Sigrun Al-Badri:

Deus ludens

Der spielende Gott


Eine Rezension von  EkkehartMittelberg
veröffentlicht am 20.11.25

Al-Badris großartiger, großangelegter Roman steht in der Tradition Dostojewskis. Er handelt von 1880 bis 1970 mit dem Hintergrund zweier Weltkriege von Schuld und Sühne von Menschen, die sich über ihre Mitmenschen erheben, sie demütigen, manipulieren, sie zur Ware und zu Versuchsobjekten machen. Das große Thema „Der Mensch als Versuchsobjekt medizinischer Forschung“ wird eingeleitet und ergänzt durch andere Formen der Schuld, zum Beispiel Besitzstolz und Vorurteil, arglistige Täuschung und Vergewaltigung. Die kriminellen Übergriffe erstrecken sich auf die Schicksale mehrerer Familien, die miteinander verwoben sind.

Al-Badris moderner Roman, der fast ein Jahrhundert zum Gegenstand hat, verlangte von der Autorin eine ungleich größere Leistung an Analyse (hier detaillierte medizinische Kenntnisse, historisches und topographisches Wissen) und Komposition divergierender Ereignisse, als sie klassische Erzählungen benötigten, die sich mit dem Thema Verbrechen befassten, zum Beispiel Schillers „Verbrecher aus verlorener Ehre“, Fontanes „Unterm Birnbaum“ oder „Die Judenbuche“ der Droste. Damit soll nicht behauptet werden, dass Romane oder Novellen, die in Bezug auf Ort und Zeitwechsel sowie auf Personen einfacher sind, wegen dieser Beschränkung geringere Kunstwerke sein müssen.

Es stellt sich die Frage, wie Al-Badri die komplexen Handlungsverläufe ihres Romans mit zahlreichen unterschiedlichen Protagonisten so zusammenzieht, dass ihre LeserInnen erkennen können, dass die verbrecherischen Versuche mit Menschenleben nicht zufällig sind, sondern sich zwingend aus den Produktionsverhältnissen, den Diskrepanzen zwischen Reichtum und Armut, entwickelten, die vor, während und nach zwei Weltkriegen machtbesessenen Menschen hybride inhumane Übergriffe unter dem Deckmantel medizinischer Forschung erlaubten. Die Autorin schafft dies mit zwei Erinnerungsbüchern (Tagebüchern), die Handlungen, die scheinbar unaufgeklärt abbrachen, so zusammenführen, dass deutlich wird: Das vom spielenden Gott erschaffene Schicksal schlägt nicht blind zu, sondern folgt einem Plan, den Gier, Machtstreben und Größenwahn geschaffen haben.

Man muss sich fragen, wie LeserInnen die Darstellung von soviel Schuld über 500 Seiten ertragen können, obwohl die Handlungsspannung wie bei guter Kriminalliteratur niemals abbricht. Das hat wesentlich mit Al-Badris Gestaltung der Charaktere zu tun. Brutale medizinische Experimente mit hilflosen Opfern können nur von bösen, gewissenlosen Menschen betrieben werden. Dem stehen aber äußerst gewissenhafte Mediziner gegenüber, die den Dienst am Patienten als Berufung betrachten. Ein anderes Beispiel sind Zuhälter, die in der Regel Prostituierte ausbeuten. Bei Al-Badri gibt es aber auch einen Zuhälter, der einer aus Rachsucht gejagten Frau Schutz vor Gewalt gewährt. Ein großer Teil der Charaktere sind deswegen gemischt, weil das Schicksal ihnen nicht die Wahl lässt, eindeutig gut zu sein Sie müssen Gesetze übertreten, um zu überleben. Das geht soweit, dass LeserInnen vermutlich Verständnis für eine Frau aufbringen, die ihren sadistischen Peiniger mit kühler Überlegung umbringt und sich ohne Gewissensbisse rächt.

Al-Badri ist eine Meisterin der minutiösen sprachlichen Wiedergabe von immer wieder anderen Variationen zur Beschreibung von Liebesszenen, Vergewaltigungen, medizinischen Operationen, landschaftlicher Schönheit sowie unterschiedlicher Charaktere. Das macht ihren anspruchsvollen Roman, der analytische Fähigkeiten bei der Verfolgung und Synthese von Handlungssträngen voraussetzt, zu einem beständigen Erlebnis visueller, auditiver, olfaktorischer Sinneswahrnehmungen, die zum Beispiel mit den Metaphern von Licht und Schatten sowie der Beschreibung von Düften das Grauen vor hybriden Verbrechen und zugleich die Schönheit aufopferungsvoller Liebe erfahrbar machen.

Nach meiner Jugend, in der ich mich stundenlang in die Romane von Dostojewski und Tolstoi vertiefte, wurde ich wieder von einem umfangreichen schicksalsträchtigen Roman so gefesselt, dass ich ihn gebannt von der Erzählkunst in einem Zuge gelesen habe.
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Kommentare zu dieser Rezension


 Saira (20.11.25)
Lieber Ekki,

dein Blick auf meinen Roman hat eine Tiefe erreicht, die mich still und dankbar macht.

Mit herzlichen Grüßen
Sigi
WinterzeitFachkraft (66)
(14.12.25, 18:11)
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 EkkehartMittelberg meinte dazu am 15.12.25 um 20:34:
Anonyme Kommentare, die ausdrücklich erklären, ein Werk nicht gelesen zu haben, besitzen für eine literarische Bewertung keinerlei Relevanz.

Wer weder mit offenem Namen noch auf Grundlage der vollständigen Lektüre argumentiert, äußert keine Kritik, sondern lediglich persönliche Abneigung.

Meine Rezension beruht auf der vollständigen Lektüre des Romans und ist als solche nachvollziehbar begründet. Dabei bleibt es.


Ekkehart Mittelberg
WinterzeitFachkraft (66) antwortete darauf am 15.12.25 um 21:31:
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WinterzeitFachkraft (66) schrieb daraufhin am 15.12.25 um 21:48:
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 EkkehartMittelberg äußerte darauf am 16.12.25 um 11:44:
Anmerkung zur Klarstellung:
Der reguläre Verkaufspreis des Romans Deus ludens beträgt 30 Euro. Abweichende Preise entstehen ausschließlich durch Drittanbieter und liegen weder in der Verantwortung des Verlags noch der Autorin.
Deus ludens ist ein lateinischer Begriffstitel, kein deutscher Aussagesatz. Der Untertitel Der spielende Gott stellt keine „Dopplung“, sondern eine interpretierende Öffnung für deutschsprachige Leser dar, wie sie in der Literatur- und Ideengeschichte üblich ist (vgl. Homo ludens). Er bezeichnet eine metaphysische Deutung, nicht eine schlichte Tätigkeitsbeschreibung.
Ekkehart Mittelberg
WinterzeitFachkraft (66) ergänzte dazu am 16.12.25 um 13:11:
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WinterzeitFachkraft (66) meinte dazu am 16.12.25 um 13:51:
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 Reliwette meinte dazu am 11.03.26 um 17:46:
Winterzeitfachkraft? Lass die Finger von Rezensionen, das überfordert Dich. Wenn es seitenlang über die Definition des "spielenden Gottes" geht, ist die Frage wohl berechtigt, was Du in Deiner Freizeitn sonst noch anstellst?
Mit einem zwinkernden Auge und
"göttlich spielendem Gruß!"
Hartmut T. Reliwette

Antwort geändert am 11.03.2026 um 17:47 Uhr

 Verlo meinte dazu am 11.03.26 um 19:02:
WinterzeitFachkraft hat Ekki angeboten, alle seine Kommentare hier unter seiner Rezension durch den Webmaster löschen zu lassen, nachdem er verstanden hat, daß er nichts zu melden hat, wenn Gott spielt.

 Moppel meinte dazu am 18.08.26 um 18:23:
Eigentlich wollte ich mir von Anfang an, das Buch kaufen. Es war mir aber zu teuer.
Zunehmend störten mich auch Dinge, die über das Buch selbst nichts aussagen, sondern drum herum ablaufen. Ekkis „Rezension“ machte zunächst neugierig, durchaus würde ich Saira einen guten Roman zutrauen.
Doch als ich beim Verlag eine zweite überschwängliche Rezension von einem hiesigen KV-Freund fand, befremdete mich das.
Ebenso befremdete mich, dass eine Autorin einen „Dostojewski nahe stehenden Weltroman“ beim Engelsdorfer verlegt. Selbstverlag. ( Nichts gegen den Verlag. Es ist ein Fairer für Menschen, die gegen Bezahlung gerne ein Buch von sich möchten.). Aber mich beschleicht da die Frage: Hätte sich nicht bei der in den „Rezensionen“ angepriesenen Qualität ein echter Verlag gefunden?
Zudem stieß mich die enorme Werbung und Vermarktung ab. Von Ebay bis Amazon wird das Buch angeboten. Allerdings auch bei Thalia.
So gab auch ich mich zunächst mit der Leseprobe zufrieden, die der Engelsdorfer anbot. Mir fielen dieselben Dinge auf wie Winterfachzeitkraft und denen im „Antithread“ von Verlo “Am Anfang war ein Buch“.
 
Ich stelle zudem folgendes fest:
Deus Ludens ist ein Begriff und Aufsatztitel des Marcus Lersch, Professor zu  Tübingen, kath. Theologe. In seinem anspruchsvollen Pamphlet nimmt er sich ausgehend vom Homo ludens einem spielenden Gott an, Deus ludens. Bezug nehmend auf die Bibelverse 8, 20-31. Er stellt eine These auf. Man kann diese teilen oder auch nicht. Atheisten oder Andersgläubige werden damit nicht viel anfangen können.
Und ob der Begriff oder Titel geschützt ist, ist mir auch nicht bekannt. Die Gedanken zu einem „spielenden Gott“ sind also nicht von der Autorin erfunden.
 
Die Herausforderung, der sich die Autorin stellte, in ihrem Buch  diese These in einem Gesellschaftsroman einzuarbeiten, scheint  mir eine Große. Respekt.
Ebenso die Erwartungshaltung, die der lateinische Titel hervorruft: Ein gewisses Pathos, gleitende Poesie und handwerkliches Können. Die Leseprobe hat diese Erwartungen nicht erfüllt. Schauen wir dann, ob der Rest des Buches es kann.
Es ist gerade angekommen.
Ich werde das Buch lesen, bin echt gespannt. Werde  meine Meinung bei KV äußern. Ebenso wie es die anderen „Rezensoren“ taten.
 
 
 
 
 

Antwort geändert am 18.08.2026 um 18:25 Uhr

 Moppel (29.08.26, 09:38)
Ich habe mich umentschieden, werde keine Rezension schreiben. Nach Seite 80 bemerkte ich, dass das Thema nicht meines ist. Insofern kann ich das Buch in seiner Gänze nicht beurteilen.

Kommentar geändert am 29.08.2026 um 09:39 Uhr

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