Sauerstoff
Text
von Diablesse
Als wir klein waren, gab Vater uns Nichts zum Frühstück. Nichts – das heißt nicht, dass wir kein Essen hatten: Dafür war gesorgt. Zuckerhaltige Flakes, die Billigmarke vom Discounter, dazu Milch mit einem Fettanteil von 3,5 %. Auf dem Milchkarton lernte ich das Wort „homogenisiert“ kennen. ‚Gleichmachen‘. Etwas, das sich nicht verbinden kann, wird mechanisch so behandelt, dass es sich nicht mehr voneinander lösen kann. Die Ehe meiner Eltern, ein Prozess der Homogenisierung: Zwei Stoffe, die sich eigentlich nicht binden können, durchgehend verbunden.
Wenn Mutter eine Farbe wäre, wäre sie bleigrau. Wenn Vater eine Farbe wäre, wäre er transparent. Vaters Präsenz am Frühstückstisch war nicht bleischwer wie Mutters. Sie war transparentschwer. Seine abwesenden Augen schienen immer auf die Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig gerichtet zu sein, nur nie auf das Jetzt. Wenn ich die Milch manchmal absichtlich verschüttete, um eine Reaktion zu provozieren, was Mutter mit Augenrollen und genervtem Aufstöhnen quittierte – aber es jedes Mal für ein Versehen hielt – führte es bei Vater zu keinerlei Regung. Bei mir jedoch führte Vaters Verhalten zu Fragen: Sah er uns nicht? Nahm er uns nicht wahr? Wie kann er das Gekicher und Geschmatze meiner Geschwister, das mir allmorgendlich in den Ohren brannte, überhören? Wo war er? Wie kann eine Person vor einem sitzen und doch nicht da sein? War er transparent oder waren wir es für ihn?
Manchmal starrte Vater beim Frühstück in die Zeitung. Aber ich bin sicher, dass er gar nicht las. Er wollte nur sein Schutzschild aus Papier aufspannen, um auszustrahlen, dass er nicht interaktionsbereit war. Mit einer Zeitung in der Hand war er sicher vor unseren Blicken. Und auch vor unseren Fragen: Denn eine lesende Person stört man nicht – eines der wenigen Prinzipien unserer Familie.
Manchmal war Vater nicht da beim Frühstück. Weil er Spätschicht hatte und noch schlief oder weil er auf Dienstreise war: Mutter nannte das zynisch „Vaters Urlaub“. Doch egal, ob Vater da war oder nicht: Er war nicht da. Er war wie die Luft, die uns umgab – nur ohne Sauerstoff. Für meine Mutter hingegen schien Vater Sauerstoff zu besitzen. Aber statt lebensspendend, schienen Vaters Sauerstoff und Mutters Blei langsam miteinander zu reagieren. Eine sehr träge, sich über Jahre hinziehende chemische Reaktion. Keine heftige – keine Explosion. Vater und Mutter stritten nie. Sie lähmten sich.
Über die Jahre schien Mutters Blei von Vaters Sauerstoff eine dunkle, matte Schicht zu bekommen. Es war merkwürdig: Denn diese Schicht schien sie zu schützen. Davor zu schützen, nicht zu reagieren, nie auch nur ein kleines bisschen zu heftig zu reagieren. Später im Chemieunterricht lernte ich, dass dieser Vorgang Passivierung heißt. Treffender konnte ein Wort das, was mit meiner Mutter vorging, nicht beschreiben. Ich lernte auch, dass das Produkt von Sauerstoff und Blei giftig ist. Das Produkt meiner Eltern saß mit uns jeden Morgen am Frühstückstisch, mit uns, die wir auch Produkte unserer Eltern waren - und vergiftete uns. Über die Magensäure konnten wir diesen leichtlöslichen Stoff schnell aufnehmen. Und über die Jahre blockierte es lebenswichtige Prozesse in unseren Körpern: Reicherte sich in unseren Gehirnen an und schädigte unsere Nervenzellen dauerhaft. Dass meine Geschwister und ich unter Konzentrationsstörungen litten, wunderte mich nicht.
Nachdem Vater verstarb, war alles wie vorher. Er blieb nicht da. Er ging nicht fort. Die Werkseinstellungen blieben die gleichen. Er wurde nicht weniger transparent, nicht mehr sichtbar. Er war ein Ding – und ein Nichtding zugleich. Ein Unding.
Dass Vater verbrannt werden wollte, verstand sich von selbst. Luft schien genau sein Element zu sein. Nicht Feuer – Luft. Er wollte in Rauch aufgehen. Ich bin sicher, selbst seine Asche war unsichtbar.