Film & Fußball

Eine cineastische Mannschafts-Kolumne


Die Kolumne des Teams " Film & Fußball"

Dienstag, 19. Januar 2021, 16:51
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Man muss sich nicht dafür schämen, einen "Tatort" gesehen zu haben

von  Dieter_Rotmund


Man muss sich nicht dafür schämen, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen den neusten "Tatort" gesehen zu haben. In letzter Zeit begegnet einem bei diesem Thema ein bestimmter Menschenschlag mit einer Überheblichkeit, die unangebracht ist. Da sind zu einem, die sich rühmen "überhaupt keinen Fernseher" zu haben, als wäre das eine hohe Auszeichnung. Was soll sie bedeuten? Dass sie den ganzen Abend nur Prousts Suche nach der verlorenen Zeit lesen? Dass ich nicht lache.
Das sind zu anderen die "Lügenpresse"-Schreier und da ARD per se Lügenpresse ist, sind die ARD-Tatorte in Sippenhaft genommen und ebenfalls ganz übles Verblendungswerkzeug des Staates. Diese Querdenker-Proleten wissen ja offenbar nicht mal eine Nachrichtenmeldung von einem Kommentar zu unterscheiden, sodass die ARD nun ihre Kommentare "Meinungen" nennen muss. Es ist erbärmlich.
Zurück zum Thema: Ja, ich habe den neusten Tatort am vergangenen Sonntag gesehen. Es war insofern sehr unterhaltsam, da die Aussenszenen zu 90% in dem Stadtteil einer badischen Metropole gedreht wurden, in dem ich wohne, aber dieser Krimi im hinterschwäbischen Ostfildern spielen sollte. Nun ist das ja nichts ungewöhnliches, etwa die Hälfte der Hafenszenen aus dem Tatort Ludwigshafen/Mannheim sind nicht in Ludwigshafen/Mannheim entstanden. Aber lustig war es dann doch. Gestern bin ich die vermeintliche ostfiildernde Straße entlang gefahren, habe auf Häuser gezeigt und habe meiner Begleitung gesagt, wo die Leiche gewohnt hat und und wo sie vergraben wurde. Der Fernsehfilm war im Übrigen weniger ein Krimi als eine humoreske Milieustudie. Die Leiche war die meiste Zeit falsch identifziert und die Kommissare ermittelten in die falsche Richtung. Die treibende Kraft der Geschichte war ein typische moderne Hausgemeinschaft aus Helikoptereltern, Esoterik-Freaks, Gendergutmenschen, SUV-Fahrern und verkrachten ITlern. Sie hielten in der grenzenlosen Selbstüberschätzung ihrer Person die Kommissare auf Trab, die nur mühsam ihre übliche Agenda abarbeiten konnten. Es war herrlich. Und ich schäme mich nicht, diesen Tatort gesehen zu haben. Niemals. Des hät's ja noch nie gegäbe, da könnt' ja jeda komme, des hemma noch nie so gemacht. Äbe!

17.01.2021: Tatort: Das ist unser Haus, Regie Dietrich Brüggemann.

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Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


 eiskimo (21.01.21)
Dem Urteil kann ich mich voll und ganz anschließen - es war fast wie ein Besuch im Zoo, bei den Exoten.... Und die kamen mit einer einzigen Leiche hin!

 Ralf_Renkking (21.01.21)
Wirklich entscheiden zu können scheinst Du Dich zwar nicht, denn es ist schon ein Unterschied, einen oder den letzten "Tatort" gesehen zu haben, aber ebenso wie die Bayern die beliebtesten Buhmänner der Nation sind, verhält es sich halt auch mit den Tatorten, zwar mag sie kaum noch jemand, aber jeder weiß über sie Bescheid, doch mal ehrlich, würdest Du zugeben, Dir diesen "Tatort" auf DVD zugelegt zu haben? 🤔

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 21.01.21:
Wozu Tatorte auf DVD? Sie kommen an fast jeden Sonntagabend und werden ständig wiederholt. DVDs sind für mich nur was für Serien oder miese Notlösungen, wenn ich was nicht im Kino sehen konnte. Den Unterschied einen/letzten finde ich zu marginal, um auf ihn in einem kurzen Kolumnentext einzugehen, das wäre auch ein Thema für sich, würde man daran anhängen, dass ...usw. usf.

 Palytarol (21.01.21)
Fand den eher so mittel, obgl. ich das Milieu südwestdeutscher Öko-Spießer aus eigener Anschauung kenne.
Ohne Ironiekompetenz kaum zu ertragen.
Aber der Film war mir doch zu plakativ, spann einen drögen Plot um irgendwie blässliche Karikaturen herum, nicht Tofu, nicht Soja, eher Kichererbse.
War froh, mir nächstentags 'Sörensen hat Angst'
aus der Mediathek gesaugt zu haben,
als gelungenes Kontrastprogramm ...

 Judas (21.01.21)
Hab mich immer nur für den Weimarer Tatort und den Münsteraner Tatort interessiert.
Aber war es je irgendwem peinlich, zuzugeben, dass man Tatort schaut?

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 21.01.21:
Es wird suggeriert. Erzähl doch mal deine Tatortfernseherlebnisse herum und berichte hier von deinen Erfahrungen.
Weimar und Münster sind die beiden albernsten Tatorte, finde ich. Ich schaue sie trotzdem, aber Fan bin ich von Batic/Leitmayer (München).

 Judas schrieb daraufhin am 21.01.21:
Eben weil sie albern sind find ich sie gut. Ernst nehmen kann man Tatort ja nicht und die Tatorte, die sich ernst nehmen und ernste Krimis sein wollen, sind einfach nur "cringe", wie man so schön im englischen sagt.
Wenn ich hier herum erzähle, dass ich Tatort gucke, gucken mich alle doof an. Die kennen hier nur Derek (und sind großer Fan).

Antwort geändert am 21.01.2021 um 18:20 Uhr

 Graeculus (21.01.21)
"Tatort" nicht gesehen, aber mit "wo die Leiche gewohnt hat" ist Dir eine schöne Formulierung gelungen.

Der vermutlich berühmteste aller "Tatorte", "Reifezeugnis" von Wolfgang Petersen, ist tatsächlich in Eutin gedreht worden, wo er auch spielen soll, aber nicht ganz ortsgetreu. D.h. man bog scheinbar nur um eine Ecke und befand sich in einem ganz anderen Teil von Eutin.

 Dieter_Rotmund äußerte darauf am 21.01.21:
Danke.
Empfehlenswert ist auch der allererste Tatort "Taxi nach Leipzig", der überraschend unkonventionell ist.

 Graeculus ergänzte dazu am 21.01.21:
Habe ich vor Jahren mal gesehen, hat aber keinen so starken EindrucK hinterlassen. Nicht so wie Nastassja Kinski.

 Terminator (24.01.21)
Die ersten beiden Absätze: Da holt eine kleinbürgerliche Mediokrität zum Schlag gegen das Bildungsbürgertum aus, und dann wird auf das geistige Prekariat eingedroschen. Da aber nun die Besseren und die Schlechteren in der Assoziation vereint sind, kann sich die Mediokrität über beide Gruppen erheben. Ich lache.
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