3. Kapitel

Text

von  Pearl

Garett stieg in die Limousine ein. Er hasste die Vorstellung, wie ihn seine Mitschüler anstarren würden, sobald er in diesem Luxusauto und mit Chauffeur in der Schule vorfahren würde. Aber in seinem Innersten wusste er, dass sein Vater recht hatte. Es war noch viel lächerlicher, mit dem Bus zu fahren, wenn doch sowieso alle über seinen Reichtum Bescheid wussten.
Als er das Auto verließ, fühlte er die bewundernden Blicke der anderen, die sich wie Dolche in seinen Rücken bohrten. Er drehte sich um und da sah er sie. Sie war groß, doch grazil wie eine Gazelle. Ihre rotblonden Locken umrahmten ein sommersprossiges Gesicht. Das schönste Gesicht, das er in seinem Leben gesehen hatte. Und ihre Augen, grasgrüne Smaragde, sahen ihn unverwandt an.
Bisher hatte er immer gedacht, dass das Märchen um die Liebe auf den ersten Blick so wahr sei wie die Geschichten aus Tausend und einer Nacht. Dass Liebe überhaupt ein Märchen sei. Denn er hatte nie etwas anderes erlebt. Das was seine Mutter an seinem Vater liebte, war das Geld. Und das was sein Vater an seiner Mutter liebte, war ihr Aussehen und die fünfundzwanzig Jahre, die sie jünger war als er.
Doch der Anblick dieses fremden Mädchens löste etwas anderes in ihm aus, etwas reineres. Er fühlte, wie sich Wärme von seinen Zehenspitzen bis in sein Herz ausbreitete.
Er, der unzählige Mädchenherzen gebrochen hatte, nur weil er wusste, dass er es konnte. Er, dessen Herz, seit er klein war, ein Eisblock war, schmolz dahin, so als wäre er irgendein normaler siebzehnjähriger Junge und nicht der Sternenmensch, als der er geboren wurde.
Doch dann drehte sie sich abrupt um, um mit schnellen Schritten in Richtung Schule zu verschwinden. Ein Mädchen, fast so groß wie sie, doch mit dem sanften Gesicht und der weichen Figur einer Rubens Frau eilte ihr nach.
"Das ist Teresa", meinte ein Junge, der neben ihm stand und der seinem Blick gefolgt war, "wir nennen sie auch die eiserne Jungfrau. Also mach` dir mal keine Hoffnungen. Die lässt niemanden ran."
"Ähm, nein, ich dachte nur, ich kenne sie irgendwoher", stammelte Garett. Doch der andere Junge sah ihn mit wissender Miene an.
Im weiteren Verlauf des Tages hoffte er, sie, also Teresa, wie er nun wusste, wiederzusehen. Doch sie hatten keine gemeinsamen Kurse. Sie muss wohl die sprachlich-literarischen und künstlerischen Fächer belegt haben, dachte er sich. Doch er ließ keine Gelegenheit aus, von den anderen mehr über sie zu erfahren. Immerhin war er im Sternzeichen Skorpion geboren und die ließen nicht so schnell locker. Bald wusste er, dass sie die Tochter eines Privatdetektivs und eigentlich aus Hull war. Ihre Mutter war tot und das stylishe Rubens Mädchen, mit der er sie gesehen hatte, war ihre beste Freundin Cynthia.

Als er nachhause kam, wartete sein Vater schon auf ihn. Kerzengerade aufgerichtet saß er in seinem dunkelbraunen Ledersessel und schaute ihn erwartungsvoll an.
„Wie war dein erster Schultag, Sohn?“
Garett begann von den Fächern, die er belegt hatte, zu erzählen. Von den Mitschülern, die er kennengelernt hatte.
Doch Teresa erwähnte er mit keinem Wort. Sein Vater und er hatten noch nie über Mädchen gesprochen.
„Du weißt, was ich meine, Garett. Schön und gut, dass du einen erfolgreichen Tag hinter dir hast. Doch konntest du auch etwas über sie ausfindig machen? Du weißt, was die Prophezeiung sagt. Alles was wir aufgebaut haben, steht auf dem Spiel. Das Gleichgewicht zwischen den dunklen und hellen Mächten würde zerstört werden, wenn wir sie nicht aufhalten.“

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