Lange Zeit kannte ich nur ein einziges Kinderfoto von Papa; Mama hatte es für den Galerierahmen mit Mehrfach-Passepartout ausgewählt, der in meinem Kinderzimmer im zweiten Haus hing. Auf dem Foto trägt Papa noch keine Brille. In der Hand hält er eine Schnur, daran hängt ein Dackel aus Holz, der statt Stummelbeinchen Räder hat. Die Schlappohren sind wahrscheinlich aus Leder. Als ich mich an das Foto zurückerinnere, möchte ich rötlich-braunes Holz schreiben, dann fällt mir ein, dass es ein Schwarzweißfoto war.
Der Dackel war nicht Papas Spielzeug, er gehörte wohl zu den Requisiten des Fotografen, der das Foto aufgenommen hat. Der Dackel hat etwas Bürgerliches. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Papa durch sein Geburtshaus läuft, in dem die Familie wohnte, bis er vierzehn Jahre alt war, und diesen Dackel auf Rollen an einer Schnur hinter sich herzieht. Aber was weiß ich. Ich werde ihn fragen, bald, solange er sich noch erinnern kann.
Papa hat mir sein Geburtshaus schon oft von außen gezeigt, immer, wenn wir am Wochenende einen Ausflug in die Berge machten, in die Kleinstadt, wo er aufgewachsen ist. Es war ein Schindelhaus. Als Kind fand ich, dass es wie ein Hexenhäuschen aussah. Den Zaun davor hatte sein Opa Willy selbst geschlossert. Es gibt in der Kleinstadt noch viele Zäune von meinem Urgroßvater und Papa kennt sie alle. Nach der Schule besuchte Papa seinen Opa Willy manchmal bei der Arbeit, draußen vor irgendeinem Haus, wo er mit einem Zaun beschäftigt war. Dann schenkte mein Urgroßvater ihm ein Eukalyptus-Bonbon. Papa mochte diese Bonbons nicht; er verstand nicht, warum solche scharf schmeckenden Bonbons überhaupt gemacht wurden. Aber er nahm sie immer an.
Das Foto muss vor Papas Einschulung aufgenommen worden sein. Er ist darauf vielleicht drei, höchstens vier Jahre alt. Seine Locken ringeln sich über seine Ohren fast bis zum Kinn. Oma konnte es lange nicht über sich bringen, ihm die Locken abzuschneiden. Ich selbst kenne Papa nur mit Halbglatze. Als ich ein Kind war, war sein Resthaar braun und noch immer gelockt. Jetzt ist es weiß und kurzgeschnitten.
Beim achtzigsten Geburtstag meiner Oma sehe ich das zweite Kinderfoto von Papa. Darauf spielt er mit seinen beiden älteren Brüdern Tretze. Papa steht in der Mitte. „Da haben sie ihn wieder geärgert“, sagt Oma. Papas ältester Bruder ist vor einem Jahr gestorben.
Bei Papa ist die Grauer-Star-Operation nicht so gut verlaufen wie bei Mama. Vor der Linse hat sich Hornhaut gebildet, die mit Laser entfernt werden muss. Er hatte schon als Junge schlechte Augen. Seine Augen, erklärte mir Papa, als ich ein Kind war, seien nicht mit dem restlichen Körper mitgewachsen. Das fand ich seltsam, denn seine Augen schienen mir nicht besonders klein zu sein, sogar eher groß.
Papa reibt sich oft die Augen. Das ist eine der Erinnerungen an ihn, die mir sofort in den Kopf kommt: wie er in seinem Büro am Schreibtisch sitzt, die Brille abnimmt und sich die Augen reibt.
Als mir Papa von seinen kommenden Arztbesuchen und Tests erzählt, stehe ich in der Fußgängerzone vor meinem Haus. „Wenn du Demenz haben solltest, schaue ich mal, ob es in der Schweiz gerade eine LSD-Studie gibt, an der du teilnehmen könntest. Das soll sich vorteilhaft auf die Plastizität des Gehirns auswirken.“ Papa versteht mich nicht. „Was für eine Studie?“, fragt er. „Eine LSD-Studie!“ „Ich habe es immer noch nicht verstanden.“ „L-S-D!“, rufe ich. „Ach so, LSD! Ja, das kannst du ja dann mal machen.“