“Say what you want, what you really really want” oder: Um PC zu sein, muss man schon wissen, warum „Falscher Hase“ ein Euphemismus für menschlichen Hackbraten geworden ist

Essay zum Thema Sprache/ Sprachen

von  S4SCH4

Die Wichtigkeit, mit der man ein Wort benutzt, bemisst sich auch – oder vor allem – an der Wichtigkeit, mit der man es nicht mehr benutzen sollte. Hierbei entsteht ein Spannungsfeld, das sich in Teilen überlagert und in Teilen aneinander vorbeigeht. Der Umgang mit sogenannten „X-Wörtern“ schafft ein Bindeglied zu einem irgendwann einmal eintreffenden Ideal, in dem Sprache die Realität für alle erklecklich wiedergibt.

 

Eine oft geforderte „Beweislastumkehr“ – also das möglichst einwandfreie Begründenmüssen, warum ein Wort nun genutzt sei – kommt einer Lektion gleich, in der die eigene moralische und ethische Unfehlbarkeit exemplarisch auf dem Prüfstand steht; und zwar anhand der moralischen Hoheit einer Gegenposition, die es angeblich besser weiß.

 

Hat man während seiner Erziehung und Sozialisation, im Freundeskreis oder im weiteren Umfeld (teils mit Betroffenen) einen Sprachgebrauch gelernt, so erhebt sich darüber nicht selten ein gesellschaftsbreiter Zeigefinger, der drängend abrät und dem Individuum das eigene Verhalten diktiert.

 

Kurzum: Das Nutzen gewisser Worte wird zu einer steten moralischen Probe und einer Ächtung von außen – teils entgegen der eigenen Sozialisation – und ruft dadurch eventuell erst jene Geister hervor, die es zu bannen gedachte. Sich aus Trotz („jetzt erst recht“) gegen eine solche Belehrung zu stellen und die Nutzung restriktiver Wörter voranzutreiben, pervertierte die Sache schließlich vollkommen.

 

Doch ist die „Beiläufigkeit“, die „naive“ Nutzung solcher Wörter wirklich akzeptabler? Durchaus nicht, aber sie öffnet den direkten Austausch und das Erlernen neuer Sozialisationsmuster vermutlich am wirkungsvollsten, da sie dem kindlichen Muster, das noch erziehbar ist, am nächsten kommt. Sie ist freier von ideologischen Grundsätzen; und wo dies nicht der Fall sein sollte, bringt sie diese fehlgeleitete Ideologie an den Tag – mit der Chance, dass sie bereits im Bewusstsein des ideologisch „Kontaminierten“ erkannt und gebannt werden kann.

 

Das Nichtnutzen (und teils auch das überbrückende Umschreiben solcher Worte) bewirkt etwas, das es gerade nicht wollen sollte: Es klassifiziert Treffende und Betroffene, will sie voreinander schützen und legt derart einen Wall und Graben an, in den manche fortan hineinfeuern oder hinter dem einige sich weniger Gedanken über spezifische Denk- und Sprachgebräuche machen. Es nimmt beiden Seiten die Möglichkeit zur direkten Interaktion und Kommunikation.

 

Sicherlich sei hier angeführt, dass das psychische Wohl Betroffener über dem allgemeinen Sprachgebrauch steht. Doch sind die meisten Mitmenschen keine Ärzte; sie können ein Kind, das in den Brunnen fiel, nicht zu etwas „Ungenanntem“ oder „nie Dagewesenem“ machen, es ausblenden oder gar positiv verblenden. Sollte nicht auch der psychisch belastete Mensch in erster Linie die Möglichkeit besitzen, sich gegen belastende Attacken zu behaupten und den Sprachgebrauch im eigenen Interesse mitzugestalten?

 

Ferner ist die Freiheit, „Nein“ zu einem Wording zu sagen, eng mit der Freiheit verbunden, „Ja“ sagen zu dürfen oder es im Kontext zu verstehen. Ein „Nein“ zu einem X-Wort ist, sofern es in bestimmten Situationen nicht auch genannt werden darf, weniger ein „Nein“ im Sinne des eigentlichen Themas, sondern eher ein direktes „Ja“ zu Restriktion, Verdrängung und Hemmnis.

 

Für den Betroffenen hingegen ist ein „Nein“ oft der einzige Notnagel, den ein Hammer aus menschlichem Versagen in die Wand gehauen hat. Soll dieser auf ewig dableiben und derart erinnern?




Anmerkung von S4SCH4:

Beispiele für X-Wörter:
N-Wort (rassistisch), I-Wort (rassistisch), K-Wort (Gesundheit), T-Wort (queer), etc.

Eine Argumentation:
 https://www.demokratie-leben.de/dl/projektpraxis/magazin/warum-sollte-man-das-n-wort-nicht-benutzen-251692

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