1. Kapitel
Text
von Pearl
Es war September, als ich sie zum ersten Mal sah. Die Blätter waren schon von kräftigem Rot, Orange, Gold und die Sonne schien nun sanfter als im Sommer. September ist mein Lieblingsmonat.
Ich war gerade vom Shoppen mit Cynthia zurück nachhause gekehrt, denn mein Dad bestand darauf, dass ich mir zum Schulbeginn neue Klamotten zulegte. Nun gut, ich tat ihm den Gefallen. Auch wenn ich das Geld viel lieber in gute Bücher und Filme investiert hätte.
Dad ist Privatdetektiv und seine Geschäfte liefen eigentlich ganz gut. Mom ist gestorben, als ich fünf Jahre alt war. Die schöne Frau mit den Locken, die so rotgold schimmerten wie die meinen, war seine erste und einzige Liebe. Soweit ich weiß, hatte er seit ihrem Tod kein einziges Date mit einer anderen Frau.
Ich saß gerade auf meinem Bett und bereitete mich innerlich darauf vor, meine langweiligen Mathehausaufgaben zu erledigen, als ich im Fensterrahmen die Silhouette einer Figur erkannte. Der Schweiß stand mir auf der Stirn, Angst breitete sich aus. Seit nunmehr drei Jahren hatte ich keine Halluzination mehr gehabt. Seit ich vierzehn war.
Ich war eine Stimmenhörerin und habe Teile meiner Kindheit in der Psychiatrie verbracht. Und nun füllte sich die Silhouette mit Farben und Leben und ich sah ein wunderschönes Mädchen- etwa in meinem Alter – vor mir. Ihre langen Haare waren blass- und ihre Augen wasserblau. Als ich mich in sie vertiefte, hatte ich das Gefühl bis an den Grund des Meeres sehen zu können.
„Hi, Tere“,
Tere ist der Kosename, den mir meine Mom gegeben hatte. Auch Dad nennt mich so. Für alle anderen war ich Teresa. Sie lächelte mich an,
“Du brauchst keine Angst zu haben. Das ist keine Halluzination. Das klingt jetzt ein bisschen abgedreht, aber ich bin ein Engel. Mein Name ist Arielle.“
Ich wusste es. Ich habe immer gewusst, dass die Krankheit zurückkehren kann.
Doch ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben. Die Hoffnung, dass ich gesund, dass ich ein langweiliger Teenager in einer Kleinstadt im Norden Englands bleiben kann.
„Du bist nicht krank. Du bist einfach anders, offener...., “ lächelte Arielle.
Konnte sie etwa meine Gedanken lesen? Sie strich ihr Fiorucci T-Shirt glatt, das mit zwei Engeln, die hinter ihren Flügeln hervorlugten, bedruckt war.
Cynthia war ein Fashion - Victim und wollte später einmal Modedesignerin werden. Deshalb kannte ich mich in der Modeszene beinahe so gut aus wie meine beste Freundin. Immerhin war das ihr Lieblingsthema. Ihr zweites Lieblingsthema drehte sich natürlich um Jungs.
Arielle, ähm die Halluzination, saß auf dem Fenstersims und ließ ihre langen Beine, die in hellblauen Skinny Jeans steckten, ins Zimmer baumeln. An den Füßen trug sie cremefarbene Flats. Dann holte sie ein Päckchen Zigaretten heraus und zündete sich mit einem kleinen, goldenen Feuerzeug eine an. Na klar… rauchende Engel, das gab es nicht, da war ich mir ganz sicher.
„Ich bin auch nur ein Mensch“, meinte sie und unterdrückte ein Lachen, „jedenfalls war ich einer, bevor ich starb und auserwählt wurde, ein Engel zu werden.“
Eigentlich hatte ich beschlossen, nicht mit ihr zu sprechen. So wie es mir meine Ärzte und meine Therapeutin auch geraten hatten, als ich die Stimmen hörte. Sie einfach zu ignorieren. Damals hatte es auch geklappt. Aber meine Gedanken hielten nicht still. Und ich schaffte es nicht, meine Augen von diesem Mädchen, das tausendmal schöner als ein Topmodel war, abzuwenden.
„Vielen Dank!“, sagte sie mit strahlendem Gesicht. „Die Schönheit und ewige Jugend sind wirklich Pluspunkte im Leben eines Engels. Wusstest du, dass es keinen Engel gibt, der biologisch älter als 30 ist? Ich bin schon früh gestorben, mit siebzehn. Also haben sie entschieden, dass ich als Engel im selben Alter bleiben sollte. Aber Andere sterben als wirklich, wirklich alte Menschen und verwandeln sich nach ihrem Tod zurück. Es ist so, als wären sie in einen Jungbrunnen gefallen. Nur, dass sie sehr viel schöner als in ihrem Menschenleben aussehen."
Dann wurde sie ernst, "Oh, dein Dad wird bald da sein. Hör mal, du musst unbedingt zu deiner Großmutter fahren. Sie weiß Bescheid. Du befindest dich in höchster Gefahr! So wie wir alle…“
Damit war sie verschwunden. Die Halluzination löste sich in Luft auf und ich hörte Dad, wie er von unten nach mir rief.
„Bin gleich da, Dad“, meine Stimme zitterte. Ich brauchte eine Atempause, ein paar Minuten für mich alleine. In meinem Kopf drehte sich alles. Ich war wieder auf dem besten Wege verrückt zu werden.
Dann dachte ich an Granny und mein Magen zog sich vor Sehnsucht zusammen. Nach dem Tod meiner Mutter war sie die weibliche Hauptperson in meinem Leben gewesen. Sie hatte mich mit großgezogen, bis ich elf wurde und die Stimmen in mein Leben traten.
Doch heute war sie für Dad ein rotes Tuch. Jemand, über den ich nicht sprechen, den ich nicht mehr sehen durfte. Mein Vater hatte sich sogar eine richterliche Verfügung besorgt, die ihr den Kontakt mit mir untersagte.
Konnte sie mir helfen? Schließlich hatte sie es schon einmal versucht. So unglaublich und phantastisch die Geschichte auch klang, die Arielle mir vorgesetzt hat. Ich wollte nicht verrückt sein und ganz bestimmt wollte ich nicht zurück ins „Saint Louis Hospital“.
Als Cynthia und ich am nächsten Tag wieder in die Schule kamen, brodelte die Gerüchteküche. Luke, ein Freund von Cynthia und mir, erzählte uns, worüber nun alle sprachen.
Garett Gresham, der Sohn des Multimillionärs Thomas L. Gresham, würde bald unser Mitschüler sein. Niemand verstand, warum ein millionenschwerer Mann seinen einzigen Sohn in eine stinknormale öffentliche Schule steckte und nicht in irgendein Eliteinternat.
Und der 17-jährige Garett soll nicht nur sehr reich, sondern auch ein Sportass, Einserschüler – und – unglaublich gutaussehend sein.
Einige unserer Mitschüler hatten den geheimnisvollen „Neuen“, dessen Vater aus Hull stammte, schon zu Gesicht bekommen.
Wenn so viel Aufhebens um eine Person gemacht wurde, war er mir schon einmal von vornherein suspekt. Im Gegensatz zu den 99 Prozent meiner Mitschülerinnen. Schon das Gerücht um die geheimnisumwitterte Lebensgeschichte, den Reichtum und die Schönheit von Garett ließ ihn zum neuen Mädchenschwarm unserer Schule werden.
Doch ich wusste, dass man von Reichtum oder gutem Aussehen nicht auf eine tolle Persönlichkeit schließen kann. Luke z.B. war zwar eher das Gegenteil eines Adonis und stammte aus einer Familie mit wenig Geld. Aber er war der liebenswerteste Junge, den ich je kennenlernen durfte.
Und Geheimnisse… Geheimnisse hatte ich selbst genug.
Am Sonntag stand ich früh auf, machte mir einen Kaffee, aß eine Brioche und packte mir Proviant ein. Ich wollte an die Küste, nach Hull. Dort wohnte meine Granny und vielleicht konnte sie mir Antworten auf einige meiner Fragen geben.
Ich hinterließ meinem Dad eine Nachricht, dass ich zum kleinen See im Wald gewandert sei. Das war keine Seltenheit. Ich wanderte oft durch den Wald, beobachtete die Tiere, sammelte im Sommer Beeren und im Herbst Pilze.
Meinen Entschluss, dass ich meine Großmutter besuchen will, hatte ich nachts gefasst. Ich hatte von meiner Mutter und ihrer Mutter, also Granny, geträumt. Sie standen in irgendeinem Garten und breiteten ihre Arme nach mir aus. Ich versuchte zu ihnen zu laufen, doch meine Füße bewegten sich nicht vom Fleck. Auf einmal waren ihre Gesichter vor Schreck verzerrt. „Lauf Tere, lauf!“, riefen sie mir panisch zu. Doch dann wachte ich schweißgebadet auf.
Granny hat mir beigebracht, meine Träume sehr ernst zu nehmen. Deshalb wollte ich einen Zug nach Hull nehmen. Deshalb, wegen Arielle und weil ich meine Großmutter schrecklich vermisste.
Ich setzte mich in ein offenes Abteil, schaltete mein iPod ein und hörte Jhené Aiko. Während die Landschaft an mir vorüberzog, ließ ich meine Gedanken umherschweifen. Sie wanderten zurück zu den Tagen, Wochen, Monaten, als ich so krank war. Den Tagen, Wochen, Monaten, die ich in den letzten drei Jahren zu vergessen versucht hatte.
Meine psychische Erkrankung war auch der Grund dafür gewesen, dass mein Vater und ich von Hull nach York gezogen sind. Ich musste nämlich insgesamt drei Mal für mehrere Monate an der Schule fehlen. Bald schon sprach sich der Grund dafür herum, auch wenn wir es geheim zu halten versucht hatten.
Und als die anderen Kinder mit den Fingern auf mich zeigten und „Verrückte“ schrien oder einen Wahnanfall inszenierten, hatte ich ihnen - so sediert wie ich war - nichts entgegenzusetzen.
Die Woche nach meinem geheimen Wochenendausflug verging wie im Flug. Doch ich konnte mich kaum auf den Unterricht oder die Gespräche mit Cynthia und meinem Dad konzentrieren.
Der Besuch bei Granny hatte Fragen aufgeworfen, die nun durch meinen Kopf wirbelten wie Staubpartikel nach dem Fegen durch ein sonnendurchflutetes Zimmer.
Nachdem wir uns weinend umarmt hatten, sah mir meine Großmutter fest in die Augen.
„Nach all der Zeit, Teresa, was führt dich zu mir?“
Die Antworten flossen aus mir hinaus wie ein Fluss, der nicht aufhören konnte, zu fließen… ich erzählte ihr von meiner neuesten Halluzination, von Arielle… von meiner Angst, wieder verrückt zu werden… und der klitzekleinen Hoffnung, dass meine Angst unbegründet, dass Arielle so real war wie die tiefblauen Augen meiner Großmutter, die mich liebevoll ansahen.
„Du weißt, dass ich immer dagegen war, dass du eingewiesen wirst“, meinte sie, “und du weißt wahrscheinlich auch, dass es darum im Streit ging, der deinen Vater und mich, und schließlich auch dich und mich, entzweit hat.“
Sie wischte sich neue Salzwassertropfen aus den Augenwinkeln.
„Dein Vater glaubte, er würde das richtige tun. Aber er kannte die Wahrheit nicht. Dass Krieg zwischen den dunklen und hellen Mächten herrscht. Dass er keine gewöhnliche Frau geheiratet hat, sondern ein Wesen, das magisch ist.
Du kannst deinen Schutzengel, du kannst Arielle wahrnehmen, weil du bald genauso wie sie zu den Zwischenwesen gehören wirst. Bis jetzt warst du wie eine Blume, die ihren Winterschlaf hält, doch so wie sie im Frühling ihre Blüte öffnet, wird sich bald schon deine angeborene Magie entfalten “.
Sie ließ ihren Blick über das Glitzern der See vor ihrem Wohnzimmerfenster gleiten und flüsterte die nächsten Worte „Deine Mutter war eine Sirene, ich bin eine Sirene und du, Teresa, wirst dich an deinem achtzehnten Geburtstag in eine von uns verwandeln.
Ich war gerade vom Shoppen mit Cynthia zurück nachhause gekehrt, denn mein Dad bestand darauf, dass ich mir zum Schulbeginn neue Klamotten zulegte. Nun gut, ich tat ihm den Gefallen. Auch wenn ich das Geld viel lieber in gute Bücher und Filme investiert hätte.
Dad ist Privatdetektiv und seine Geschäfte liefen eigentlich ganz gut. Mom ist gestorben, als ich fünf Jahre alt war. Die schöne Frau mit den Locken, die so rotgold schimmerten wie die meinen, war seine erste und einzige Liebe. Soweit ich weiß, hatte er seit ihrem Tod kein einziges Date mit einer anderen Frau.
Ich saß gerade auf meinem Bett und bereitete mich innerlich darauf vor, meine langweiligen Mathehausaufgaben zu erledigen, als ich im Fensterrahmen die Silhouette einer Figur erkannte. Der Schweiß stand mir auf der Stirn, Angst breitete sich aus. Seit nunmehr drei Jahren hatte ich keine Halluzination mehr gehabt. Seit ich vierzehn war.
Ich war eine Stimmenhörerin und habe Teile meiner Kindheit in der Psychiatrie verbracht. Und nun füllte sich die Silhouette mit Farben und Leben und ich sah ein wunderschönes Mädchen- etwa in meinem Alter – vor mir. Ihre langen Haare waren blass- und ihre Augen wasserblau. Als ich mich in sie vertiefte, hatte ich das Gefühl bis an den Grund des Meeres sehen zu können.
„Hi, Tere“,
Tere ist der Kosename, den mir meine Mom gegeben hatte. Auch Dad nennt mich so. Für alle anderen war ich Teresa. Sie lächelte mich an,
“Du brauchst keine Angst zu haben. Das ist keine Halluzination. Das klingt jetzt ein bisschen abgedreht, aber ich bin ein Engel. Mein Name ist Arielle.“
Ich wusste es. Ich habe immer gewusst, dass die Krankheit zurückkehren kann.
Doch ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben. Die Hoffnung, dass ich gesund, dass ich ein langweiliger Teenager in einer Kleinstadt im Norden Englands bleiben kann.
„Du bist nicht krank. Du bist einfach anders, offener...., “ lächelte Arielle.
Konnte sie etwa meine Gedanken lesen? Sie strich ihr Fiorucci T-Shirt glatt, das mit zwei Engeln, die hinter ihren Flügeln hervorlugten, bedruckt war.
Cynthia war ein Fashion - Victim und wollte später einmal Modedesignerin werden. Deshalb kannte ich mich in der Modeszene beinahe so gut aus wie meine beste Freundin. Immerhin war das ihr Lieblingsthema. Ihr zweites Lieblingsthema drehte sich natürlich um Jungs.
Arielle, ähm die Halluzination, saß auf dem Fenstersims und ließ ihre langen Beine, die in hellblauen Skinny Jeans steckten, ins Zimmer baumeln. An den Füßen trug sie cremefarbene Flats. Dann holte sie ein Päckchen Zigaretten heraus und zündete sich mit einem kleinen, goldenen Feuerzeug eine an. Na klar… rauchende Engel, das gab es nicht, da war ich mir ganz sicher.
„Ich bin auch nur ein Mensch“, meinte sie und unterdrückte ein Lachen, „jedenfalls war ich einer, bevor ich starb und auserwählt wurde, ein Engel zu werden.“
Eigentlich hatte ich beschlossen, nicht mit ihr zu sprechen. So wie es mir meine Ärzte und meine Therapeutin auch geraten hatten, als ich die Stimmen hörte. Sie einfach zu ignorieren. Damals hatte es auch geklappt. Aber meine Gedanken hielten nicht still. Und ich schaffte es nicht, meine Augen von diesem Mädchen, das tausendmal schöner als ein Topmodel war, abzuwenden.
„Vielen Dank!“, sagte sie mit strahlendem Gesicht. „Die Schönheit und ewige Jugend sind wirklich Pluspunkte im Leben eines Engels. Wusstest du, dass es keinen Engel gibt, der biologisch älter als 30 ist? Ich bin schon früh gestorben, mit siebzehn. Also haben sie entschieden, dass ich als Engel im selben Alter bleiben sollte. Aber Andere sterben als wirklich, wirklich alte Menschen und verwandeln sich nach ihrem Tod zurück. Es ist so, als wären sie in einen Jungbrunnen gefallen. Nur, dass sie sehr viel schöner als in ihrem Menschenleben aussehen."
Dann wurde sie ernst, "Oh, dein Dad wird bald da sein. Hör mal, du musst unbedingt zu deiner Großmutter fahren. Sie weiß Bescheid. Du befindest dich in höchster Gefahr! So wie wir alle…“
Damit war sie verschwunden. Die Halluzination löste sich in Luft auf und ich hörte Dad, wie er von unten nach mir rief.
„Bin gleich da, Dad“, meine Stimme zitterte. Ich brauchte eine Atempause, ein paar Minuten für mich alleine. In meinem Kopf drehte sich alles. Ich war wieder auf dem besten Wege verrückt zu werden.
Dann dachte ich an Granny und mein Magen zog sich vor Sehnsucht zusammen. Nach dem Tod meiner Mutter war sie die weibliche Hauptperson in meinem Leben gewesen. Sie hatte mich mit großgezogen, bis ich elf wurde und die Stimmen in mein Leben traten.
Doch heute war sie für Dad ein rotes Tuch. Jemand, über den ich nicht sprechen, den ich nicht mehr sehen durfte. Mein Vater hatte sich sogar eine richterliche Verfügung besorgt, die ihr den Kontakt mit mir untersagte.
Konnte sie mir helfen? Schließlich hatte sie es schon einmal versucht. So unglaublich und phantastisch die Geschichte auch klang, die Arielle mir vorgesetzt hat. Ich wollte nicht verrückt sein und ganz bestimmt wollte ich nicht zurück ins „Saint Louis Hospital“.
Als Cynthia und ich am nächsten Tag wieder in die Schule kamen, brodelte die Gerüchteküche. Luke, ein Freund von Cynthia und mir, erzählte uns, worüber nun alle sprachen.
Garett Gresham, der Sohn des Multimillionärs Thomas L. Gresham, würde bald unser Mitschüler sein. Niemand verstand, warum ein millionenschwerer Mann seinen einzigen Sohn in eine stinknormale öffentliche Schule steckte und nicht in irgendein Eliteinternat.
Und der 17-jährige Garett soll nicht nur sehr reich, sondern auch ein Sportass, Einserschüler – und – unglaublich gutaussehend sein.
Einige unserer Mitschüler hatten den geheimnisvollen „Neuen“, dessen Vater aus Hull stammte, schon zu Gesicht bekommen.
Wenn so viel Aufhebens um eine Person gemacht wurde, war er mir schon einmal von vornherein suspekt. Im Gegensatz zu den 99 Prozent meiner Mitschülerinnen. Schon das Gerücht um die geheimnisumwitterte Lebensgeschichte, den Reichtum und die Schönheit von Garett ließ ihn zum neuen Mädchenschwarm unserer Schule werden.
Doch ich wusste, dass man von Reichtum oder gutem Aussehen nicht auf eine tolle Persönlichkeit schließen kann. Luke z.B. war zwar eher das Gegenteil eines Adonis und stammte aus einer Familie mit wenig Geld. Aber er war der liebenswerteste Junge, den ich je kennenlernen durfte.
Und Geheimnisse… Geheimnisse hatte ich selbst genug.
Am Sonntag stand ich früh auf, machte mir einen Kaffee, aß eine Brioche und packte mir Proviant ein. Ich wollte an die Küste, nach Hull. Dort wohnte meine Granny und vielleicht konnte sie mir Antworten auf einige meiner Fragen geben.
Ich hinterließ meinem Dad eine Nachricht, dass ich zum kleinen See im Wald gewandert sei. Das war keine Seltenheit. Ich wanderte oft durch den Wald, beobachtete die Tiere, sammelte im Sommer Beeren und im Herbst Pilze.
Meinen Entschluss, dass ich meine Großmutter besuchen will, hatte ich nachts gefasst. Ich hatte von meiner Mutter und ihrer Mutter, also Granny, geträumt. Sie standen in irgendeinem Garten und breiteten ihre Arme nach mir aus. Ich versuchte zu ihnen zu laufen, doch meine Füße bewegten sich nicht vom Fleck. Auf einmal waren ihre Gesichter vor Schreck verzerrt. „Lauf Tere, lauf!“, riefen sie mir panisch zu. Doch dann wachte ich schweißgebadet auf.
Granny hat mir beigebracht, meine Träume sehr ernst zu nehmen. Deshalb wollte ich einen Zug nach Hull nehmen. Deshalb, wegen Arielle und weil ich meine Großmutter schrecklich vermisste.
Ich setzte mich in ein offenes Abteil, schaltete mein iPod ein und hörte Jhené Aiko. Während die Landschaft an mir vorüberzog, ließ ich meine Gedanken umherschweifen. Sie wanderten zurück zu den Tagen, Wochen, Monaten, als ich so krank war. Den Tagen, Wochen, Monaten, die ich in den letzten drei Jahren zu vergessen versucht hatte.
Meine psychische Erkrankung war auch der Grund dafür gewesen, dass mein Vater und ich von Hull nach York gezogen sind. Ich musste nämlich insgesamt drei Mal für mehrere Monate an der Schule fehlen. Bald schon sprach sich der Grund dafür herum, auch wenn wir es geheim zu halten versucht hatten.
Und als die anderen Kinder mit den Fingern auf mich zeigten und „Verrückte“ schrien oder einen Wahnanfall inszenierten, hatte ich ihnen - so sediert wie ich war - nichts entgegenzusetzen.
Die Woche nach meinem geheimen Wochenendausflug verging wie im Flug. Doch ich konnte mich kaum auf den Unterricht oder die Gespräche mit Cynthia und meinem Dad konzentrieren.
Der Besuch bei Granny hatte Fragen aufgeworfen, die nun durch meinen Kopf wirbelten wie Staubpartikel nach dem Fegen durch ein sonnendurchflutetes Zimmer.
Nachdem wir uns weinend umarmt hatten, sah mir meine Großmutter fest in die Augen.
„Nach all der Zeit, Teresa, was führt dich zu mir?“
Die Antworten flossen aus mir hinaus wie ein Fluss, der nicht aufhören konnte, zu fließen… ich erzählte ihr von meiner neuesten Halluzination, von Arielle… von meiner Angst, wieder verrückt zu werden… und der klitzekleinen Hoffnung, dass meine Angst unbegründet, dass Arielle so real war wie die tiefblauen Augen meiner Großmutter, die mich liebevoll ansahen.
„Du weißt, dass ich immer dagegen war, dass du eingewiesen wirst“, meinte sie, “und du weißt wahrscheinlich auch, dass es darum im Streit ging, der deinen Vater und mich, und schließlich auch dich und mich, entzweit hat.“
Sie wischte sich neue Salzwassertropfen aus den Augenwinkeln.
„Dein Vater glaubte, er würde das richtige tun. Aber er kannte die Wahrheit nicht. Dass Krieg zwischen den dunklen und hellen Mächten herrscht. Dass er keine gewöhnliche Frau geheiratet hat, sondern ein Wesen, das magisch ist.
Du kannst deinen Schutzengel, du kannst Arielle wahrnehmen, weil du bald genauso wie sie zu den Zwischenwesen gehören wirst. Bis jetzt warst du wie eine Blume, die ihren Winterschlaf hält, doch so wie sie im Frühling ihre Blüte öffnet, wird sich bald schon deine angeborene Magie entfalten “.
Sie ließ ihren Blick über das Glitzern der See vor ihrem Wohnzimmerfenster gleiten und flüsterte die nächsten Worte „Deine Mutter war eine Sirene, ich bin eine Sirene und du, Teresa, wirst dich an deinem achtzehnten Geburtstag in eine von uns verwandeln.