Herr Karl und Frau Blank – Geschichten aus einem Café mitten in der Stadt

Erzählung

von  Wastl

Herr Karl setzte sich zu Frau Blank und bestellte, den Resten auf ihrem Teller zufolge, dieselbe Mehlspeise, die seine Tischnachbarin zuvor bestellt hatte – eine Handlung, die Frau Blank offenkundig missfiel. Sie mochte es nicht, wenn jemand dasselbe wählte wie sie. Das ist kaum verwunderlich, da sie aus einer großen Familie mit unzähligen Geschwistern stammte. Dort wurde alles geteilt, wodurch sie daran erinnert wurde, dass sie als Kind durch ihre rücksichtslosen Geschwister immer den Kürzeren zog, wenn es ums Teilen ging. Dadurch blieb ihr nie genug, um satt zu werden. Ihr heutiges schmales Erscheinungsbild scheint wie ein dunkler Spiegel dieser unzähligen Vorfälle von Mundraub auf ihre Kosten zu sein.

Die offenkundige Missbilligung, die wie eine Gewitterwolke aus den verzerrten Zügen von Frau Blank zu erkennen war, stach wie ein unsichtbares Schwert in die alkoholbelastete Leber des Sitznachbarn. Er war sonst alles andere als ein mitfühlender Zeitgenosse. In ihrer Gegenwart jedoch schien sich sein raues Wesen zu verwandeln: Sobald er sie sah, nahmen Sanftmut und Güte in seinem Blick Platz, als wollte sich seine Körpersprache darin üben, ihr eines Tages einen Heiratsantrag zu unterbreiten.

Jedoch konnte Herr Karl sein raues Wesen nicht von heute auf morgen ablegen. Jedes Wort, jeder Satz war von einer ungestümen Rohheit, einer ungenierten Schamlosigkeit und manchmal sogar von einer anmaßenden Dreistigkeit geprägt. Wenn er die anderen Gäste zu unterhalten versuchte, suchten diese oft blitzschnell das Weite, als würden sie im Kino einen Feueralarm hören.

Anders dagegen Frau Blank: Sie genoss es insgeheim, wenn Herr Karl mit seiner ungestümen Art über die Stränge schlug.

Sie hörte ihm immer gerne zu, wenn seine Worte wie brachiale Artilleriemunition in die zuvor noch sanfte Harmonie unter den gebildeten Gästen einschlugen. Dabei nahm sie die entsetzten Augen der Gäste wie ungehörte Hilfeschreie wahr und beobachtete, wie einige besonders Sanftbesaitete plötzlich aufsprangen, nicht nur den Tisch, sondern gleich das ganze Lokal in Windeseile verließen und dabei nicht selten über den unglücklich gesetzten Rahmen unterhalb der Eingangstür stolperten. Dadurch brach sich schon mal eine fülligere Metzgerin, die sich manchmal wie eine Großgrundbesitzerin aufführte, den Arm – offensichtlich wegen ihres enormen Gewichts, dem der Knochen in ihrem Arm nicht standhalten konnte.


Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren
Zur Zeit online: