Von meiner modernen Endzeit

Tagebuch zum Thema Abendstimmung

von  S4SCH4

Sonntagabend. In der Beschissenheit nur noch steigerbar durch: Sonntagnacht. Beides folgt aufeinander; fließend im Übergang grüßen sie einander freundlich, fröhlich, denn man kennt sich seit einer gefühlten Ewigkeit und weiß, dass bisher noch jede Woche mit ihnen zu Ende ging und die Ausläufer oft in den Montag hineinwirken – mindestens was den jungen Montagmorgen betrifft. Doch davon zu sprechen, dass nur die kalendarische Woche mit besagtem Sonntagsduo zu Ende ginge, wäre zu wenig … denn es geht dabei um mehr.

 

Es geht darum, dass das Duo Revue passieren lässt, dass sie das letzte Wort haben und nicht zuletzt darum, dass sie die neue Woche wesentlich initiieren. Diese End- und gleichsam Anbeginnsverfügung nimmt ihren Lauf genau genommen bereits am Sonntagvormittag mit der Einladung in die Kirche zur allwöchentlichen Messe.
Und da man morgens bereits ahnt, was im Laufe des Tages alles blüht, ist im Grunde der ganze Sonntag ein durchaus mieser Zeitgenosse, der von Stunde zu Stunde immer schlimmer wird.

 

Diese Endzeit, die sich nicht traut, eben dies endgültig zu sein, sondern sagt: „Es mag ja sein, dass gesehen wurde und dass es für gut befunden wurde … aber dabei kann es schwerlich bleiben“, will die ganze Sache immer wieder noch besser machen. Und was bedarf es dazu? Ganz klar: Informationen. Daten … Erinnerungen.

 

Ich kann jene Sonntagsnächte gar nicht zählen, in denen ich wach lag oder mich in einem äußerst unruhigen Halbschlaf befand und meine Gedanken und Erinnerungen weder einen Anfang noch ein Ende hatten. Alle Erinnerungen, in einem Konvolut mit Rechtfertigungen und Gründen zusammengefasst, bildeten einen einzigen Brei aus einem gegessenen, aber doch nicht ganz verdauten Sonntagsessen. Verflucht habe ich diese Nächte, diese Art, Bilanz zu ziehen und eine neue Seite für eine neue Woche aufzuschlagen.

 

Hinzu kam, dass ich in der Hochphase dieses Sonntagsnachtwahns noch als Unternehmensberater tätig war und nicht selten um vier Uhr morgens aufstand, um bald darauf vierhundert Kilometer Fahrt zu einem seinerzeitigen Kundenstandort hinter mich zu bringen und erst Freitag wieder heimzufahren.
Zur beschriebenen Endzeitstimmung jener Sonntagsnächte kam also noch die Befürchtung, zu wenig zu schlafen, das Gefühl, schlafen zu müssen, und der Frust, sofern es anders kam – was durchaus nicht selten war. Und so manifestierte sich mir dieser absolute Alptraum vom Sonntagabend und seiner Sonntagnacht, der bis heute nachhallt.

 

Sollte die Welt einmal untergehen, wird es ganz sicher ein Sonntagabend sein, der sich von seiner Sonntagnacht trennt – etwas, das keine Pläne für eine kommende Woche mehr anzustellen bereit ist und das endlich akzeptiert, dass alles gut genug war. Zwar nicht gut genug für ein besseres Ende, aber immerhin.

Denn wie sagt man so schön: „Lieber ein Sonntag ohne Morgen, als Morgen ein Sonntag.“



Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren
Zur Zeit online: