KLICKS UND CLIQUEN
Synthesen + Analysen in der Matrix
Eine Kolumne von Bergmann
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Gewalt
884. Kolumne
Gewalt
Die Darstellung von Gewalt in der erzählenden Literatur ist ein faszinierender Aspekt.
Direkte, genau beschreibende Darstellung ist nicht verwerflich, wenn sie eine Funktion hat, etwa Erkenntnisse vermittelt oder berechtigte, notwendige Gefühle erzeugt, die Erkenntnisse fördern hilft.
Es gibt auch eine Ästhetik der Gewalt, etwa beim Betrachten starker Kräfte. Die Sprengung einer Brücke, eines Schornsteins, eines Staudamms ... bis hin zur Zerstörung des World Trade Centers in New York. Aber das ist grenzwertig und Auffassungssache. Berühmt wurde der Kommentar von Karlheinz Stockhausen:
„Was da [am 11.9.2001 in New York] geschehen ist, ist - jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen - das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat. Dass Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nicht träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben. Das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos... Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts, als Komponisten. Ein Verbrechen ist es deshalb, weil die Menschen nicht einverstanden waren. Die sind nicht in das ‘Konzert’ gekommen. Und es hat ihnen niemand angekündigt, ihr könntet dabei draufgehen. Was da geistig geschehen ist, dieser Sprung aus der Sicherheit, aus dem Selbstverständlichen, aus dem Leben, das passiert ja manchmal auch poco a poco in der Kunst. Oder sie ist nichts.“
Hier ist die (emotionale) Anteilnahme abstrahiert oder verschoben auf einen sekundären Aspekt, der für einen Vergleich mit einem absoluten Kunstbegriff genutzt wird.
Die Darstellung der Gewalt kann auch indirekt sein. Oft ist sie dadurch sogar stärker, da der Leser einbezogen wird, das nur Angedeutete zu vervollständigen.
Welche Weise ist die beste? Das kommt darauf an, auf die Intention und Funktion des Textes und auf die Art der Gewalt.
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Gewalt geschieht in und durch Worte ... auch durch (wortloses) Verhalten, etwa Ausschluss einer Person von irgendeiner Teilnahme ... oder durch systematischen Liebesentzug ... oder durch gesellschaftliche Machtverhältnisse (strukturelle Gewalt), autoritäre Strukturen, Verbote, restriktive Gesetze ...
in der Erziehung, im Familienleben, in der Schule, beim Militär ...
Nicht jede Gewalt ist zu verurteilen – etwa bei Notwehr, Verteidigung der Einzelperson oder eines Staates. Es gibt auch gemeinschaftlich oder demokratisch beschlossene Gewalterlaubnis.
Oft gehen die Meinungen auseinander, was Gewalt ist und ob Gewaltanwendung gut oder schlecht ist. Ein wichtiger Maßstab ist sicherlich die Menschenwürde. Es gibt auch Fälle von Gewalt, wo die Güterabwägung komplex und schwierig ist – und unlösbar.
Zu bedenken ist auch, dass Gewalterprobung im Kindes- und Jugendalter ihre Bedeutung hat im Individuationsprozess – oder wenn Gewalt unter Menschen im Einverständnis geschieht, etwa sexuell ... Keine Definition ohne Ausnahme, keine absolute Wahrheit, die Welt ist dialektisch.
Ach, es öffnet sich bei jedem Begriff die ganze Welt, je länger ich darüber nachdenke, und ich drohe mich in den Fallstricken des Relativismus zu verfangen.