Trümmer für einen Herzschlag
Kurzgeschichte
von Stella
Durch die leeren, hohen Gänge der alten Feuerwache zieht der Geruch von Benzin und Rauch, der noch Mutmaßungen darüber anzustellen vermag, wie schwer hier heute Nacht gearbeitet wurde.
Es ist sieben Uhr morgens.
Dienstübergabe auf einer Hauptstadtfeuerwache.
Die Stadt ist so wach wie eh und je; ein asthmatischer Organismus, ein Riese, der vergeblich versucht, Luft zu holen und weiterzuatmen.
Karawanen aus Blech schieben sich über die Stadtautobahn, fluten die Alleen, verstopfen die Kapillaren der kleinen Gassen – schieben sich morgens in die eine Richtung, abends in die andere. In ihnen sitzen einsame Menschen, essend, rauchend, trinkend, telefonierend, nichtssagend.
Ein Blick an den Wolkenkratzern entlang nach oben. Hier ist heute keine Sonne zu finden. Stattdessen ist der Himmel zugekleistert mit schweren, grauen, langgezogenen Wolken. Mit ihren Enden stoßen sie gegen die Dächer der Häuser, in welchen sich Menschen im Halbschlaf noch einmal umdrehen, nachdem sie dem Wecker zu verstehen gaben, er solle sein Glück in neun Minuten erneut versuchen.
Irgendwo anders dreht sich niemand mehr um. Denn irgendwo anders liegen Menschen hinter verhangenen Fenstern, seit Tagen, seit Wochen, unbemerkt. Ein stilles Warten im Staub. Ein Großstadttod in völliger Einsamkeit, Isolation und Anonymität.
Die Sonne hat sich durchgesetzt. Sie bahnt sich ihren Weg durch die alten Flügelfenster der Feuerwache, die so zerbrechlich wirken wie … ja, wie was eigentlich?
Vielleicht wie ein Feuerwehrmann oder eine Feuerwehrfrau. Hinter kiloschweren Atemschutzanzügen fand man – wenn man genauer hinsah – ein kleines, zartes Stückchen Fragilität. Ein wenig Zerbrechlichkeit. Und, schaute man nicht genauer hin, dann sah man die feinen Haarrisse im Fundament auch nicht. Sie waren gut versteckt. Hinter schweren Atemschutzanzügen und hinter einem Berufsbild, das stark zu sein hatte.
Diese Hauptstadtfeuerwache, die sich gerade bereit für einen neuen Tag macht, ist die älteste Feuerwache Berlins. 26. November 1883. Die hohen Wände brüsten sich mit schwarz-weißen Fotos von Kutschen, die vor etlichen Jahren durch die großen Hallentore ein- und ausfuhren.
Daneben finden sich Bilder großer Berliner Stadtbrände, die den übrigen leeren Platz auskleiden und so farblos, wie sie sind, noch dramatischer und bedrohlicher wirken.
In einem der weitläufigen, verwinkelten Räume schwingt der heute für die Küche auserwählte Feuerwehrmann den Kochlöffel. Er schneidet Zwiebeln in rasantem Tempo ohne, dass dabei auch nur eine Träne rollt und zaubert seine berüchtigten, wunderschön ansehnlichen Mettigel während sich anderen Ende der Küchenplatte schon die zwanzig Kilogramm Nudeln für das Mittagessen stapeln.
Er sieht mich vorbeilaufen und begrüßt mich, wie mich jeder hier begrüßte, nämlich indem noch ein „Frau“ vor meinen Vornamen gesetzt wurde. Wie jeden Tag. Es war die Berechenbarkeit, die man in all dieser Unberechenbarkeit und Unsicherheit suchte und fand. Und so trug man nicht nur Mettigel zum Frühstückstisch oder eingerollte Schlafsäcke zurück in die Schränke. Nein, man trug auch das Wissen und das Vertrauen mit sich, dass Routinen einem dabei halfen, Unaussprechliches zu verarbeiten.
Der Alarm unterbricht mich – wie fast immer – dabei, als ich mich gerade in die rot-gelbe, unübersehbare Uniform schmeiße. Auf der Treppe nehme ich – wie fast immer – zwei Stufen auf einmal. Es gleicht einem rituellen Glauben, so die paar Sekunden schneller zu sein, die manchmal am Ende fehlen. Im Kampf um das Leben.
Mit halb geschlossenen Stiefeln sprinte ich die alten Steinstufen herunter. Sie sind mir so vertraut, dass ich eine Zeichnung im Schlaf anfertigen könnte, an welchen Stellen man vorsichtiger sein sollte, weil nicht jeder Stein der einzelnen Stufen exakt die gleiche Größe hatte.
Das immer noch funktionierende, alte Faxgerät wartet am letzten Stufenabsatz treu darauf, dass ich ihm die Notfallmeldung, die es soeben ausspuckte, rauszerre. Das tue ich und in einem einzigen Satz springe ich in die schon geöffnete Beifahrertür des zitronenfaltergelben Rettungswagens. Die Schuhe immer noch halb offen. Auf dem Weg zum Fahrzeug hatte ich den analogen Notruf instinktiv in einen liebevoll gefalteten Papierflieger verwandelt. Wie so oft.
Ich wusste nicht, ob die Tatsache, zu dieser Uhrzeit ohne Kaffee mit Blaulicht die Wache verlassen zu müssen, oder der Fakt, dass mein Papierflieger heute äußerst schlecht flog, mehr wog.
„Na, wo fliegen wir heute hin?“, begrüßte mich mein Kollege mit dem Grinsen, das er jeden Tag zu jeder Uhrzeit aufsetzte, da die Liebe zu seiner Arbeit unerschütterlich – wie er immer sagte – sei.
„Zum Alex.“, sage ich. „Wenn du jetzt noch mehr wissen möchtest, müsste ich kurz den Papierflieger wieder entfalten. Spaß. Habe mir alles gemerkt. Zur Bewusstlosigkeit. Koordinaten brauchst du nicht. Sollten wir schaffen.“
Wir wussten beide, dass sich hinter diesen Einsatzstichwörtern eine bunte, gemischte Tüte verstecken konnte. Das konnte zutreffen, musste aber nicht unbedingt. Selbst wenn wir auf dem Rückweg zur Feuer- und Rettungswache manchmal der Meinung waren, dass es keine ausreichende Potenz für die Banalität des eben beendeten Einsatzes gibt, so waren wir uns beide einig, dass die Not eines Menschen eine sehr subjektive Sache war.
Im Seitenspiegel sah ich, wie die automatischen Hallentore sich schlossen, während mein Kollege den Blaulichtschalter nach unten kippte. Es würde so sein wie jeden Morgen. Genau jetzt würde ich einen Kaffee herübergereicht bekommen. Da war er schon.
„Kamelhaarfarben, wie immer.“ – sagte mein Kollege stolz. Nach einigen Jahren des gemeinsamen Arbeitens hatte er das Kaffee-Milch-Verhältnis so sehr perfektioniert, dass es mir besser schmeckte, als wenn ich mir selbst einen Schuss Milch in die braune Brühe kippte. Ich hatte es ihm nie verraten.
Ich nahm einen Schluck, lehnte mich entspannt zurück und beobachtete das flackernde Blaulicht, das sich im Rhythmus des Herzschlags in den Schaufensterscheiben am Straßenrand brach.
Für uns war die Welt heute okay.
Für einige, die heute die drei Ziffern des Notrufs eingetippt haben oder dies noch tun müssen, nicht. Für erstere ist die Welt zum Zeitpunkt des Anrufs bereits in tausend Stücke zersprungen. Für letztere wird sie es vielleicht noch.
Und während wir schweigend durch die vollen Straßen Berlins gleiten, hofften wir, dass wir die Welt derjenigen, deren Welt heute nicht okay sein würde, ein wenig erträglicher machen konnten.
Vielleicht konnten wir da sein – in Momenten, für die es keine Worte gab.
Und, vielleicht konnten wir die Trümmer wenigstens für einen Herzschlag lang zusammenhalten.