Gegengewicht zur restlichen Welt?

Erzählung zum Thema Illusion

von  theatralisch

Die Lokalitäten hierzulande bieten keinerlei Wortgeflecht, worin es sich einzugliedern lohne, und eine ehrerbietende Geste gibt den Blick auf eine sich kurzfassende Inschrift der zunächst geballten Faust eines machtstrotzenden Mannes frei:„Ich habe versucht, die Welt zu verändern … Aber es ist eine Illusion.“

Ich, der Enkel Barbarossas

Dem altbekannten Blickwinkel zufolge, müsste ich schon längst meinem gegenwärtigen Anspruch nachgegangen sein. Dessen Auffassung besagt es, sich augenblicklich „kopfüber und dreifach überschlagend in das eigens geschaufelte Grab stürzen zu lassen und sich vor dem Eintreten des Todes nochmals zahlreiche innere und äußere Verletzungen zuzuziehen“.

„Rechtschaffenheit oder Tod“, erklärte mir meine Mutter, und mein Vater, und dessen Vater, jedoch könnte man vielmehr behaupten, jedes Mitglied dieser Familie hätte bereits derartig ideologisch gedacht oder gar gehandelt, erinnere man sich an einen wüsten Sommertag, man mag wohl das Jahr 1947 geschrieben haben...


Pius, der Pipo
oder aber - das Ende eines Tyrannen

Der Wenn-Dann-These, die keinerlei Abwandlung zulässt, wurde in meiner Familie schon immer große Popularität zugeschrieben. Mein Großvater mütterlicherseits hieß Pius und besaß des öfteren den Frevel, andere für Dinge geradestehen zu lassen, deren Ausmaß er sich in den meisten Fällen
selbst zuzuschreiben gehabt hätte. Allein durch diese List wurde ihm allerhand Spott und demzufolge ausreichend Affinität in großem Maße entgegegenbracht. Man, und das ließe sich wohl auf die ganze Stadt beziehen, war sich darüber im Klaren, welchen Dingen der gute Pius nachging, wenn er sich nicht gerade um das Wohl seiner Mitgenossen sorgte. Nahezu jeder glaubte, Pius irgendeiner bekannten Buchfigur zuordnen zu können,  und wenn ich selbst diesen Schritt wagen müsste, würde ich wohl, mit vorerst etwas zögerlicher Zurückhaltung und dem nötigen Respekt in der Stimme, denn es geht ja schließlich um meinen Großvater, „Professor Rat“ aus „Professor Unrat“ verlauten lassen und dem Buch sogleich eine neue Note verleihen. Rat war eigensinnig, vielleicht ein wenig als kleiner Bürokrat und Aufwiegler, wenn es um Sitte und Moral ging, verschrien, und dennoch kann man Pius einige mehr unliebsame, so ganz ohne Sitte und Moral, Taten zuordnen.


Die beißende Sonnabendsonne brannte dem kleingewachsenen rotbärtigen Mann, den hier alle Pipo riefen, auf seine kahle, gefleckte Kopfhaut, von der die Schweißperlen in sichtbaren, kleinen Rinnsälen ihre verdächtigen Spuren auf dem aufgestellten Hemdkragen hinterließen. Der kleine Mann trug Slipper, und das solange sie dem oftmals garstigen Wetter standhielten, braune Bügelfaltenhosen, deren Bügelfalten wohl mit einem mittelmäßigen Brotschneidemesser mithalten würden, ein blauweißkariertes Hemd und in der Rechten einen gekrümmten naturholzbelassenen Stock, der ihm den erschwerlichen Weg, der ihn weit weg von seinem Anwesen zu der kleinen, idyllisch gelegenen Kapelle am Ortsrand führte, erleichterte. Hierhin zog es ihn so gut wie jeden Sonnabend, obgleich das Wetter nun mitspielte oder nicht, denn ohne die Sonnabendkapelle wäre es ihm wohl kaum möglich gewesen, uns auf diese Weise zu hintergehen. Wer hätte es schon in Erwägung gezogen, einen alten Mann für all jene Dinge verantwortlich zu machen, für die man im Ernstfall eine komplette skrupellose Räuberbande in Verdacht gehabt hätte. Nun könnte man vermuten, Pius hätte eine vollständige Familie ausgeräuchert, Häuser niedergebrannt, oder kleinen Mädchen nachgestellt, doch nichts von alledem beschreibt die Tat des Pius, die auch nach dessen Tod viele Jahre später noch in den Köpfen der Menschen hallt, als würde eine besessene Hexe spottend auf uns alle herablachen und uns ihr mörderisches „Kikiki“ geben, dessen Klang uns die Nackenhaare zum Kräuseln bringen würde.
Aber nein, Pius war kein Hexer, kein Schänder, kein Brandstifter, und auch kein Mörder.

Pius war...[ff]


Anmerkung von theatralisch:

Er zeichnete sich selbst durch hohe Skandalfähigkeit aus und wir sollen ihm heute Lobpreis, Herrlichkeit und Ehre gebühren?

Kommentare zu diesem Text

Cokoto (18)
(31.01.07)
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Traumfängerin (23) meinte dazu am 01.04.07:
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Francisco_Wilando (54) antwortete darauf am 09.08.07:
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 theatralisch schrieb daraufhin am 09.08.07:
Ha!
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