Die Chipsesserin

Theaterstück zum Thema Sinn/ Sinnlosigkeit

von  Ganna

Die Chipsesserin




Chipsesserin: Frau um die 40, möglichst dick durch viele, unter ihrer
                      pastellfarbene Kleidung befestigte Luftballons,
                      Gesicht und Haare völlig farblos

Stimme:        männlich, nicht mehr ganz jung

Pärchen:      Mann und Frau, jung, schmächtig, unscheinbar

Alte Frau:      krumm, in schwarzer Kleidung

Ort der Handlung: kahles Zimmer mit kleinem Fenster, knapp bemessenes weiches Sofa,
                      winziger Tisch und riesiger Fernseher
                     




Frau sitzt auf dem Sofa, starrt vor sich hin, der Fernseher ist noch aus.

FRAU:

Es denkt nicht.
Früher hat es mal gedacht.
Nun denkt es nicht mehr.
Es fühlt auch nicht.
Immerhin wäre es möglich gewesen, dass es noch fühlte, auch wenn es nicht mehr denkt.
Doch es denkt nicht und es fühlt nicht.

Was sitzt dann hier?
Was sitzt hier,
das weder denkt noch fühlt?

Sie schaut an sich hinunter, langsam.

Fett.
Fett und Fleisch auf Knochen gepackt.
Kann man das mit ICH benennen?
Was ist ICH,
wenn Fleisch und Fett nicht denkt,
nicht fühlt?

Denken Zellen ohne mich?
Sprechen sie miteinander ohne es mich wissen zu lassen?
Sie haben sich abgespalten,
führen ein eigenes Leben.
Doch von was sind sie gespalten,
wenn da nichts denkt?



STIMME, unheimlich:

Still!
Wozu denken?
Wozu etwas ausdenken,
die Nachbarn zu ärgern, die Lebensform der Menschen zu ändern?
schnellere Produktionsmittel erfinden oder höhere Käsekuchen?
Was sollte man wissen,
wo Wissen nicht möglich ist?

Früher drängten Gedanken vom Kopf bis in das Gedärm,
lagen quer bis das Würgen kam,
früher.
Früher dachten Menschen.
Und - war das besser?


FRAU:

Nichts denkt.
Nichts würgt.

Was berechtigt zu denken?
Gedanken bringen Unruhe,
schaffen Probleme,
führen ins Ausweglose.
Unweigerlich!
Fragen sind sinnlos.
Kein Wille bleibt zu etwas gut.

Sie schaut auf die Fernbedienung in ihrer Hand.

Rot.
Rot ist der Knopf.
Rot ist der Knopf und fein gewölbt,
sich an die Finger schmiegend.
Damit sie ihn drücken.

Sie drückt und Ton quillt in den Raum.
Stimmen wirbeln durcheinander.
Sie schaut gebannt auf den Bildschirm.

Masken mit grellrot verzogenen Mündern erscheinen im Fernseher, bewegen sich wie ein Spuk, geben undefinierbare Laute von sich.


FRAU:

Sie grüßen nicht,
wollen keinen Kontakt,
tun so, als wäre nichts vorhanden, als gäbe es nichts außerhalb.
Sie sind unanständig,
bewegen sich schnell, so dass nichts folgen kann.
Auch sind keine Ursachen erkennbar,
keine Ziele.
Geschminkt und unanständig,
lügen sie.

Gut, dass sie lügen.
Würden sie wahr sprechen, würde Wahrheit wie Lüge erscheinen.
Das wäre verwirrend.
Lügen beruhigen.
Zu Lügen muss sich niemand verhalten.
Lügen fordern nicht.
Lügen lassen unbeteiligt gleichgültig.



STIMME, unheimlich:

Wirklichkeit ist abhanden gekommen,
Ruhe eingekehrt,
Ruhe eingekehrt.
Endlich.
Endlich.
Stille.


Figuren im Fernseher stoßen kurze Schreie aus, werden immer heftiger,  lauter.


FRAU sich umblickend, langsam:

Schreie.
Töne,
bleiben gefangen,
springen von Wand zu Wand,
wie kleine Tiere,
bis sie mit sich selbst zusammenstoßen,
nicht mehr können und
sich sinken lassen.

Schreie,
vergessen und vergangen,
verwesen in den Ecken seit Jahrhunderten,
staubig,
unbemerkt,
schreien weiter,
weil sie nie gehört wurden,
unaufhörlich,
dröhnen die Ohren zu,
lassen keinen Raum,
drängen die Bude voll
bis nichts mehr hineinpasst.


STIMME:

. . . und das Lachen?
Ist nicht auch ein Lachen dazwischen?

FRAU:

. . . bis nichts mehr hineinpasst,
nichts mehr hineinpasst.

. . . drängen sich,
. . . rammen gegen Bauch und Bein,
legen sich auf Brust und Hirn,
enger, schwerer lasten sie
von Sendung zu Sendung,
von Serie zu Serie.

Es wird eng,
immer enger.

Enge nimmt mir die Luft,
hhhrrr  . . . Luft  . . . Luhuff . . .ff

Sie windet sich,
röchelt qualvoll,
drückt schließlich auf den kleinen schwarzen Knopf.
Dann, erleichtert:


Aus der Ton.

Sie starrt wieder gebannt auf den Bildschirm.
Verschiedene Bilder erscheinen im Fernseher, zusammenhanglos, schnell hintereinander:
Männer  prügeln sich tonlos in  einem Stadion.
Ein Säugling saugt an seinen Fingerchen.
Autos explodieren.
Zerstörte Häuser.
Ein großer Baum zu Boden stürzend.
Weiße Wolken.



FRAU, wieder etwas gefasst:

Niemand soll versuchen
beibringen zu wollen,
dass darin Sinn liegen könnte.
Wir wünschen
keinen Sinn zu sehen.
Jeder Sinn ist abzulehnen,
denn Sinn erschwert das Leben.

Nur Sinnlosigkeit ist erstrebenswert,
wunderbare Sinnlosigkeit.


STIMME, geheimnisvoll:

Sieh zum Fenster!
Wundervollster Vollmond
schenkt sanftes Leuchten am dunklen Himmelsmeer!
Selbstlos und gütig.
Sollte er sinnlos scheinen?
Sollte Schönheit vergebens sein?
Sieh!


FRAU:

Den Kopf wenden?
Er kann sich drehen.
Wahrscheinlich.
Er könnte es versuchen.
Doch will er das?

Ist das auch nicht überflüssig?
Mag er doch scheinen oder nicht.
Gleichgültig.

Frau dreht den Kopf zum Fenster, langsam:

Mond irritiert,
keine Aufmerksamkeit fordernd,
als würde er ohne Aufmerksamkeit bestehen.
Wenn niemand hinschaut,
wird er vermutlich ebenso vorhanden sein.
Mond genügt sich selbst.
Doch kann man es wissen?
Nichts weiß man.

Vielleicht existiert ausschließlich,
was vor Augen erscheint,
während sich Übriges in eine graue Unbestimmtheit zurück zieht,
so lange,
bis ein Blick es hervorholt?
Möglicherweise werden Bilder auf Scheiben geworfen,
weil Scheiben dazu verleiten,
oder weil Scheiben Bilder verlangen?

Man weiß es nicht.

Ihr Kopf wendet sich wieder dem Fernseher zu.
Mit Kostümen und Masken drapierte Menschen formen eine unerklärbare Szene.

Frau isst langsam Chips.

Das Telefon klingelt plötzlich, laut und durchdringend.



STIMME, in einer Klingelpause gesprochen:

Das Telefon klingelt!


FRAU, angstvoll, nun etwas lebendiger, spricht ebenfalls in den Klingelpausen:

Das Telefon klingelt.

Wie kann das geschehen?

Sie wollen drohen,
verleumden,
beschuldigen,
missbrauchen und quälen,
einbrechen, rauben,
foltern und schlagen,
totmachen, morden!

. . . aaahhh . . .!!!


Das Klingeln verstummt. Frau atmet erleichtert aus.


STIMME:

Telefon abstellen.

FRAU:

Körper will nicht.
Körper sitzt und sitzt.
Er hat alle Freiheit,
zu tun, was ihm beliebt.
Doch er sitzt und sitzt.
Er rührt sich nicht.
Da kann man nichts machen.

Sie greift langsam in die Schüssel mit den Chips und steckt sich einige in den Mund,
kaut mit offenem Mund, genüsslich.
Sie drückt die Fernbedienung und der Ton schaltet sich wieder ein.

In ihrem Zimmer schluchzen zwei junge Menschen vor einem Grab.



FRAU:

Alles macht was es will.

Eine alte Frau steckt Bonbons in ihre Handtasche.


FRAU:

Ich ist nicht vorhanden.

Hinter Baumkronen zeigt sich Abendrot, legt sich auf das Sofa, die Frau und färbt die Wände rot.


FRAU:

Spuk.
Narretei.
Nonsens.

Die zwei jungen Menschen setzen sich links und rechts neben die Frau auf das Sofa. Sie beginnen sie mit Nadeln zu pieksen, die Luftballons zerplatzen, erst langsam, dann schneller werdend.

Die Frau stößt kurze Schreie aus, die immer mehr in Gekicher übergehen, als würde sie gekitzelt. Schließlich lachen alle drei lauthals und heftig.

Kommentare zu diesem Text


 Ralf_Renkking (27.09.19)
Hi Ganna,

super Drama, ich werde es beizeiten noch einmal lesen müssen, um es wirklich würdigen zu können. Die Schlusspointe ist gelungen, und hoffentlich war der Fernseher groß genug. :D

Ciao, Frank
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