Reich, Frank:

Fatras

Nonsensdichtung mit Eigensinn


Eine Rezension von  AchterZwerg
veröffentlicht am 04.07.24

Dicht am Leben

Der erste Gedichtband des studierten Literaturwissenschaftlers Frank Reich trifft uns Forenuser nicht ganz unerwartet, jedoch überraschend in Bezug auf das gewählte Genre. Die derzeit von ihm favorisierte Gedichtform ist zwar seit längerer Zeit der Fatras (chose sans valeur, inutile), eine mittelalterliche Form, die ab dem 13. Jahrhundert in Frankreich ans Licht der Öffentlichkeit drängt; gleichwohl fragt sich der erstaunte Leser, was der Poet wohl
damit in der Jetztzeit bewirken möchte ...

Bringen wir's auf einen Nenner:
Fatren sind ein guter Plan
gegen Raum- und Rassentrenner,
selbst beim Golf in Teheran

(Motto III)

Frank Reich, ein Virtuose der Form, des Gedankens und des poetischen Bildes, gilt mir als selbstironischer politischer Sänger, dessen Schlagkraft vor allem im Witz und seiner heiter-melancholischen Betrachtungsweise liegt.

Sein empfehlenswertes Debüt umfasst 132 Seiten, tänzelt als geschmackvoll ausgestattetes Taschenbuch einher und kann gut mal in der S-Bahn gelesen werden – falls denn eine kommt!

Tatsächlich schmiegt sich diese Form wunderbar ins Heutige und lässt kein Auge trocken.
Insofern befindet er sich Reich in der Tradition weiterer deutscher Dichter, die ebenfalls gern das Althergebrachte bemühen, wenn es ans Eingemachte geht.

Robert Gernhardt, beispielsweise, sprach in diesem Zusammenhang einmal von „Lethe mit Schuss.“
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Kommentare zu dieser Rezension


 Quoth (05.07.24, 11:59)
Hallo FrankReich, Du weißt, dass ich Deine Fatren vielfach mit großem Vergnügen und Beifall gelesen habe, und finde es gut und mutig, dass Du sie in einem Buch versammelt hast. Aber warum hast Du sie in literaturwissenschaftliche Erörterungen und Erklärungen gleichsam eingemauert, so dass der Leser gar nicht wagt, sich ihnen naiv und ohne Vorkenntnisse zu nähern? Sie haben das nicht nötig und sprechen in ihrer eleganten Sinnlosigkeit für sich selbst. Wer mehr über die Form des Fatras wissen will, kann - worauf Du auch verweist - in Wikipedia nachschauen! Ich wünsche Deinen oft virtuosen Fatren viele vergnügte Leser! 
Gruß Quoth

 Moja (07.07.24, 12:24)
Diese Sammlung von Fatren ist wie ein Geschenk, das beim Lesen beglückt und Aufmerksamkeit fordert. Die Botschaft besteht nicht nur aus Gedichtzeilen und Reimen, die einleuchten, verwirren, belustigen, sondern in der Sprache selbst, wo sie rätselhaft ist, ungewöhnliche Zusammenhänge schafft wie unsere Wirklichkeit: im Klang, in der Melodie, im Rhythmus, den Metaphern.
Ob man nun die Erklärungen mitliest oder gleich im Buch blättert, fühlbar wird beim Lesen der Reichtum und die Schönheit einer Tradition, die weitergetragen wird bis zu den Themen, die uns heute bewegen.
Ich lese sie besonders gern auf einer Parkbank oder im Café Freunden vor. Und danach wissen wir kaum in Worte zu fassen, wie sich die Sprache dem Unsagbaren von verschiedenen Seiten aus nähert und warum uns die Zeilen treffen.
 
Das Buch wird seine Leser finden – endlich ist es da!
Mit Dank an Frank!
Moja

 Moja (13.07.24, 11:20)
Stirnrunzelnde Skepsis vor der Lektüre: was kann mir die deutsche Adaption spätmittelalterlicher französischer Dichtung sagen? Nach drei mir selbst (laut) vorgetragenen Gedichten spüre ich: das ist Barock, der rockt! Auch dank ihrer Reimform bekommen Frank Reichs Wortschöpfungen noch eine skurrile Umdrehung mehr. Trotz formaler Unterschiede erinnert mich dies an Daniil Charms, den russischen Meister des Absurden.
„Quatsch“ dieser Machart ist für mich ein Mittel, die (Definitions-) Macht nicht den „Päpsten“ aller Professionen und Konfessionen zu überlassen.
Fatras und Phantasie statt Fake News und SUV!
 
von Wolfgang Endler (aka Kalle K., der wahre Neuköllna)
 

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