8. Kapitel

Text

von  Pearl

Lucinda strich sich über den Bauch. Er war rund wie die Erde. „Mein Mädchen“, flüsterte sie. „Mein kleines, besonderes Mädchen“.
Jetzt verstand sie erst, dass für eine Mutter die eigenen Kinder so besonders waren. Doch dieses war es noch aus einem anderen Grund. Es war das letzte, die Jüngste der sechs. Callum war noch im Büro. Sie hörte das Meer, den Klang der Wellen, die sie seit sie ein Kind war, in den Schlaf wiegten. Sie waren von Brighton zurück in das Haus ihrer Mutter gezogen, Callum und sie. Seine Arbeit als Privatdetektiv brachte nicht viel ein. Ihr Schmuckladen hatte pleite gemacht. Und sie brauchte nun ihre Mutter, und ihr Wissen. Sarah war die Hüterin der Geheimnisse der Halbwesen.
Lucinda konnte reisen, in andere Welten tauchen. Die Bilder und Visionen leiteten sie an. Und Sarah hatte sie gelehrt, auf ihren Seelenwanderungen nicht irregeleitet zu werden. Die Junge war die Schamanin. Die Alte die Weise. Und beide waren sie Sirenen.
Wenn man durch Sarahs Haustür trat, klingelte ein Mobile aus kleinen Kristallen. Ein Schutzzauber vor dem Dunkel da draußen, dem Dunkel in einem selbst. Die Atmosphäre des Hauses wurde jeden Morgen mit brennendem weißen Salbei gereinigt. Und die Frau mit den silbernen Locken, die einmal so rotgold waren wie die ihrer Tochter, meditierte zwei Mal am Tag. Bei Sonnenauf- und Sonnenuntergang.
Lucinda wusste, dass Callum ihre Mutter für eine esoterische, wenn auch liebenswerte, Spinnerin hielt. Doch sie wusste es besser. Sarah beschützte ihre Tochter. Doch vor allem beschützte sie ihre Enkeltochter.
Als Lucinda sich in Callum verliebte, war sie schon neunzehn. Er war die erste Liebe ihres Lebens. Doch ihre Mutter war nicht begeistert gewesen. Ein Mensch, Lucinda, er ist ein Mensch. Doch sie liebte ihn, so sehr wie ein unglücklicher Mensch den Sternenhimmel. So sehr wie ein Mensch oder eine Sirene eben lieben konnten. Ich sehe den Tod, Lucinda. Ich sehe ihn kommen. Und er nannte sie Lu. So als wäre sie nicht diese stille, unscheinbare Frau, als die sie sich fühlte. So als wäre sie eine Gitarre spielende Hippiefrau, die am Strand ihren selbstgemachten Schmuck feilbot. Das war ihr Kleinmädchentraum und um genau das zu tun, waren sie und Callum in wilder Ehe nach Brighton gezogen. Insgeheim wollte Lucinda auch Sarahs Warnungen entgehen. Doch ein halbes Jahr später schon, kamen sie zurück nach Hull. Sie war schwanger und sie hatte es gesehen. Ihr kleines Mädchen war besonders, das letzte, die Jüngste der sechs. Und sie war in Gefahr.

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