KLICKS UND CLIQUEN

Synthesen + Analysen in der Matrix


Eine Kolumne von  Bergmann

Freitag, 07. November 2014, 16:52
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Unsere Geschichte - zwei Aspekte

431. Kolumne

Der derzeitige Kapitalismus geht über Leichen. Die bürgerliche Demokratie erwehrt sich der Zumutungen nicht, die mehr als die Hälfte des Volks bedrücken. Ein mangelndes geschichtliches Bewusstsein kommt hinzu. Die nationale Identität schien sich zwar in den letzten Jahren zu erholen, kümmert aber weiter vor sich hin – stattdessen triumphale Hegemonie von political correctness und subjektiven Befindlichkeiten. Das sind die Verwerfungen der Hitlerzeit und ihrer Vorgeschichte, das dauert noch fort bis ins dritte Glied. Noch meine Enkelkinder werden damit zu tun haben, sie mögen noch so viel verdrängen.

Nach dem Scheitern des Faschismus tragen wir die Verantwortung an den Folgen: Amerikanisierung und neuer Hochmut. Positiv jedoch die allmähliche Integration in den Westen (bis 1990) und langsame Annäherung an den Osten (seit 1990).

Interessant wäre eine Untersuchung, inwieweit Deutschlands Gegner im zweiten Weltkrieg sich wirklich schon erholt haben, ätherisch gesehen.

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Interessant in Berlin (neben den üblichen Besichtigungspunkten) ist der Besuch des sowjetischen Ehrenmals in Treptow. Vor allem aber eine Führung durch die Stasi-Zentrale Normannenstraße mit anschließender zweistündiger Führung durch das Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, in dem Gysi als ‚Rechts-Anwalt’ ein und aus ging. Unser etwa 35-jähriger Führer war 1985 selbst über drei Monate dort in Haft. Seine Führung war, was die Darstellung des historischen Kontextes anging, überraschend gerecht, sie war ausgesprochen gebildet, argumentativ sehr fein gewebt und auch im Hinblick auf das persönlich Erlebte ein seltenes Ereignis! Unmittelbar um das Gefängnis mit auffallender KZ-Ähnlichkeit wohnen ehemalige SED- und Stasi-Anhänger, von denen viele bis auf den heutigen Tag von der Notwendigkeit der Stasi-Methoden überzeugt sein sollen. Es drängt sich übrigens nach der Besichtigung aller Details (auch der Folteranlagen) dieses Gefängnisses der Gedanke auf, dass Gysi durch sein Mitwissen und Dulden in gewissem Maße mitschuldig wurde an den schweren Menschenrechtsverletzungen. Es ist fatal, dass er als fortschrittliche Kraft innerhalb der PDS gelten kann oder muss. Dieser Teil der Geschichte muss unbedingt genauer analysiert werden; vielleicht gelingt eine Betrachtung, die den Opfern und Tätern und der großen Mehrheit, die zu Passivität, Mitläufertum und anderen differenzierbaren Formen der Mitverantwortung verdammt war, gerecht wird, wenn auch erst in Jahrzehnten, ähnlich wie bei der (heute noch andauernden) Verarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur.

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Kommentare zu diesem Kolumnenbeitrag


 EkkehartMittelberg (15.11.14)
Lieber Uli,

du sprichst mir mit mehreren Feststellungen des ersten Teils deiner Kolumne aus dem Herzen. Ich habe jedoch zwei Fragen:
"Noch meine Enkelkinder werden damit zu tun haben, sie mögen noch so viel verdrängen."
Kann man etwas verdrängen, was man nicht selbst erfahren hat? Ich finde es beglückend, wenn unsere Enkelkinder bereit sind, zu dem Erbe des Natioanalsozialismus in kritischer Distanz zu stehen. Es macht mich traurig, wenn sie die Erbschaft ablehnen, aber ich kann es verstehen.

"..und langsame Annäherung an den Osten (seit 1990)." Erleben wir nicht gerade, dass diese Annäherung an den Osten durch Schuld des Westens und des Ostens empfindlich gestört, wenn nicht sogar zurückgenommen wird?

 Bergmann (15.11.14)
Lieber Ekki, - ja, leider kann man auch Dinge verdrängen, die man nicht selbst erlebt hat. Das Wort "verdrängen" ist ja nicht nur der Psychoanalyse vorbehalten.
Die Annäherung Ost-West (in Deutschland!) vollzieht sich (langsam!), dabei bleibe ich. Presse und Öffentlichkeit starren auf Dissens.
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