2. Kapitel
Text
von Pearl
Cynthia und ich saßen vor unseren dampfenden Tassen heißer Schokolade und warteten auf Babettes Scones. Sie bereitete nämlich die besten in ganz York zu. Und manchmal leisteten wir uns den kleinen Luxus, in ihrem winzigen, gemütlichen Café zu sitzen und uns unsere Plaudereien mit den Köstlichkeiten, die sie auftischte, zu versüßen.
„Also, was ist los mit dir? Seit zwei Wochen geht das nun schon. Du bist nur noch weggetreten“, beendete Cynthia ihren Monolog über die Genialität eines Karl Lagerfelds.
Es stimmte. Ich hatte ihr wieder einmal überhaupt nicht zugehört. Seit dem Besuch bei Granny konnte ich nur noch daran denken, dass ich schon bald eine Sirene sein und in einen komplizierten Krieg zwischen den hellen und dunklen Mächten verwickelt sein würde.
Meine Großmutter hatte mich schwören lassen, dass ich dies für mich behalte. Es wäre zu gefährlich für Normalsterbliche von dieser Sache zu wissen und das Geheimnis der Halbwesen müsse bewahrt werden, meinte sie.
Doch ich spürte auch, dass mich dieses Geheimnis innerlich zerbrach. Und ich wusste, dass Cynthia der einzige Mensch auf diesen Planeten namens Erde war, dem ich bedingungslos vertraute.
„Ich werde mich an meinem Geburtstag in eine Sirene verwandeln…“. Ich schaute Cynthia in die Augen und sie begann zu husten, weil sie sich an ihrer heißen Schokolade verschluckt hatte.
„Wie bitte?!“.
Also erzählte ich ihr alles, vom Erscheinen Arielles bis zur Eröffnung meiner Großmutter, dass ich wie sie und meine Mutter bald eine Meerjungfrau sein werde.
Nach den quälenden zehn Minuten, in denen sie schwieg, wurde ihr verwirrter Gesichtsausdruck wieder ganz klar und sie begann zu lächeln. Wir brauchten keine Worte. In diesem Moment erkannte ich, dass sie mir glaubte. Ich hatte die allerbeste Freundin der Welt!
Gemeinsam forschten wir in den Büchern der Stadtbücherei über die Sirenen. Bis auf dass ich mich an meinem Geburtstag am 12. Oktober in eine von ihnen verwandeln werde, hatte mir meine Großmutter nämlich keine näheren Informationen geben wollen. Sie sagte mir zwar noch, dass ich nie wirklich verrückt war. Die Stimmen, die ich hörte waren real, weil die dunklen Mächte, zu denen oft auch Meerjungfrauen gehören, mich zu beeinflussen versuchten. Das war vielleicht der noch größere Schock, als dass ich bald wie ein Fisch unter Wasser schwimmen kann. Denn diese Stimmen haben mich sehr schlimm beschimpft und versucht, mich in den Selbstmord zu treiben.
"Sie sind Mörderinnen", Cynthia seufzte diese Worte, die mich aus meinen Tagträumen rissen. Sie wirkte traurig.
"Ich weiß.", stöhnte ich, "Immer locken sie die Männer mit ihren Stimmen und ihrer Schönheit in den Tod. Sei es in der Odyssee, in Märchen oder in Phantasy Romanen..."
"Na ja, das mit der Schönheit ist umstritten. Du bist zwar das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe", erwiderte Cynthia, "aber manchmal werden die Sirenen auch als halbe Vögel dargestellt... "
"Sirenen haben weder eine Fischflosse noch einen Vogelkörper", lachte Arielle, während sie in der Bibliothek auf uns zuflog. "Und ja sie sind sehr schön und sobald die Verwandlung stattgefunden hat, ist ihre Verführungskraft beinahe unbezwingbar."
Ich berichtete Cynthia, dass Arielle gerade aufgetaucht war und was sie gesagt hat. Dann dachte ich daran, dass ich bis zum heutigen Tag überhaupt niemanden verführt habe. Wahrscheinlich war ich die einzige ungeküsste Beinahesirene der Welt. Arielle, die meine Gedanken wieder einmal gehört hatte, lachte ihr glockenhelles Lachen.
"Das ist, weil du es nicht willst. In den letzten Jahren, nach deiner "Krankheit", wie du es nennst, hast du gar keine Augen für Jungs gehabt. Und du konntest nicht sehen, welche Wirkung du auf sie ausübtest. Es war, als hätte dir jemand einen Sack über den Kopf gestülpt.", sagte sie. "Alles woran du denken konntest, war deine Vergangenheit, die "Krankheit" und dass du normal sein wolltest. Aber Tere du bist nicht normal. Du bist etwas Besonderes. Mehr als die meisten, Menschen wie Halbwesen, wissen. Doch vor allem: mehr als du selbst glaubst!"
Nachts besuchte mich wieder mein etwas durchgeknallter Schutzengel namens Arielle.
„Hi, Tere… Du wolltest doch noch nicht schlafen gehen, oder? Mir war langweilig und da dachte ich, wir zwei könnten ein bisschen quatschen. Engel können nicht schlafen, weißt du. Wir müssen ja den Schlaf unserer Schützlinge bewachen…“.
Eigentlich war ich todmüde, doch ich war auch neugierig. Ich wollte gerne wissen, wann Arielle denn gestorben ist.
“Das war 1971, Kleines“, erwiderte Arielle auf meine nur in Gedanken gestellte Frage. „Ich war ein Blumenkind –und ein Groupie. Ich kannte sie alle. Sicher, ich mochte die berühmten Bands“, schmunzelte sie. „Aber die, die ich liebte, waren eigentlich die nicht so berühmten, die aufstrebenden Bands. Ihre Liebe zur Musik war einfach noch größer. Sie war fast so groß wie die von uns Groupies. Ich war zwar erst siebzehn Jahre alt, aber ich war schon mit den talentiertesten jungen Rockmusikern im, na ja, du weißt schon…“
Sie war eine erfahrene und wunderschöne Frau, obwohl sie nur gleich alt war wie ich. Ein Anflug von Eifersucht durchzuckte mich. Manche Mitschüler nannten mich hinter meinem Rücken sogar – Teresa, die eiserne Jungfrau -. Das schmerzte, denn eigentlich wünschte ich mir sehnlichst, mich endlich zu verlieben. Aber alles, was ich über die berühmten Schmetterlinge im Bauch wusste, stammte aus Büchern, Songs, Filmen. Und natürlich von Cynthia. Denn Cynthia war immer verliebt. Wenn es auch nie lange anhielt.
„Mach dir nichts draus. Er wird schon noch kommen.“ Arielle hatte wieder einmal meine Gedanken belauscht.
„Könntest du endlich damit anfangen, dich aus meinen Gedanken hinauszuhalten?“ entgegnete ich ihr genervt.
„Ich kann es versuchen. Aber ich kenne dich und deine Gedanken seit deiner Geburt. Glaub’ mir, ich kenne dich besser als du dich selbst.“
„Und wie bist du dann gestorben?“ fragte ich sie vorsichtig.
„Ich wurde vergewaltigt und danach erwürgt. Ich lernte ihn auf einer Party kennen. Doch seine Aura war trüb und düster. Also wandte ich mich von ihm ab. Auf dem Nachhauseweg hat er mich verfolgt und es ist passiert, was eben passiert ist.“
Obwohl sie ihre Traurigkeit hinter einer fröhlichen Maske zu verstecken versuchte, erkannte ich den Schatten, der über ihr Gesicht huschte, als sie von ihrem Tod erzählte.
„Aber eigentlich war ich ihm nie böse. Jedenfalls nicht wegen dem, was er mir angetan hat.“ fuhr sie fort. „Das war auch ein Grund dafür, warum ich ausgewählt wurde, ein Engel zu werden. Ich konnte Verständnis für ihn aufbringen. Ich bin nicht bitter geworden.“
Dann schaute sie mich intensiv aus ihren wasserblauen Augen an.
„Das ist eine Gemeinsamkeit zwischen uns, Tere. Das Leben war nicht immer freundlich zu uns. Aber wir tragen unser Schicksal. Wir sind mutig, Kleines, weil wir unsere unvoreingenommene Naivität nie gegen die Verbitterung eingetauscht haben.“
„Also, was ist los mit dir? Seit zwei Wochen geht das nun schon. Du bist nur noch weggetreten“, beendete Cynthia ihren Monolog über die Genialität eines Karl Lagerfelds.
Es stimmte. Ich hatte ihr wieder einmal überhaupt nicht zugehört. Seit dem Besuch bei Granny konnte ich nur noch daran denken, dass ich schon bald eine Sirene sein und in einen komplizierten Krieg zwischen den hellen und dunklen Mächten verwickelt sein würde.
Meine Großmutter hatte mich schwören lassen, dass ich dies für mich behalte. Es wäre zu gefährlich für Normalsterbliche von dieser Sache zu wissen und das Geheimnis der Halbwesen müsse bewahrt werden, meinte sie.
Doch ich spürte auch, dass mich dieses Geheimnis innerlich zerbrach. Und ich wusste, dass Cynthia der einzige Mensch auf diesen Planeten namens Erde war, dem ich bedingungslos vertraute.
„Ich werde mich an meinem Geburtstag in eine Sirene verwandeln…“. Ich schaute Cynthia in die Augen und sie begann zu husten, weil sie sich an ihrer heißen Schokolade verschluckt hatte.
„Wie bitte?!“.
Also erzählte ich ihr alles, vom Erscheinen Arielles bis zur Eröffnung meiner Großmutter, dass ich wie sie und meine Mutter bald eine Meerjungfrau sein werde.
Nach den quälenden zehn Minuten, in denen sie schwieg, wurde ihr verwirrter Gesichtsausdruck wieder ganz klar und sie begann zu lächeln. Wir brauchten keine Worte. In diesem Moment erkannte ich, dass sie mir glaubte. Ich hatte die allerbeste Freundin der Welt!
Gemeinsam forschten wir in den Büchern der Stadtbücherei über die Sirenen. Bis auf dass ich mich an meinem Geburtstag am 12. Oktober in eine von ihnen verwandeln werde, hatte mir meine Großmutter nämlich keine näheren Informationen geben wollen. Sie sagte mir zwar noch, dass ich nie wirklich verrückt war. Die Stimmen, die ich hörte waren real, weil die dunklen Mächte, zu denen oft auch Meerjungfrauen gehören, mich zu beeinflussen versuchten. Das war vielleicht der noch größere Schock, als dass ich bald wie ein Fisch unter Wasser schwimmen kann. Denn diese Stimmen haben mich sehr schlimm beschimpft und versucht, mich in den Selbstmord zu treiben.
"Sie sind Mörderinnen", Cynthia seufzte diese Worte, die mich aus meinen Tagträumen rissen. Sie wirkte traurig.
"Ich weiß.", stöhnte ich, "Immer locken sie die Männer mit ihren Stimmen und ihrer Schönheit in den Tod. Sei es in der Odyssee, in Märchen oder in Phantasy Romanen..."
"Na ja, das mit der Schönheit ist umstritten. Du bist zwar das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe", erwiderte Cynthia, "aber manchmal werden die Sirenen auch als halbe Vögel dargestellt... "
"Sirenen haben weder eine Fischflosse noch einen Vogelkörper", lachte Arielle, während sie in der Bibliothek auf uns zuflog. "Und ja sie sind sehr schön und sobald die Verwandlung stattgefunden hat, ist ihre Verführungskraft beinahe unbezwingbar."
Ich berichtete Cynthia, dass Arielle gerade aufgetaucht war und was sie gesagt hat. Dann dachte ich daran, dass ich bis zum heutigen Tag überhaupt niemanden verführt habe. Wahrscheinlich war ich die einzige ungeküsste Beinahesirene der Welt. Arielle, die meine Gedanken wieder einmal gehört hatte, lachte ihr glockenhelles Lachen.
"Das ist, weil du es nicht willst. In den letzten Jahren, nach deiner "Krankheit", wie du es nennst, hast du gar keine Augen für Jungs gehabt. Und du konntest nicht sehen, welche Wirkung du auf sie ausübtest. Es war, als hätte dir jemand einen Sack über den Kopf gestülpt.", sagte sie. "Alles woran du denken konntest, war deine Vergangenheit, die "Krankheit" und dass du normal sein wolltest. Aber Tere du bist nicht normal. Du bist etwas Besonderes. Mehr als die meisten, Menschen wie Halbwesen, wissen. Doch vor allem: mehr als du selbst glaubst!"
Nachts besuchte mich wieder mein etwas durchgeknallter Schutzengel namens Arielle.
„Hi, Tere… Du wolltest doch noch nicht schlafen gehen, oder? Mir war langweilig und da dachte ich, wir zwei könnten ein bisschen quatschen. Engel können nicht schlafen, weißt du. Wir müssen ja den Schlaf unserer Schützlinge bewachen…“.
Eigentlich war ich todmüde, doch ich war auch neugierig. Ich wollte gerne wissen, wann Arielle denn gestorben ist.
“Das war 1971, Kleines“, erwiderte Arielle auf meine nur in Gedanken gestellte Frage. „Ich war ein Blumenkind –und ein Groupie. Ich kannte sie alle. Sicher, ich mochte die berühmten Bands“, schmunzelte sie. „Aber die, die ich liebte, waren eigentlich die nicht so berühmten, die aufstrebenden Bands. Ihre Liebe zur Musik war einfach noch größer. Sie war fast so groß wie die von uns Groupies. Ich war zwar erst siebzehn Jahre alt, aber ich war schon mit den talentiertesten jungen Rockmusikern im, na ja, du weißt schon…“
Sie war eine erfahrene und wunderschöne Frau, obwohl sie nur gleich alt war wie ich. Ein Anflug von Eifersucht durchzuckte mich. Manche Mitschüler nannten mich hinter meinem Rücken sogar – Teresa, die eiserne Jungfrau -. Das schmerzte, denn eigentlich wünschte ich mir sehnlichst, mich endlich zu verlieben. Aber alles, was ich über die berühmten Schmetterlinge im Bauch wusste, stammte aus Büchern, Songs, Filmen. Und natürlich von Cynthia. Denn Cynthia war immer verliebt. Wenn es auch nie lange anhielt.
„Mach dir nichts draus. Er wird schon noch kommen.“ Arielle hatte wieder einmal meine Gedanken belauscht.
„Könntest du endlich damit anfangen, dich aus meinen Gedanken hinauszuhalten?“ entgegnete ich ihr genervt.
„Ich kann es versuchen. Aber ich kenne dich und deine Gedanken seit deiner Geburt. Glaub’ mir, ich kenne dich besser als du dich selbst.“
„Und wie bist du dann gestorben?“ fragte ich sie vorsichtig.
„Ich wurde vergewaltigt und danach erwürgt. Ich lernte ihn auf einer Party kennen. Doch seine Aura war trüb und düster. Also wandte ich mich von ihm ab. Auf dem Nachhauseweg hat er mich verfolgt und es ist passiert, was eben passiert ist.“
Obwohl sie ihre Traurigkeit hinter einer fröhlichen Maske zu verstecken versuchte, erkannte ich den Schatten, der über ihr Gesicht huschte, als sie von ihrem Tod erzählte.
„Aber eigentlich war ich ihm nie böse. Jedenfalls nicht wegen dem, was er mir angetan hat.“ fuhr sie fort. „Das war auch ein Grund dafür, warum ich ausgewählt wurde, ein Engel zu werden. Ich konnte Verständnis für ihn aufbringen. Ich bin nicht bitter geworden.“
Dann schaute sie mich intensiv aus ihren wasserblauen Augen an.
„Das ist eine Gemeinsamkeit zwischen uns, Tere. Das Leben war nicht immer freundlich zu uns. Aber wir tragen unser Schicksal. Wir sind mutig, Kleines, weil wir unsere unvoreingenommene Naivität nie gegen die Verbitterung eingetauscht haben.“