Fragmente, Serienmörder Alwin Niemann

Skizze zum Thema Mord/Mörder

von  Koreapeitsche

Fragment 1

Doch in Kiel lief in einer Parallelhandlung ein richtiger Horrorfilm. Der Serienmörder Alwin Niemann trieb in diesem Jahr sein Unwesen und würde 1987 mehrere Frauen umbringen. Der Frauenmörder hatte sich auf zwei Gruppen spezialisiert: Tramperinnen, die aus der Bergstraße kamen, und Prostituierte. Als wenn das nicht Unheil genug wäre, gab es bei den Morden einen Trittbrettfahrer. 1987 wurden in Kiel innerhalb von 6 Wochen drei Tramperinnen ermordet, die alle aus der Region Bergstraße nach Hause trampten. Zwei kamen direkt aus den Discos, eine nahm an einer Feier in der Fachhochschule in der Legienstraße teil: Alexandra (18.5.), Dorothee (13.6.) und Nicole (29.6.), alle im Alter zwischen 17 und 19 Jahren. Die Stadt stand unter Schock. Später stellte sich heraus, dass zwei der Frauen von Alwin Niemann ermordet wurden. Die dritte, Nicole, fiel dem Trittbrettfahrer zum Opfer, der die Vorgehensweise von Alwin Niemann imitierte.

Alwin Niemann wurde nach dem Mord an Dorothee gefasst, da sich eine Passantin das Kennzeichen des gold-metallicfarbenen Mercedes an der Trampstelle Haltestelle Jägersberg gemerkt hatte.

      Die Kripo ging mit Fotos der Ermordeten durch die Bergstraße, um Zeugen ausfindig zu machen. Es hingen Plakate aus, auch an den Discos, um die Bevölkerung um Mithilfe zu bitten. Im Jugendtreff Buschblick, wo viele die ermordete Nicole kannten, herrschten Trauer und Bestürzung. Die Wirren waren jedoch so groß, dass später niemand wusste, ob der Täter gefasst wurde oder noch frei herumlief. Da hätte die Stadt mehr Aufklärungsarbeit leisten müssen. Ebenso wurden die Informationen darüber unterdrückt, dass wir es mit einem Serienfrauenmörder zu tun hatten. Dessen Name und Herkunft wurden weitestgehend geheim gehalten, abgesehen von der Tatsache, dass er aus Altenholz kam und in einer Fleischerei arbeitete. Es war lediglich von Alwin N. die Rede. Der volle Name erschien nie in der Zeitung. Nicole war die dritte ermordete Tramperin, genau zwei Wochen, nachdem Dorothee ermordet wurde. Zu der Zeit war der Serientäter bereits gefasst. Er gestand die Morde an drei Prostituierten in Kiel zwischen 1983 und 1983 und den Mord an der Tramperin Dorothee. Dennoch wussten viel junge Menschen aus Nicoles Umfeld lange Zeit nicht, ob Nicole diejenige Frau war, die dem Trittbrettfahrer zum Opfer fiel. Sie war die Tochter eines Fahrlehrers, der eine Fahrschule betrieb.

Es kam im weiteren Verlauf sogar zu einer Massentäuschung, da viele sich sicher waren, über Nicoles Tod sei bei Aktenzeichen XY berichtet worden, was nicht den Tatsachen entsprach. Viele Jahre später nach dem Tod Alwin Niemanns in Haft kam heraus, dass er eine fünfte Frau auf dem Gewissen hatte, als ein Abgleich von DNA-Spuren ihn posthum überführte. Es war eine dritte Prostituierte.

 

Fragment 2


Auch für mich persönlich war 1987 ein Schicksalsjahr. Ich kannte die ermordete Nicole persönlich und hatte mich wenige Tage vor ihrem Tod mit ihr unterhalten. Zu der Zeit spielte ich in der Schulband der Gesamtschule.

 

 

Fragment 3


Doch an den Trampstellen standen nachts häufig blutjunge Frauen, zumeist Schülerinnen. Auch Niki S. aus Schilksee trampte dort, eine Freundin von Zilvana, die mindestens ebenso hübsch war. Ich kannte Niki S. persönlich und hatte mich mehrmals mit ihr in Kiel-Nord unterhalten, auch im Jugendtreff Buschblick und zuletzt im Ort auf dem Bürgersteig Kreuzung Gorch- Fock-Straße neben der Arztpraxis. Niki S. wurde kurze Zeit später ermordet aufgefunden, nachdem sie versuchte, nachts aus der Bergstraße nach Hause zu trampen. Ihre Leiche lag auf einem Parkplatz an der Holtenauer Hochbrücke. Das war ein unfassbarer Schock, der sich nicht wirklich verarbeiten ließ. Die Polizei befragte daraufhin Discogänger direkt in der Bergstraße, und es hingen Poster mit dem Foto von Niki S. aus.
Bis auf den heutigen Tag hält sich das Gerücht, der Fall sei bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ mit Eduard Zimmermann gekommen. In der Folgezeit nach der Sendung sei der Täter gefasst und verurteilt worden. Doch der Fall kam gar nicht bei Aktenzeichen XY. Es war also wieder mal eine Massentäuschung. In dem Jahr erwischte es bei uns innerhalb von sechs Wochen drei Tramperinnen nach einem Bergstraßen-Besuch. Eine der Frauen kam aus Mönkeberg, eine weitere aus Klausdorf-Altenholz. Auch über diese zwei Fälle wurde nicht bei Aktenzeichen XY berichtet. Zwei der Frauen wurden von ein und demselben Mann ermordet, der zuvor bereits drei Prostituierte in Kiel umgebracht hatte. Er wurde noch vor dem Mord an Niki S. gefasst.


 

 

Fragment 4

 

Drei Kreuze für Kieler Tramperinnen


An meiner Trampstelle kam mindestens eine Person ums Leben, wie in der lokalen Zeitung berichtet wurde. Es wäre interessant zu wissen, ob sie Lackspuren an dem toten Körper nachweisen konnten und diese in der Asservatenkammer aufbewahrt sind.

Das Trampen auf der Strecke Fördestraße Richtung Stadt war wirklich heikel. Wenn mich Leute wie Bürzi oder der Reli-Lehrer der Gesamtschule an der Strecke mitnahmen, konnte ich angenehm plaudern. Leider gab es in Kiel-Nord immer wieder Übeltäter, die Menschen mit einer anderen Lebenseinstellung nachstellten und dazu sogar ihr Auto als Waffe einsetzten. Bundesweit gab es über die Jahre immer wieder tote Punks, die verunglückten, die wehrlos vom Nazi-Pack totgetreten oder totgefahren wurden. Einer aus der Kieler Psychobilly-Szene wurde an der Fördestraße, Kreuzung Pries, von einem Auto erfasst und meterweit durch die Luft geschleudert. Er überlebte die Autoattacke schwer verletzt. Das erzählte der Drummer von Wanking Willy. Es geschah am helllichten Tag an der Fördestraße, eine Bushaltestelle vor der Einbuchtung, an der ich immer trampte. Der junge Psychobilly war ebenfalls auf der Gesamtschule. Ich kannte ihn vom Sehen. Er war recht schmächtig. Dass er schräge Musik hörte, prädestinierte ihn bei den Acern als Opfer. Seinen richtigen Namen hatten wir später vergessen, und wir konnten ihn nicht mehr recherchieren. Ich fragte mehrere Personen aus Kiel-Nord, die ihn kannten. Doch der Name dieses Tramp-Opfers war wie ausgelöscht. Doch irgendwann fiel Go, der die Kneipe Hanging Gaarden in der Waitzstraße betrieb, der Name wieder ein. Es war wie ein Flashback, als der Name ihm einfiel und er ihn laut ausrief: Suust.

Uns war schon klar, dass das Trampen gewissen Risiken unterlag, zumal an anderer Stelle in Berlin an der alten Trampstelle Reinickendorf ein großes Warnschild angebracht war. Auf dem Schild war für jede bundesweit zu Tode gekommene Tramper*in ein Kreuz abgebildet – geordnet nach Jahreszahlen, allerdings nicht nach Geschlecht. Ich war ziemlich baff, als ich in Begleitung von $abrina auf der Rückfahrt von unserem Berlin-Trip ’87 zum ersten Mal vor diesem Schild stand. Wir wollten das rechteckige, weiße Schild mit abgerundeten Ecken und schwarzer Aufschrift fotografieren. Doch der Film war bereits voll.

Für das laufende Jahr 1987 wurden sicher drei weitere Kreuze dazugesetzt: für die 17-jährige Niki S. aus Kiel-Schilksee, für eine 19-jährige Altenholzerin und für eine junge Tramperin aus Mönkeberg, sofern bei dem Zählsystem alles mit rechten Dingen zuging. Ich gehe davon aus, dass ich auch die Tramperin aus Altenholz kannte, denn mir waren alle Bergstraßengänger*innen in meinem Alter aus der Region Kiel-Nord bekannt. Speziell in Altenholz-Stift stiegen Freitag- und Samstagabend sehr viele junge Fahrgäste zu, die teils mit dem Fahrrad aus Altenholz-Klausdorf kamen und ihr Rad direkt neben der Bushaltestelle an den Fahrradständern festschlossen. Das Problem war halt die Rückfahrt nach der Disco.

Insider waren sich einig, dass die drei Tramperinnen, die innerhalb von sechs Wochen starben, noch hätten leben können, wenn die Betonköpfe der Verkehrsbetriebe ein humanes Verkehrskonzept entwickelt hätten. So fuhr der letzte Bus Richtung Kiel-Nord Haltestelle Jägersberg bereits um 2 Uhr 17, während die Bergstraße bis Punkt 3 geöffnet hatte. Die Ortschaft Klausdorf-Altenholz wurde zudem vom städtischen Liniennetz links liegen gelassen. Darüber regten sich Tausende von Bürgern auf. Für Mönkeberg an der Stadtgrenze zu Kiel am Ostufer war die Situation ähnlich schlecht. Das war jahrelang Zankapfel in der Bevölkerung, und Eltern hatten Angst, ob ihre jugendlichen Kinder nachts unversehrt wieder nach Hause kamen. Doch die Verkehrsbetriebe blieben uneinsichtig und ignorierten alle Beschwerden. Damit beschworen sie die Katastrophe herauf. Die KVAG-Manager verwiesen unaufhörlich auf die Unwirtschaftlichkeit der gewünschten Routen und der zusätzlichen Abfahrtzeiten selbst nach der Mordserie an den Tramperinnen. Diese Denke war nicht nachvollziehbar. Auch deshalb betrachteten wir die Verkehrsbetriebe immer als etwas Restriktiv-Bösartiges. Diese drei Mädchen waren der Preis für eine „finanziell effektive Mobilität“ der Verkehrsbetriebe.

Ich kenne mittlerweile das Motorengeräusch von attackierenden Autos. Einmal wurde ich Zeuge, als an einer Trampstelle in Berlin ein Auto mit zwei Skinheads drei trampende Grufties attackierte. Auch diese Tramper retteten sich knapp mit einem Sprung zurück auf den Bürgersteig. Bloß das Pappschild mit den großen Buchstaben HH flog ihnen aus der Hand und segelte surreal wie in Zeitlupe auf die Straße.


 

Fragment 5


Der Serienmörder von der Kieler Förde

Als der Serienmörder Alwin Niemann in Kiel sein Unwesen trieb, musste temporär das Frauentaxi angeboten werden, um den Frauen eine sichere Heimfahrt zu gewährleisten. Auch die Nachtfahrzeiten der Verkehrsbetriebe wurden nach langen politischen Diskussionen verbessert.

Drei Prostituierte und zwei Tramperinnen hat der Mann ermordet. Theoretisch könnten weitere Mordopfer dazu kommen, wenn es zu einem erfolgreichen DNA-Abgleich käme, denn der fünfte Mord ist ihm posthum nachgewiesen worden, nachdem er in der JVA verstorben war. Damit hatte niemand gerechnet. 

Die Morde des Altenholzers geschahen auf widerliche Art und Weise. Ein Mord war grausamer als der andere. Er muss ein notorischer Frauenhasser gewesen sein, ein mysogyner, psychopatischer Killer. Eine der Frauen wohnte in seiner Nachbarschaft.

Doch weshalb wurde sein Name nie aufgedeckt, obwohl er einer der brutalsten Serienmörder des 20. Jahrhunderts war? Oder passt es nicht in eine aufstrebende Hafen- und Urlaubsstadt, dass hier mal ein Serienmörder sein Unwesen trieb?

Der Mann muss sexsüchtig gewesen sein, denn er suchte häufig Prostituierte auf. Schließlich brachte er drei Prostituierte während des Akts oder unmittelbar danach um. Der Mann erstach alle seine Opfer, auch die jungen Tramperinnen. Heutzutage ist der Name in jeder Serienmörderdatei zu finden. Bloß die regionalen Medien tun sich mit einer Aufarbeitung schwer, sodass selbst viele Jahre nach der Tat immer noch Unsicherheit herrscht, wenn von diesem Serienmörder die Rede ist. 

Er soll sich in den Spelunken im Rotlichtbezirk herumgetrieben haben. Auch der Trittbrettfahrer soll sich dort aufgehalten haben. Ob die beiden sich kannten, wurde nicht publik gemacht.



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