Mein erster Bot

Text

von  Verlo

Auch der beste Webmaster hat nur 24 Stunden am Tag. Also braucht er Mitarbeiter.

Aber Mitarbeiter können noch mehr nerven als Nutzer. Mitarbeiter wollen vielleicht sogar Geld für ihre Tätigkeit. Ehrenamtlich? Ein Klopfen auf die Schulter. Ein Kuß auf ... Vergiß es.

Einen digitalen Mitarbeiter kauft man einmal, und dann arbeitet er ohne Unterlaß bis zum nächsten Update.

Ich habe meinen Bot beauftragt, jeden neuen Nutzer zu begrüßen und ihn in eine Gruppe mit reduzierten Rechten einzuordnen.

Die Begrüßung ist nett. Die Herabstufung bekommt der Nutzer nicht mit.

Nachdem der neue Nutzer bestimmte Funktionen eine gewisse Anzahl – kann ich festlegen –vergeblich angeklickt hat, wird mein Bot ihm eine weitere Nachricht schicken und mitteilen: für den vollen Funktionsumfang ist eine Premium-Mitgliedschaft nötig, der Erwerb erfolgt unkompliziert über Paypal.

Ist die Zahlung eingegangen, wechselt der Bot die Nutzer-Gruppe und teilt dem Nutzer mit, daß ...

Ist die gewählte Dauer der Premium-Mitgliedschaft bald vorüber, wird der Nutzer durch den Bot informiert.

Möchte der Nutzer kein Premium mehr sein, schiebt der Bot ihn in die Gruppe "Versager", die noch weniger Rechte hat als die "Neuer Nutzer.

Das kann der Bot für unzählige Nutzer machen, 24 Stunden am Tag.

Währenddessen liegt der Webmaster am Strand und läßt sich die Sonne auf ...


Oder er geht seiner eigentlichen Berufung nach und schreibt an seinem Roman weiter, an der er schon sein halbes Leben arbeitet, aber immer noch nicht die Hälfte geschafft hat. 


Was ich eigentlich sagen wollte: Webmastern ist scheiße. Und ein Bot macht das nicht besser.

Der weiß nämlich nicht, was er tun soll, sondern es muß ihm genau aufgetragen werden.

Sonst verschickt er statt einer Willkommensnachricht ein Foto vom Webmaster, wie er sich am Strand die Sonne ... mit dem Hinweis, eine lebenslange Premium-Mitgliedschaft wird freigeschaltet, nachdem ...


Nein. Nein. Das schreiben wir jetzt nicht. 


Das Leben könnte so schön sein, würden die anderen nicht immer tun, was sie wollen und unsere Wünsche ignorieren.

[Der Schreiber dieses Textes denkt an die Zeit der Schreibmaschinen ... Hatte das Programm, mit der er jetzt schreibt, nicht eine Funktion, die ...]

Cool. Hab ich ganz vergessen, daß Scribener einen Schreibmaschinen-Modus hat. Das ist nur ein weiße Blatt. Kein Computer. 


Es ist sehr interessant, Webmaster zu sein. Oder Software zu programmieren. Aber ein Autor hat es einfacher. Der schreibt einige Sätze, und schon hat er eine neue Welt geschaffen.

Leider muß man sich jemand, der nicht genug Geld hat, laufend entscheiden zwischen Arbeit und Vergnügen, damit er seine kostbare Zeit nicht zu viel mit Arbeit vergeudet.

Hat man genug Geld – wie man dazu gekommen ist, soll im Moment keine Rolle spielen, denn Geld stinkt und blutet nicht –, kann man im eigenen Flugzeug, das man am Morgen entsprechend der Stimmung aus mehrere ausgewählt hat, diesen Text schreiben, wann man will, ohne sich Sorgen zu machen, ob auch alle Arbeit erledigt ist, während eine sexy Assistentin ein leichtes Essen zubereitet, damit der Herr Autor seinen kleinen Hunger still, aber nicht müde wird. 

Obwohl. Durch das Fliegen hat er so viel Zeit gespart. Die Schreiberei ist auch nur ein Zeitvertreib. Ein Thema, über das man sich gern präsentiert. Ins Gespräch kommt. Man ist nicht nur jemand mit Flugzeugen. Man hat dieses gewisse Etwas.


Vorhin fliegen der Herr Autor?

Wenn ich das wüßte. Ich bat meinen Piloten mich zu überraschen. An so vielen Stränden habe ich mir die Sonne auf meine schönen Beine scheine lassen. Ich möchte mich nicht langweilen. Auf die Sonne aber nicht verzichten.

So, du kleiner Fratz, nimm in der Küche noch einen Bissen und ein Schlücken. Und ab durch die Mitte.

Aber Herr Autor, ich kann nicht fließen.

Dummerchen, laß dir eine Fallschirm geben.

Aber Herr Autor, ich bin noch nie mit einem Fallschirm gesprungen.

Na dann wird es aber Zeit. – Nein, keine weiteren Fragen, sonst lernst du Fallschirmspringen ohne Fallschirm.


Ich bin erschüttert, wie sich der Autor verändert hat. Geld scheint nicht nur Geld zu sein. Es ist der Schüssel zu einem Premium-Leben.





Anmerkung von Verlo:

Man kennt es wohl auch aus der Textverarbeitung Word, aber wer mit Word schreibt, begeht auch Mord.

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