KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Mittwoch, 01. April 2026, 21:17
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Eine Fingerübung

878. Kolumne

Frühlingserwachen
 
Herr: es ist Zeit. Der Winter wird zu lang.
Lass unsre Sonne höher steigen
und steigere der Amseln Lustgesang!
 
Schneidere der Weide grünes Kleid
und lass die kalten Winde schweigen.
Die Menschen wolln sich draußen zeigen,
sie fühlen alle nur: Es ist soweit.
 
Wer jetzt ein Auto hat, will endlich reisen,
will keine Bücher lesen oder Briefe schreiben,
will Abschied nehmen von den vielen leisen
Abenden und nicht zu Hause bleiben,
sondern auf Alleen vorwärtstreiben. 


Quiz: 
Was wird hier parodiert? 
Ist diese Parodie auf Augenhöhe mit dem parodierten Gedicht? (Nein. Warum nicht?)
Hat die Parodie trotzdem einen (Unterhaltungs-)Wert oder ist sie überflüssig?

UB 

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 Jack (10.04.26, 07:18)
Der Wiedererkennungswert des parodierten Gedichts prädestiniert es geradezu dafür, als Ausgangspunkt für aktuelle Themen zu dienen. Die Parodie setzt ein Herunterbrechen des Niveaus voraus; eine Nachdichtung auf vergleichbarem Niveau wäre kein besseres Gedicht als das Meisterwerk von Rilke, es wäre bloß eine Art „uncanny valley“.

 S4SCH4 (10.04.26, 07:37)
sich dem Pathos einer Vorlage annehmen, sie überstilisieren oder nachahmen … das geht oft mit einem unfreiwilligen Augenzwinkern daher, dass eher ein Tick, eine Marotte zu sein scheint und weniger gewollt ist. Das liegt vielleicht daran, dass die Kontrolle des Originals / Originaldenkers fehlt, die Eigenständigkeit der Parodie aber doch darauf (auf)baut. Dies ist beidem vorliegenden Werk insbesondere so (m.E.): es scheint die Romantik durch, die Rilke als Nachfahre dieser in ein ´mehr inneres´ gekehrt hat.
Also: die Parodie krempelt die Innerlichkeit Rilkes erneut um und zeigt sowohl etwas von der romantischen Wurzel als auch etwas blühend-hoffende ´Neuzeit´. Die Parodie nimmt das Original demgemäß in einen Schwitzkasten und zwingt vielleicht den ein oder anderen Leser, sich das Ganze doch mal genauer anzuschauen.

 Bergmann meinte dazu am 10.04.26 um 20:16:
Eigentlich habe ich nur rumgespielt. Aber im Kopf hatte ich eine ernste/kritische Parodie gegen Rilkes bürgerliche Saruriertheit, die auch in den Versen steckt. 

Ute Zydek

Ich denke an Rilkes Herbsttag-Gedicht 
 

Mein Sommer war nicht groß
wenn ich ehrlich bin
er war nie da
blieb fern
wie vieler Menschen Sommer
fernbleibt.
Sein Schatten lag verfrüht
auf Sonnenuhren
und arge Winde 
warn vorzeiten los.
 
Vollendung
ohne Sonne 
ohne Süße
überhaupt
wie sollte das geschehn?
Zu keltern
eine derart kümmerliche Traube
verlohnt sich nicht.
 
Ein Haus
das hab ich nicht
und werd ich niemals haben.
Allein
werd ich wohl weiter bleiben 
und wachen nachts
mich ängstigen und sehnen.
 
 
Das Lesen 
ist mir schwer geworden
und lange Briefe schreiben
wer
würde sie denn haben wollen?
 
Was bleibt 
von Rilkes Herbsttag mir?
Das unruhige Wandern
zwischen Jetzt und Niemalsmehr
und manchmal noch
ein Laufen durch Alleen
im November
 
und irgendwo
ein klitzekleines
unbestimmtes
Fetzchen Hoffnung
 
Herr es wird Zeit.   
 
[1979] 


Zydek hobelt auch das geschlossene Metrum und die Reime weg ...

 S4SCH4 antwortete darauf am 10.04.26 um 21:48:
U. Zydek ist mehr eine Beifahrerin, ich will nicht abwertend sagen Trittbrettfahrerin, aber sie lässt sich schön herumkutschieren und will gar keine Kontrolle über das Ganze, sondern lässt sich auf die Bilder Rilkes ein und fordert ihnen ganz eigenständig etwas ab. Er ist nicht ihr Chauffeur, eher ein alter Vertrauter, ein Freund, den sie lange nicht gesehen hat, man merkt wie sie an ihm zehrt. Von daher gefällt mir das Werk von Zydek eigentlich auch sehr gut.

Das Gedicht aus der Kolumne hat, wie gesagt, diesen Schwitzkasten um das Original und es ringt mit jenem um die Kontrolle, hält etwas entgegen (wie du ja sagst ist es ´gegen´ etwas am zugrunde liegenden Original). Nun, es hat durchaus Unterhaltungswert und


"Wer jetzt ein Auto hat, will endlich reisen," 

als Anfang der 3. Strophe spielt klasse als Pendant zu dem "...Wer jetzt kein Haus hat..." aus Rilkes Werk. Es ist das Moderne, die Neuzeit einerseits die "Fahrt aufnehmen" soll.
Hingegen das "Ur-romantische“ macht den Anfang der 2. Strophe:

"Schneidere der Weide grünes Kleid". 
Was soll man dazu noch sagen ... Novalis und Co lassen grüßen.

Also auf Augenhöhe mit dem Original will das Werk aus der Kolumne ja gar nicht sein, wohl aber die Grenzen ausloten, es im Spiegel der Zeit sehen, jene die vor und nach ihm kamen, außerdem will die Parodie ein wenig rebellieren und doch nicht den Wert der originären Textzeilen schmälern. 

Das muss man erstmal als „Fingerübung“ hinbekommen.
Also, Hut ab dafür und danke für alles.

 DanceWith1Life (10.04.26, 15:03)
Herrlich, bis auf die Fragen, aber das geht nicht besser, denn wenn Lyrik eine Pflanze wäre, würde sie individuell zum Licht streben, unvorhersehbar, und in ihren Wurzeln jeden Nährstoff aufsaugen, der in Reichweite, ich glaube, das hätte sogar Rilke gefallen.

 Bergmann schrieb daraufhin am 10.04.26 um 20:22:
Auch die Fragen sind nur ein Spiel. 
Und Sascha ging erfreulich ernst darauf ein ...
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