DIE LEINWAND AUS FLEISCH UND BLUT
„Kein Mensch ist ohne Maske, kein Mime ohne Schminke.“
— Erich Kästner
Personen
Gustaf Gründgens (im Mephisto-Kostüm)
Ort & Zeit
Eine Garderobe im Deutschen Schauspielhaus, Hamburg. Ein Abend im Jahr 1957, kurz vor Vorstellungsbeginn von Goethes Faust.
(Ein großer, dreiteiliger Schminktisch im Zentrum. Grelles, weißes Licht der Glühbirnen rund um den Spiegel schneidet durch die Dunkelheit des Raums. Gustaf Gründgens blickt starr in sein Spiegelbild. Seine Haut ist aschfahl grundiert, die Augenbrauen steil und dämonisch nach oben gezogen, die Lippen schmal und dunkel – das Gesicht ist eine lebendige Maske.
Er zieht mit einem feinen Pinsel und schwarzer Fettschminke die linke Braue millimetergenau nach. Er legt den Pinsel ab, nimmt einen Zug aus der glimmenden Zigarette im Aschenbecher und spricht mit präziser, leicht aristokratischer Stimme zum Spiegel.)
GRÜNDGENS
(Zärtlich spöttisch)
Da bist du ja. Rechtzeitig zur Premiere.
(Er neigt den Kopf; das Licht bricht sich auf den Wangenknochen)
Wenn die alten Griechen uns jetzt sehen könnten, Mephisto... Sie würden uns glatt für Amateure halten. Sie, die Meister der starren Larve. Die sich hinter zentnerschwerem Holz und Lehm versteckten, um Gott oder Teufel zu sein.
(Er steht auf, geht zwei Schritte im Raum auf und ab, die Arme hinter dem Rücken verschränkt)
Sophokles hätte dir ein Brett vor den Kopf genagelt! Eine starr geschnitzte Maske aus Lindenholz. Ein ewiges, versteinertes Grinsen, getragen von Kothurnen, die einen Mann zwar um Ellen größer machen, ihm aber den Tanz rauben. Gewiss, im antiken Amphitheater brauchte es das weithin sichtbare Zeichen. Das Typisierte. Ein Visier für die Masse in der siebzigsten Reihe.
(Er kehrt zum Spiegel zurück und beugt sich nah an das Glas)
Aber was wussten sie vom Mikrokosmos des Geistes? Was wussten sie vom Zweifel, der sich im Bruchteil einer Sekunde durch das Zucken eines Mundwinkels verrät?
(Er tippt sich gegen die Wange. Die Haut gibt nach.)
Das hier ist kein Holz. Das ist lebendiges Fleisch. Und dank der guten, fetten Leichner-Schminke ist es meine Leinwand geworden. Die Antike verbarg den Menschen, um die Rolle zu zeigen. Die Maskenbildnerei tut das Gegenteil: Sie legt die Rolle in den Menschen hinein. Sie nutzt jede Falte, jede Pore, jeden Schweißtropfen unter dem heißen Rampenlicht, um dem Teufel Leben einzuhauchen.
(Er zieht die Stirn in Falten; das Gesicht reagiert sofort, die Dämonie wird elastisch)
Siehst du? Ich ziehe die Stirn hoch – und das Grauen wird menschlich. Ich verenge die Augen – und der Spott wird spürbar. Eine starre Maske kennt keine Nuancen. Sie ist ein Tyrann. Sie diktiert das Gefühl, anstatt es aus dem Schauspieler herausbrechen zu lassen. Sie hat keine Seele, sie ist nur ein Gehäuse.
(Er setzt sich, nimmt eine Puderquaste und fixiert die weiße Grundierung mit einer feinen Puderwolke)
Unsere Theater sind kleiner geworden. Das Publikum sitzt nah. Sie wollen mir in die Augen sehen. Sie wollen die Lüge in meiner Wahrheit entdecken. Unter diesem mörderischen Bühnenlicht, das jede ungeschminkte Haut wie ein blasses Schnitzel aussehen lässt, baut mir der Maskenbildner das Gesicht neu. Licht und Schatten. Es ist ein Spiel mit der Anatomie.
(Ein dreimaliges Klopfen an der Garderobentür ertönt. Eine Stimme ruft: „Herr Gründgens, bitte zur Inspizierung! Das Vorspiel beginnt in fünf Minuten!“)
GRÜNDGENS
(Ruft mit fester Theaterstimme)
Bin unterwegs!
(Er blickt ein letztes Mal tief in den Spiegel. Ein kaltes Lächeln huscht über sein Gesicht)
Kein Schauspiel ohne Maskenbildnerei, mein lieber Kästner. Denn erst, wenn das Gesicht zur Maske geschminkt ist, wird die Maske absolut frei.
(Er wirft sich mit einer eleganten Bewegung das schwarze Cape um die Schultern, knipst das Licht am Schminktisch aus und geht ab in die Dunkelheit.)
P.S.
(Ein beschriebener Zettel bleibt auf dem Schminktisch zurück, schwach erleuchtet vom fahlen Schein einer Straßenlaterne vor dem Fenster)
Das Mimische ist Schauspielern zu eigen
und mit der Maske seit jeher verwandt,
es geht darum, Gesichtsausdruck zu zeigen,
gleich Adolf, der einst auch vorm Spiegel stand
und übte, wie er Massen schön bezirzte,
sehr gestenreich samt Schauspielergesicht,
und Worte mit martial’scher Mimik würzte –
damit war dann nach Fünfundvierzig Schicht.
Es mimen aber nach wie vor viel Leute
den Harmlosen und machen ein’ auf gut,
die eher längst des Wahnsinns fette Beute.
Vor denen sei man weltweit auf der Hut,
denn Wölfe, die in Schafspelze sich hüllen,
woll’n eins nur immer kriegen: ihren Willen...
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