Ende eines Hardcore-Konzerts

Reportage zum Thema Unterdrückung

von  Koreapeitsche

Der sporadische Veranstaltungsort existierte erst ein Dreivierteljahr. An diesem Abend sollten drei Bands spielen. Langsam füllte sich der Laden. Schon bei der ersten Band war die Stimmung gereizt, denn es war zu erwarten, dass die Cops auftauchen und eingreifen würden. Trotzdem gab die Sängerin alles und schrie sich die Seele aus dem Leib. Es war, als würde ein Tier schreien.

      Etwas später betrat die zweite Band die Bühne. Schon nach den ersten Songs tauchten die Schergen auf und warteten mit aller Tücke auf ein Eingriffskommando. Zu allem Übel krachte der Sänger der Band an einer brüchigen Stelle durch die Bühne und stand einen halben Meter tiefer auf dem Betonfundament. Es musste erst eine Holzplatte gesucht und über das Loch gelegt werden, damit das Konzert weitergehen konnte. Deshalb kamen wir weiter in Verzug. Kurz darauf flüsterte ihm jemand etwas zu. Er schrie

      „Roland, die Bullen sind da!“

Das war das Signal, dass es noch ein schwieriger Abend werden sollte. 

Die Cops baten inzwischen zweimal, die Lautstärke zu drosseln, und hatten immer noch keine Dezibelmessung vorgenommen. Wir hielten sie mit Gegenargumenten in Schach.

Die letzte Band betrat erst nach null Uhr die Bühne. Es war eine american-Style Hardcore Band aus jungen Leuten um die 20, die vom Styling her eher als Hip-Hopper weggehen könnten. Sie schlossen ihre Instrumente an und schlossen sich mit dem Mann an der PA kurz. Würden Sie ihr Programm runterspielen, wären sie um viertel nach 1 durch. Für eine Zugabe wären 15 bis 20 Minuten einzurechnen. Es war unausweichlich, dass es mit den Cops Stress geben würde.

Die Cops waren mit vier ganzen Polizei-PKWs auf dem Gelände und belegten die besten Parkplätze. In einem, rechts neben dem Eingang parkend, saß der Vize-Revierleiter am Steuer. Der Sitz war weit zurückgeschoben und die Rückenlehne leicht gekippt, sodass der Scherge seine langen Beine ausstrecken konnte. Die Fahrertür stand sperrangelweit offen. Der 2-Meter-Scherge hatte lange Greten wie ein Grashüpfer. Der Sitz war zurückgelehnt, als sitze der Fahrer auf einem Chopper. Wieder und wieder zitierte er den Besitzer des Clubs zu sich, um Fragen zu stellen und Anweisungen zu geben. Nach dem Soundcheck konnte die Band aus Preetz endlich beginnen. Die Schallwellen breiteten sich im Laden aus und dröhnten nach draußen. Sofort liefen Gäste vom Parkplatz in den Laden, um die Band zu sehen. Auch die Polizei wirkte aufgeschreckt, fast panisch, ließ sich drinnen aber nicht blicken. Obwohl die Cops kein Dezibelmessgerät dabeihatten, maßten sie sich an, über die Lautstärke exakt zu urteilen.

Die Hardcore-Szene sah ziemlich normal aus, als seien sie auf einer Freizeitsportveranstaltung. Sofort ging der Pogo-Mob ab wie ein Automatismus, dem niemand widerstehen konnte. Den Cops waren die Hände gebunden. Es fehlte der Einsatzbefehl. Die Schergen wirkten inkonsequent und schwach auf der Brust. Das wäre der denkbar schlechteste Moment gewesen, um zu intervenieren oder gar abzubrechen. Es war längst noch nicht 1 Uhr nachts, was als Deadline für das Hardcore-Konzert ausgehandelt war. Doch der Einsatzleiter Kai Born war fest entschlossen, an diesem Abend ein Zeichen zu setzen und den „Spuk“ ein für alle Mal zu beenden. Ergo zog die Hardcore-Band ihr Programm durch und gab eine kurze Zugabe, trotz mehrmaliger Anweisung, die Lautstärke zu reduzieren und die Deadline von 1 Uhr nachts nicht zu überschreiten. Es ist halt zu laut, hieß es immer wieder von Seiten der Schergen und sie gaben erneut das Kommando, die Lautstärke deutlich zu drosseln.

Dem wurde nur halbherzig und pro forma nachgekommen. Um punkt 1 kamen die Cops zum Eingang. Sie zitierten die Veranstalter zu sich, wollten den Laden aber immer noch nicht betreten, da sie Angst vor Übergriffen hatten. Nach viel Gezeter mit hochroten Köpfen machten sie den Veranstaltern unmissverständlich klar, dass das Konzert unverzüglich abzubrechen sei, sonst werde die Polizei die Bühnenanlage konfiszieren. Schweren Herzens ging der Organisator zur Bühne und informierte nach Ende des laufenden Songs die Band. Auf der Bühne wurde nur das Wort „Abbruch“ kommuniziert, nicht über Mikro, sondern von Mann zu Mann. Die Instrumente wurden zum Schweigen gebracht und abgestöpselt. Alle verließen den Laden. 

Jetzt befand sich ein Riesenmob an Hardcorefans auf dem Parkplatz vor dem Laden. Hier wurde noch lange diskutiert. Wir konnten nicht fassen, dass die Cops solche Spaßtöter sein konnten, während sie immer noch vor Ort waren um noch etwas rumzuspitzeln.

Erst rund 20 Minuten nach dem Abbruch verließen die Schergen das Areal. Es war Depri-Stimmung angesagt. Träume zerplatzten. Vereinzelt wurde geflucht. Ein Besucher sagte, er würde am liebsten Theologie studieren, um die Opfer zu betreuen. Ein anderer Konzertbesucher sagte,

      „Ich habe das alles genauestens in mein Tagebuch notiert, was hier vorgefallen ist und wie die Polizei sich verhalten hat.“

      Es war klar, dass an diesem Ort keine weiteren Konzerte mehr stattfinden würden. Eine große Hardcore-Familie wurde auseinandergerissen. Aber weshalb der Einsatzleiter Kai Born später unbedingt die Schwester des Organisators heiraten wollte, bleibt unergründlich, zumal er es mit der Treue und dem Datenschutz von Anfang an nicht besonders ernst nahm.

 

R.I.P. Konken



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