Traumhafte Bitterkeit oder: Beziehungen zum Dahinschmelzen
Essay zum Thema Begehren
von S4SCH4
Unmöglich, dachte ich, dass sie mich je lieben wird. Unmöglich, dass sie jemals ein Wort mit mir wechselt.
Traumfrauen, und wahrscheinlich auch Traummänner, haben diese leicht bittere Note zusammen mit einer daheraus süßlich werdenden Versuchung, wie sie der / die ein oder andere von Zartbitterschokolade kennt, ein Verlocken, das man erst im Laufe der Jahre entdeckt, denn früher im Leben mag man oft die Schokoladen mit weniger Kakaoanteil und mehr Zucker; ja wer könne schon über sich sagen, er habe früh zu einer Herrenschokolade gegriffen?
Doch wo man sie einmal für sich entdeckt haben darf, und wenn man sie erst einmal ausgepackt und olfaktorisch in sich aufgesogen hat, den Anblick natürlich und gleichsam rein genossen und ein Geschmack, der dahinschmelzen lässt, erfahren, dann scheinen sich Wünsche zu erfüllen, von denen man nicht wusste, dass man sie je gehabt hätte.
Normaloschokolade rückt sodann in den Hintergrund, sie ist, wenn überhaupt nur noch nebenbei konsumiert, ohne wirkliches Bewusstsein dafür, und wo doch das Bewusstsein sich einschaltet, dann immer im Ansinnen an die göttliche schwärzere und geheimnisvollere Variante, diesen Traum einer Süßigkeit.
Mit zunehmendem Alter kommt die Herrlichkeit dieser Herrenschokoladen allerdings trügerischer vor, sie verspricht ihre Wonne auf Kosten der ganzen anderen üblichen Schokoladen, die, man kann sie mögen oder nicht, nun einmal in unserer Konsumgesellschaft vollkommen common sind, mit denen man aufwächst und die für viele ja auch das non plus ultra im Leben bleiben, ob sie nun jemals von der besagten Zartbitterschokolade kosteten oder niemals wirklich mit ihr in Berührung kamen, vielleicht sogar niemals bewusst ihrer Existenz gewahr wurden.
So gesehen: Jede Gesellschaft und Generation schafft sich ihre Traumpartner neu, dies anhand der Üblichkeit und Verheißung ihrer Versuchungen und über die Verfügbarkeit, das handwerkliche Geschick (Herzaubern) und das irgendwie Geheimbleiben.
Hat man sich einmal der Zartbittervariante verschrieben, gibt es, da wiederholen wir uns, oft kein Zurück mehr, denn ein Traum der einmal in Erfüllung gegangen ist, den gibt man nicht einfach her, man konsumiert ihn im Folgenden weiter, wie den allmorgendlichen Kaffee, sucht sich feinere Nuancen an den Bitterschokoladen, hier ein wenig Chili, da ein wenig Salz und sieht zu, dass solch ein Traum weiterlebt wie bisher (um den status quo zu schützen) und fortbesteht.
Die Sache an sich, also der Partner, rückt dabei immer mehr in den Hintergrund, es geht in erster Linie um die eigene Traumfunktionalität, ein Wissen um die Nuancen der Herrenschokolade, was in Expertise mündet und ein Vorzeigen von sich und seiner wahrgewordenen Fantasie in der Welt.
So scheidet sich der Traum vom Partner und der Partner vom Traum langsam ab, es sondern sich die Schichten, entzaubern das Ganze und das Bittere an der Bitterschokolade ist bald schon lange nicht mehr das Erste was bemerkt werden mag, sondern das Ganze wird zum bitteren Nachgeschmack.
So schaut man vielleicht später neidisch über die Schulter, wenn man ein Paar sieht, das sich fand bevor die süße Versuchung Dunkler Schokolade von einem Traum sprach, und man sieht dem Paar an, wie gemeine Vollmilch, Zucker und allerhand Ersatzstoffe die Partnerschaft weitaus besser füllen und dauern lassen, als der hochprozentige Schokoladenanteilsimport aus Traumländern es einstmals versprach.
Wirklich bitter.