9. Kapitel
Text
von Pearl
"Die Prophezeiung der Halbwesen, Paragraph 8
Ein Lichtwesen, das unter Wasser lebt, wird in den Zwanziger Jahren des Einundzwanzigsten Jahrhunderts große Dunkelheit besiegen.
Am Tag ihrer Geburt wird die Sonne im Zeichen der Waage, der Mond im Zeichen der Fische stehen.
Sie wird auf der Insel Britannien geboren werden, leben und das Mal eines fünfzackigen Sterns tragen.
Ihre Mitstreiter im Kampf der Halbwesen werden eine Waldelfe, ein Selkie, eine der neun Musen, eine Sternkriegerin und eine Feuerhexe sein.
Die große Liebe zwischen der Sirene und dem Selkie ist der Schlüssel für den Frieden in unserem Universum.
Am Tag ihrer Verwandlung beginnt der Kampf, der eine neue Ära einläutet: jene des Lichtes."
Crystal war blond, klein, zartgliedrig und unnahbar. Sie kam vom Stern Sirius und war das, was in der Esoterikszene gemeinhin unter dem Namen Starseed, Sternensaat, bekannt geworden war.
Sie erinnerte sich an jedes ihrer neunzig Leben. Nur war das ihr erstes Leben, das sie auf der Erde zubrachte. Crystal liebte die Menschen, wie eine Großmutter, die ihre Enkel liebt. Sie konnte es aber nicht zeigen. Emotionen auszudrücken, war nicht gerade ihre Stärke.
Ihre Eltern waren normale Sterbliche. Doch ihre Tochter wusste von klein auf um ihre Mission… sie war eine der sechs: auf die Erde entsandt, um sie zu retten und das Gleichgewicht im Universum wiederherzustellen.
„Wie läuft dein Psychologiestudium, Crystal?“
Sarah stellte drei Gläser mit frischzubereitetem Eistee auf das Glastischchen vor dem Sofa. Tim und Crystal waren die ersten beiden, die bei ihr eingetroffen waren. Heute Nacht würden die sechs Teresa bei ihrer Verwandlung zur Sirene beistehen. Auch Sarah und die Engel der sechs sollten teilnehmen.
„Nun ja, das Lernen fällt mir leicht, auch die Arbeit mit den Klientinnen im Frauenhaus. Nur das Team, also ich glaube, sie empfinden mich als kalt.“
„Ich finde gar nicht, dass du kalt bist. Da sind nur positive Vibes.“ Tim lächelte.
Es klingelte und als Sarah die Tür öffnete, stand ein junges, quirliges Mädchen, etwa um die Achtzehn davor.
„Hallihallo, Ginny ist mein Name. Ich bin hier… also ich bin hier. Sorry, ich hab vergessen, weshalb.“
Da kam ein kleiner, goldgelockter Mann um die Ecke und legte ihr seine Hand auf die Schulter. Ginny entspannte sich und fügte hinzu:
„Ich bin eine Elfe, eine der sechs, und heute wird Teresa achtzehn. Deshalb bin ich hier. Entschuldigung, doch wenn ich aufgeregt bin, vergesse ich Alles!“
„Hallo Ginny, na zum Glück hast du ja deinen Schutzengel bei dir“, und zu dem kleinen, goldgelockten Mann gewandt:
„Ernest, es ist viel zu lange her.“
„Und du bist immer noch schön wie ein Sonnenstrahl, der die Wolkendecke durchbricht, Sarah“, erwiderte er.
Und so war es, dass die drei gar nicht bemerkten, wie sich zwei weitere junge Frauen zu ihnen gesellten. Die eine hatte schwarzes Haar, an den Spitzen feuerrot gefärbt, und war ein Koloss von einer Frau. Andromeda war groß, stark wie ein Riese und polternd wie eine Herde von Elefanten.
„Ah, das muss wohl die berühmte Feuerhexe sein!“ kicherte Ginny.
Neben Andromeda stand ein Mädchen, deren Haut so weiß war wie Porzellan, deren Haare so silberweiß waren wie der Mond. Mit einer sonoren, leisen Stimme stellte sie sich vor:
"Guten Tag, Erato ist mein Name. Ich bin die Muse der Liebesdichtung und eine der sechs.“
Sarah bat ihre Gäste hinein.
Als wir Hull endlich erreichten, war es schon fast 23h. Unser Zug hatte wegen Gleisarbeiten stundenlang stillgestanden. Arielle führte mich auf dem schnellsten Weg zum Privatstrand meiner Großmutter. Das Meer war still wie nie. Schwimmkerzen trieben nahe am Ufer. Achtzehn brennende Fackeln steckten im Sand. Und zehn mir unbekannte Augenpaare stierten mich aus einer allesumfassenden Dunkelheit an. Da legte sich ein Arm um meine Schulter und ich atmete einen vertrauten Duft ein: meine Großmutter war neben mich getreten.
Wie all die anderen war sie in Weiß gekleidet. Auch ich hatte mein einziges weißes Kleid anziehen müssen. Ein modebewusster Schutzengel namens Arielle hatte das von mir verlangt. Sie selbst trug ein weißes Crop Top und einen langen Rock aus weißer Wildseide. Der Kontrast zu ihrer ebenholzfarbenen Haut war dermaßen schön, dass ich ein „Wow“ nicht unterdrücken konnte, als sie sich mir zuhause gezeigt hatte.
Aber nun hatte ich Angst. Arielle hatte mir während der Zugfahrt erklärt, dass es zuerst sehr schlimm sein würde. Ein bisschen wie sterben. Ein bisschen wie damals.
Da formten die zehn mir unbekannten Menschen zwei Reihen, Arielle und Granny nahmen jeweils eine meiner Hände und führten mich durch die Doppelreihe hindurch. Dorthin, wo das Salzwasser den Sand küsste: an den Saum des Meeres.
Dann stellten sie sich zu den anderen und flüsterten:
„Ab hier musst du allein weiter. Schwimm, Kleines, bis du müde wirst. Die See ist deine Mutter und wird dich in ihre Tiefen aufnehmen. Sie wird dich beschützen. Wenn deine dunklen Schwestern rufen, wisse, auch deine hellen sind bei dir. Und vergiss nicht, du bist nicht allein, du bist die Jüngste der sechs… Die anderen fünf bleiben zwar mit uns am Strand, doch wachen über dich.“
Etwa eine halbe Stunde schwamm ich ins Meer hinaus. Dann überkam mich eine Müdigkeit. Eine Müdigkeit, so müde war ich wohl noch nie im Leben gewesen. Ich konnte nicht anders, als meine Augen zu schließen. Und da fiel ich, ich fühlte wie alle Luft aus mir wich und die See mich wieder tief in ihren Schoß aufnahm.
- Psyycho
- MeerJungfrau Jungfau Jungfrau; Teresa, die eiserne Jungfrau
- Diihie will uns aufhalten?! Die hat ja noch nichtmal jemand geliebt
- Dein Vater hasst dich, deine Mutter hat dich gehasst, deine Großmutter wird dich hassen
Die Stimmen wurden immer lauter und lauter. Ich hielt meine Ohren zu, doch sie hörten nicht auf. Ich weinte, doch sie hörten nicht auf. Sie wurden nur schlimmer und schlimmer. Sie wurden immer schlimmer.
„Öffne die Augen, Tere.“ Ich öffnete sie und sah unter Wasser Feuer wie von Fackeln, die mich umkreisten. Ein Junge blickte mich aus warmen, goldbraunen Augen an. Er nahm meine Hände. Dann begann er zu sprechen. Es war eine Art Sprechgesang. Er sang von seinem Traum und dem der hellen Zwischenwesen:
Frieden und Liebe, immer wieder Liebe. Die Liebe, die meine Eltern, meine Großmutter, Arielle und meine Freunde für mich empfanden. Doch noch viel wichtiger war die Liebe, die ich in meinem Inneren finden konnte: meine Selbstliebe.
Und da weinte ich. Es waren Tränen der Heilung. Schöne Tränen. Sie schimmerten unter Wasser. Sie waren Perlen: aus meinen Augen kullerten Perlen.
Der Junge verschwamm vor meinen Augen, bis er sich auflöste. Auch die bösen Sirenenstimmen verklangen. Doch ich war nicht allein. Die See begann in einer mir fremden Sprache zu sprechen, die mir ein Gefühl von Zuhause gab. Ich konnte jedes Wort verstehen. Denn nun war ich zur Sirene geworden.
Ein Lichtwesen, das unter Wasser lebt, wird in den Zwanziger Jahren des Einundzwanzigsten Jahrhunderts große Dunkelheit besiegen.
Am Tag ihrer Geburt wird die Sonne im Zeichen der Waage, der Mond im Zeichen der Fische stehen.
Sie wird auf der Insel Britannien geboren werden, leben und das Mal eines fünfzackigen Sterns tragen.
Ihre Mitstreiter im Kampf der Halbwesen werden eine Waldelfe, ein Selkie, eine der neun Musen, eine Sternkriegerin und eine Feuerhexe sein.
Die große Liebe zwischen der Sirene und dem Selkie ist der Schlüssel für den Frieden in unserem Universum.
Am Tag ihrer Verwandlung beginnt der Kampf, der eine neue Ära einläutet: jene des Lichtes."
Crystal war blond, klein, zartgliedrig und unnahbar. Sie kam vom Stern Sirius und war das, was in der Esoterikszene gemeinhin unter dem Namen Starseed, Sternensaat, bekannt geworden war.
Sie erinnerte sich an jedes ihrer neunzig Leben. Nur war das ihr erstes Leben, das sie auf der Erde zubrachte. Crystal liebte die Menschen, wie eine Großmutter, die ihre Enkel liebt. Sie konnte es aber nicht zeigen. Emotionen auszudrücken, war nicht gerade ihre Stärke.
Ihre Eltern waren normale Sterbliche. Doch ihre Tochter wusste von klein auf um ihre Mission… sie war eine der sechs: auf die Erde entsandt, um sie zu retten und das Gleichgewicht im Universum wiederherzustellen.
„Wie läuft dein Psychologiestudium, Crystal?“
Sarah stellte drei Gläser mit frischzubereitetem Eistee auf das Glastischchen vor dem Sofa. Tim und Crystal waren die ersten beiden, die bei ihr eingetroffen waren. Heute Nacht würden die sechs Teresa bei ihrer Verwandlung zur Sirene beistehen. Auch Sarah und die Engel der sechs sollten teilnehmen.
„Nun ja, das Lernen fällt mir leicht, auch die Arbeit mit den Klientinnen im Frauenhaus. Nur das Team, also ich glaube, sie empfinden mich als kalt.“
„Ich finde gar nicht, dass du kalt bist. Da sind nur positive Vibes.“ Tim lächelte.
Es klingelte und als Sarah die Tür öffnete, stand ein junges, quirliges Mädchen, etwa um die Achtzehn davor.
„Hallihallo, Ginny ist mein Name. Ich bin hier… also ich bin hier. Sorry, ich hab vergessen, weshalb.“
Da kam ein kleiner, goldgelockter Mann um die Ecke und legte ihr seine Hand auf die Schulter. Ginny entspannte sich und fügte hinzu:
„Ich bin eine Elfe, eine der sechs, und heute wird Teresa achtzehn. Deshalb bin ich hier. Entschuldigung, doch wenn ich aufgeregt bin, vergesse ich Alles!“
„Hallo Ginny, na zum Glück hast du ja deinen Schutzengel bei dir“, und zu dem kleinen, goldgelockten Mann gewandt:
„Ernest, es ist viel zu lange her.“
„Und du bist immer noch schön wie ein Sonnenstrahl, der die Wolkendecke durchbricht, Sarah“, erwiderte er.
Und so war es, dass die drei gar nicht bemerkten, wie sich zwei weitere junge Frauen zu ihnen gesellten. Die eine hatte schwarzes Haar, an den Spitzen feuerrot gefärbt, und war ein Koloss von einer Frau. Andromeda war groß, stark wie ein Riese und polternd wie eine Herde von Elefanten.
„Ah, das muss wohl die berühmte Feuerhexe sein!“ kicherte Ginny.
Neben Andromeda stand ein Mädchen, deren Haut so weiß war wie Porzellan, deren Haare so silberweiß waren wie der Mond. Mit einer sonoren, leisen Stimme stellte sie sich vor:
"Guten Tag, Erato ist mein Name. Ich bin die Muse der Liebesdichtung und eine der sechs.“
Sarah bat ihre Gäste hinein.
Als wir Hull endlich erreichten, war es schon fast 23h. Unser Zug hatte wegen Gleisarbeiten stundenlang stillgestanden. Arielle führte mich auf dem schnellsten Weg zum Privatstrand meiner Großmutter. Das Meer war still wie nie. Schwimmkerzen trieben nahe am Ufer. Achtzehn brennende Fackeln steckten im Sand. Und zehn mir unbekannte Augenpaare stierten mich aus einer allesumfassenden Dunkelheit an. Da legte sich ein Arm um meine Schulter und ich atmete einen vertrauten Duft ein: meine Großmutter war neben mich getreten.
Wie all die anderen war sie in Weiß gekleidet. Auch ich hatte mein einziges weißes Kleid anziehen müssen. Ein modebewusster Schutzengel namens Arielle hatte das von mir verlangt. Sie selbst trug ein weißes Crop Top und einen langen Rock aus weißer Wildseide. Der Kontrast zu ihrer ebenholzfarbenen Haut war dermaßen schön, dass ich ein „Wow“ nicht unterdrücken konnte, als sie sich mir zuhause gezeigt hatte.
Aber nun hatte ich Angst. Arielle hatte mir während der Zugfahrt erklärt, dass es zuerst sehr schlimm sein würde. Ein bisschen wie sterben. Ein bisschen wie damals.
Da formten die zehn mir unbekannten Menschen zwei Reihen, Arielle und Granny nahmen jeweils eine meiner Hände und führten mich durch die Doppelreihe hindurch. Dorthin, wo das Salzwasser den Sand küsste: an den Saum des Meeres.
Dann stellten sie sich zu den anderen und flüsterten:
„Ab hier musst du allein weiter. Schwimm, Kleines, bis du müde wirst. Die See ist deine Mutter und wird dich in ihre Tiefen aufnehmen. Sie wird dich beschützen. Wenn deine dunklen Schwestern rufen, wisse, auch deine hellen sind bei dir. Und vergiss nicht, du bist nicht allein, du bist die Jüngste der sechs… Die anderen fünf bleiben zwar mit uns am Strand, doch wachen über dich.“
Etwa eine halbe Stunde schwamm ich ins Meer hinaus. Dann überkam mich eine Müdigkeit. Eine Müdigkeit, so müde war ich wohl noch nie im Leben gewesen. Ich konnte nicht anders, als meine Augen zu schließen. Und da fiel ich, ich fühlte wie alle Luft aus mir wich und die See mich wieder tief in ihren Schoß aufnahm.
- Psyycho
- MeerJungfrau Jungfau Jungfrau; Teresa, die eiserne Jungfrau
- Diihie will uns aufhalten?! Die hat ja noch nichtmal jemand geliebt
- Dein Vater hasst dich, deine Mutter hat dich gehasst, deine Großmutter wird dich hassen
Die Stimmen wurden immer lauter und lauter. Ich hielt meine Ohren zu, doch sie hörten nicht auf. Ich weinte, doch sie hörten nicht auf. Sie wurden nur schlimmer und schlimmer. Sie wurden immer schlimmer.
„Öffne die Augen, Tere.“ Ich öffnete sie und sah unter Wasser Feuer wie von Fackeln, die mich umkreisten. Ein Junge blickte mich aus warmen, goldbraunen Augen an. Er nahm meine Hände. Dann begann er zu sprechen. Es war eine Art Sprechgesang. Er sang von seinem Traum und dem der hellen Zwischenwesen:
Frieden und Liebe, immer wieder Liebe. Die Liebe, die meine Eltern, meine Großmutter, Arielle und meine Freunde für mich empfanden. Doch noch viel wichtiger war die Liebe, die ich in meinem Inneren finden konnte: meine Selbstliebe.
Und da weinte ich. Es waren Tränen der Heilung. Schöne Tränen. Sie schimmerten unter Wasser. Sie waren Perlen: aus meinen Augen kullerten Perlen.
Der Junge verschwamm vor meinen Augen, bis er sich auflöste. Auch die bösen Sirenenstimmen verklangen. Doch ich war nicht allein. Die See begann in einer mir fremden Sprache zu sprechen, die mir ein Gefühl von Zuhause gab. Ich konnte jedes Wort verstehen. Denn nun war ich zur Sirene geworden.