandsbesuch.
Ich quetschte mich an einigen Menschen vorbei und schaffte es schließlich in die längliche Säule.
Die massiven, dreifach gesicherten Türen aus recycelten Hartschalenkoffern verschlossen sich sofort. Da man heutzutage kein Gepäck mehr benötigte, musste dieses Konstrukt Hartschalenkoffer aus einem vorherigen Jahrhundert stammen. Ein Automatismus sorgte dafür, dass alles, was man benötigte, bereits an den Orten vorzufinden war, die man aufsuchte. Dieses Phänomen war einer der wenigen Dinge, die noch Gegenstand der aktuellen Forschung waren und bislang selbst von den renommiertesten Wissenschaftlern noch nicht verstanden war.
Nachdem ich mich auf das gemütliche Beamersofa hatte fallen lassen, ertönte auch schon die vertraute Stimme:
„Wohin darf ich Sie bringen? Möchte
a) Nach Hause?
b) Ins Krankenhaus?
c) In die Stadt?
d) Auf die Arbeit?
e) Woanders hin?“
Gerade wollte ich eine Taste drücken, da erschreckte die Stimme mich völlig unvermittelt:
„Ach, übrigens…“, fing sie in einem Ton an, der nichts Gutes versprach und führte den Monolog einige Oktaven höher fort: „Ein weitaus weniger energisches Plumpsen in die weichen Sofakissen würde positiv mit der Langlebigkeit ihrer Blusen-Bügel-Taste korrelieren.“
„Ja, ja“, entgegnete ich leicht genervt. Tatsächlich, die Stimme hatte Recht. Wie immer. Diese Knöpfe waren verdammt empfindlich. Und da war er auch schon wieder. Der mindestens einmal täglich auftretende Moment, in dem ich sauer darüber wurde, dass man Gelassenheit bei meiner damaligen Herstellung für überflüssig hielt. Leider spielte ich nicht in der Gehaltsklasse, in welcher ich mir auch nur ein kleines Stück Gelassenheit hätte nachträglich kaufen können. So musste ich damit leben, es nicht zu sein.
Ich drückte schließlich die Taste a). Das System erkannte meinen Fingerabdruck und antwortete mir.
„Ihre voraussichtliche Reisezeit an Ihr soeben gewähltes Ziel wird gerade berechnet.“ Ich schloss die Augen.
„Berechnung erfolgt. Erfolgreich. Keine Zwischenfälle bei der Berechnung. Koordinaten erfolgreich ermittelt und eingegeben.“ Es knackste kurz, ehe die Stimme erneut ansetzte:
„Nachfolgend erhalten Sie Informationen zu Ihrer Reise: Für 220 Kilometer benötigen wir bei den aktuellen Witterungsverhältnissen und bei Abwesenheit von besonderen Vorkommnissen heute drei Minuten und vierunddreißig Sekunden, bis Sie in Ihrem Wohnzimmer sind.
Möchten Sie in der Zwischenzeit:
a) Einen Kaffee genießen?
b) Ein anderes Getränk?
c) Gar kein Getränk?
d) Etwas essen?
e) Die Nachrichten hören?
f) In Ruhe gelassen werden?
g) Wünschen Sie, mehrere Optionen wählen zu können?“
Ich drückte die Taste g) und danach a) und e).
Innerhalb von zwei Millisekunden wurde mir das aufgebrühte Heißgetränk mit reichlich frisch aufgeschäumter Milch gereicht.
„Die Nachrichten: Forschern ist es erstmalig gelungen, das Magnetfeld der Erde so zu beeinflussen, dass damit gerechnet werden kann, ab sofort fünfundzwanzig Stunden täglich zur Verfügung zu haben. Möchten Sie weitere Nachrichten hören?“
„Ja, bitte“, antwortete ich und schaute zufrieden an meiner makellosen, glatten Bluse herunter.
„Hier also weitere Nachrichten für Sie: Fühlen Sie sich auch einsam? Ab sofort können Sie den Menschen zum Zusammenbauen zu einem erschwinglichen Preis in Ihrem Möbelhaus erwerben. Zögern Sie nicht und seien Sie der erste.“
Der Beamer ruckelte und schon setzte ich einen Fuß auf meinen heimischen Wohnzimmerboden. Während meiner Abwesenheit fand glücklicherweise die Grundreinigung statt.
„Sie befinden sich in Ihrem dekontaminierten Wohnraum“, flüsterte die Wand.
„Haben Sie weitere Wünsche?“
Ich starrte auf die weiße Fläche, von der die Stimme kam. Der synthetische Milchschaum meines Kaffees war perfekt temperiert, kein einziges Staubkorn trübte das Licht. Ein plötzliches, fast schmerzhaftes Gefühl von Enge schnürte mir die Kehle zu.
„Ich will das Geräusch von knisterndem Schnee unter den Schuhen.“ Ich machte eine kleine Pause und fügte hinzu:
„Und den Geruch von frisch gemähtem Gras. Jetzt.“
Die Wand schwieg. Dann raunte ein Summen durch den Raum. Die LED-Leisten an der Decke flackerten nervös von Blau zu einem warnenden Orange.
„Fehlermeldung“, säuselte das System, und die Stimme klang beinahe gekränkt. Das Orange flackerte schneller.
„Die angeforderten sensorischen Parameter sind im aktuellen städtischen Ökosystem nicht digitalisiert und damit nicht verfügbar. Bitte wählen Sie eine standardisierte Komfort-Option.“
Ich atmete schwer aus. Sie konnten das Magnetfeld der Erde verbiegen, um uns eine fünfundzwanzigste Stunde abzutrotzen, aber sie konnten mir keinen Atemzug echte Natur simulieren. Die Ohnmacht schmeckte bitter auf der Zunge.
Ich blickte auf den leeren Sessel gegenüber. Seit Jahren war er leer. Auf der Armlehne lag noch immer die Decke, die niemand mehr benutzte. Aber bei den wöchentlichen Grundreinigungen suchte man vergebens nach einem Geruch, der an irgendetwas erinnern könnte. Daher versuchte ich immer, der Decke nicht zu nah zu kommen; denn eine weit entfernte Decke suggerierte mir einen weit entfernten Schmerz.
Morgen war Heiligabend. Mit einer Stunde mehr. Fünfundzwanzig Stunden nackte, hohle Zeit lagen vor mir. Zeit, die gefüllt werden musste. Mit Arbeit und Optimierung und mit – Heiligabend. Ich ging zum Terminal und zögerte. Einen Menschen bestellt man nicht. Dachte ich. Dann drückte ich die Bestätigungstaste.
„Ich wähle das Sonderangebot der Nachrichten“, sagte ich leise und mit einem leichten Zittern in meiner Stimme.
„Den Menschen zum Zusammenbauen. Skandinavisches Modell. Blaue Augen wenn möglich. Größer als ich. Nicht zu knochig. Express-Zustellung.“
„Buchung erfolgreich“, bestätigte die Wand sofort, sichtlich erleichtert, wieder im logischen Code zu operieren.
„Der Betrag wurde von Ihrem Zeitkonto abgebucht. Die Lieferung erfolgt in 3 … 2 … 1 …“
Ein trockenes Knallen erschütterte die Schleuse im Flur. Hinter ihr landete ein massiver, flacher Karton aus ungebleichter Wellpappe. Er war steril verschweißt und, als sei das nicht ausreichend, noch von dicker Vakuumfolie ummantelt. An der Seite konnte ich ein kleines, blaues Auge erkennen. Wenigstens das, freute ich mich.
Ich zog das schwere Paket in die Mitte des Raumes. Es war so schwer, dass ich mehrmals pausieren musste und nach Luft schnappte. Auch Kraft hatte man anscheinend für überflüssig gehalten.
Schließlich hatte ich es geschafft und kniete mich auf das sterile Parkett, um das Innenleben des Pakets Schicht für Schicht von Plastik zu befreien. Es roch nach Lösungsmitteln, Konservierungsstoffen und kalter Chemie. Ganz oben auf den akkurat geschichteten Bauteilen lag eine minimalistische, wortlose Anleitung mit stilisierten Strichmännchen und ein kleiner, L-förmiger Inbusschlüssel aus mattem Titan. Ich begann zu sortieren. Still hoffte ich, dass man für all dies keine Gelassenheit brauchte.
Stufe 1: Das Achsenskelett.
Knochen auf Knochen. Wirbel für Wirbel. Die Titanbolzen griffen mit einem sauberen, metallischen Klicken in die künstlichen Gelenkpfannen.
Stufe 2: Die Vaskularisation.
Ich verlegte die feinen, elastischen Silikonschläuche entlang des Körperstamms, klickte die Hauptleitungen in das kleine, ruhende Kunststoff-Pumpwerk im Brustkorb.
Ich baute mir einen Freund. Einen Gefährten gegen das Echo der Wohnung. Als die fünfundzwanzigste Stunde des Tages anbrach, war ich bei…
Stufe 3: Die Epithelisierung.
Die weiche, makellose Synthetik-Haut wurde über das kalte Gerüst gespannt und mit feinen, thermischen Clips am Nacken fixiert.
Da lag er nun auf meinem Wohnzimmerboden. Perfekt proportioniert. Keine Narben, kein Makel, keine Geschichte. Keine Vergangenheit. Nichts zum Erzählen. Nichts, was ihn zu dem gemacht hatte, der er war.
„Montage abgeschlossen“, flüsterte ich, während ich den Titan-Schlüssel beiseitelegte. Ich beugte mich vor und drückte den winzigen Startknopf hinter seinem Ohr. Ein leises Surren erwachte in seiner Brust. Das künstliche Herz begann zu pumpen. Langsam, mathematisch perfekt, hob sich der Brustkorb, gefolgt von einem Senken. Er war kleiner als ich. Und knochig. Toll. Zweitausendsiebenhundertundneunundachzig Mal hatte ich den Inbusschlüssel um die eigene Achse gedreht, um irgendetwas an ihm festzuziehen. Ich hatte mitgezählt.
Die Lider klappten auf. Zwei kristallblaue, tiefenreine Glasaugen starrten an die Decke. Ich setzte mich neben ihn, nahm seine Hand. Sie war warm, das System hatte die Heizdrähte bereits aktiviert. Ich wartete darauf, dass er mich ansah. Dass ein Funke übersprang. Doch sein Blick blieb starr an den Neonröhren hängen. Da war kein Zorn, keine Freude, kein Erkennen. Nur das rhythmische, leblose Atmen einer perfekten Maschine. Ich konnte ihn noch so lange anschauen, es änderte nichts daran, dass er makel- und vergangenheitslos war. Seltsam, dass man sich plötzlich jemanden mit einer Geschichte, jemanden mit Makeln und Narben wünschte. Wo man doch sonst immer der Optimierung hinterherjagte.
„Frohe Weihnachten“, flüsterte ich in sein eben noch verschraubtes Ohr und hielt dabei die Hand meines neuen Freundes.
Während ich dem mechanischen Klicken seines Herzschlags lauschte, blickte ich aus dem Panoramafenster auf die riesigen Wolkenkratzer und spürte, dass ich noch nie so allein gewesen war wie in dieser fünfundzwanzigsten Stunde.
Am liebsten wäre ich unendlich gelassen gewesen.
Aber ich war unendlich traurig.