KLICKS UND CLIQUEN
Synthesen + Analysen in der Matrix
Eine Kolumne von Bergmann
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Grenzen der Übersetzung
873. Kolumne
Grenzen der Übersetzbarkeit
chinesischer Gedichte
Erstes Beispiel: Zeichen-Syntax und Kontext
Die Schwierigkeit des in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts geschriebenen – in Zeichen gemalten – Gedichts von Wang Wei beginnt schon mit dem Titel. Manche übersetzen: Hirschgehege. Ein Gehege ist von Menschen gemacht, das steht in einem gewissen Widerspruch zum leeren Berg (im Chinesischen auch Plural: leere Berge). Leerer Berg ist im Deutschen ein fragwürdiger Ausdruck. Wahrscheinlich ist menschenleer gemeint, unbewohnt; vielleicht auch unbewaldet oder felsig. Es geht um den Berg an sich. Im Chinesischen geht es hier um die buddhistische Bedeutung: die heiligen Berge. Ohne das Wissen um diesen Kontext bleibt die Übersetzung selbst leer, zumindest an dieser Stelle.
Im zweiten Vers wird menschliche Anwesenheit als hörbares Ereignis dem visuellen Zustand im ersten Vers gegenübergestellt. Im dritten und vierten Vers folgt die indirekt angedeutete Tageszeit (schräg in den Wald einfallende Sonnenstrahlen) und der Licht-Reflex auf einem Stück Moos. Insgesamt wird der Blick von der ‚leeren‘ Bergspitze abwärts gelenkt in die Tiefe des Waldbodens, was Assoziationen hervorruft, die über die Naturbeschreibung hinausgehen können. Hirsche kommen nur im Titel vor, sie evozieren den Wald.
Die Übersetzung in die deutsche Sprache mit ihren Flexionen und syntaktischen Fügungen stellt erst Beziehungen, Bedeutungen und Stimmungen her, die sich in der Interlinearversion (Aneinanderreihung unflektierter Wörter) nicht recht ergeben, ist jedoch nur stellenweise in der Lage, eine äquivalente Übertragung und Rezeption zu erzeugen.
Wang Wei
王維: 鹿柴
空山不见人
但闻人语响
返景入深林
复照青苔上
Lù chái
kōng shān bú jiàn rén
dàn wén rén yǔ xiǎng
fǎn jǐng rù shēn lín
fù zhào qīng tái shàng
Leer Berg(e) nicht sehen Mensch(en)
Hügel
Aber hören Mensch(en) Worte Klang
Gespräch Echo
widerhallen
Wiederkehren Hell(igkeit) eindringen tief Wald
Schatten fallen?
Abendsonne?
Wieder leuchten grün Moos oben
(-kehren) reflektieren blau Flechten auf
Widerschein schwarz Spitze
Hirschwald
Nichts als Berge, keine Menschen sieht das Auge,
doch das Ohr hört Widerhall von Stimmen.
Abendsonnenschein dringt wieder durch den tiefen Wald,
flirrendes Leuchten auf blaugrünem Moos.
Zweites Beispiel: Kontext als conditio sine qua non
Die Übersetzung des folgenden Gedichts steht vor noch größeren Schwierigkeiten. Das Gedicht überliefert den Kern einer Anekdote, nämlich das ungefähre Kochrezept einer Bohnensuppe. Dass der Kochvorgang metaphorische Bedeutung hat, deutet die Personalisierung der Bohnen an (das Weinen), auch die klagende Frage im letzten Vers. Aber worauf sich das wirklich bezieht, verrät das Gedicht nicht – es setzt historisches Wissen voraus, das ein (gebildeter) Chinese besitzt, das aber kaum ein Europäer hat, dem die frühe Geschichte Chinas ohnehin fremd ist; für ihn bleibt das Gedicht Cao Zhi’s ein merkwürdiges Koch-Ereignis. Auch wenn er im Kommentar den Schlüssel der Bedeutung erfährt, wird ihn der Text als Gedicht nicht berühren.
Cao Zhi
曹植: 七步诗 qī bù shī (Gedicht in sieben Schritten)
- 煮豆持作羹,
- zhǔ dòu chí zuò gēng
- 漉菽以為汁。
- lù shū yǐ wéi zhī
- 萁在釜下燃,
- qí zài fǔ xià rán
- 豆在釜中泣。
- dòu zài fǔ zhōng qì
- 本是同根生,
- běn shì tóng gēn shēng
- 相煎何太急?
- xiāng jiān hé tài jí
Bohnen kochen, um Suppe/Brühe zu bereiten,
man seiht die Hülsen, um Saft zu gewinnen
unter dem Topf/Kessel brennen die Stängel,
im Topf/Kessel weinen die Bohnen.
[Wenn man] aus derselben Wurzel geboren –
warum einander so eilig/hastig braten/vernichten?
Das Gedicht stammt aus der Drei-Königreiche-Zeit (3. Jh. n. Chr.) und wird dem Dichter Cao Zhi (曹植) zugeschrieben. Cao Zhi war der jüngere Bruder von Cao Pi (曹丕), dem ersten Kaiser des Staates Wei. Die beiden waren Söhne des mächtigen Kriegsherrn Cao Cao.
Zwischen den Brüdern herrschte jedoch bittere politische Rivalität. Nach dem Tod ihres Vaters Cao Cao erbte Cao Pi den Thron. Er sah in seinem begabten Bruder Cao Zhi eine Gefahr, sowohl wegen dessen dichterischer Berühmtheit als auch wegen seines Ansehens am Hof. Um ihn zu demütigen oder gar einen Vorwand für seine Beseitigung zu finden, stellte Cao Pi ihm eine scheinbar unmögliche Aufgabe: Er solle in kürzester Zeit (man sagt: innerhalb von sieben Schritten) ein Gedicht verfassen. Cao Zhi schrieb daraufhin sein metaphorisches Gedicht.
Erläuterungen: Bohnen = er selbst, Bohnenhülsen/Stängel = der Bruder, beide „aus derselben Wurzel geboren“ = Kinder derselben Mutter, aus derselben Familie. Dennoch „kocht“ der eine den anderen, obwohl sie verwandt sind. Die Anspielung war klar: Brüder sollten sich nicht gegenseitig vernichten, denn sie stammen aus derselben Familie.
Familientragödie – zeigt, wie Machtkämpfe Blutsverwandte zu Feinden machen.
Moralischer Appell – selbst in politischem Streit sollte man nicht unnötig grausam sein. Sprachliche Brillanz – in nur 6 Versen ein komplettes Bild, zugleich konkrete Szene und metaphorische Botschaft.
Cáo Zhì: Gedicht in sieben Schritten
Bohnen kochen für die Suppe,
dann filtern für den Sud.
Die Stängel brennen unterm Kessel,
die Bohnen im Kessel weinen.
Beide stammen von derselben Wurzel,
warum einander so heftig verbraten? (UB)
Bohnen kochen ergibt einen Sud,
Filtern ergibt eine Tunke.
Trocken dienen die Stängel dem feurigen Kessel,
so weinen die Bohnen.
Eigentlich sind sie einer Herkunft,
wozu verbrennen, so eilig? (Wolfgang Kubin)