ganz

Alltagsgedicht

von  Erebus

halb gegeben, halb genommen
abgestoßen und gehüllt
leergeräumt und angefüllt
blank und scharf und doch verschwommen

unter Steinen, über Sternen
nebendran und mittendrin
da und hier und in den Fernen

habe ich mich umgewendet
allenthalben unter Zwang
labyrinthisch ist mein Gang
bin begonnen und beendet.

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Kommentare zu diesem Text


 Isaban (12.01.08)
Der letzte Vers beunruhigt ebenso, wie dein Ava-Bild, das dazu zu passen scheint.

Es berührt, dein Gedicht.

Sehr passend zum Inhalt erscheinen mir nicht nur die relativ kurzen, vierhebigen Verse, auch die Klammerreime, beziehungsweise, lässt drüber nachdenken, dass jeweils die umarmenden Reime in weiblicher Kadenz enden, die umarmten in männlicher, hier also entweder angedeutet werden könnte, dass ein männliches lyrisches Ich über eine "erdrückende" Beziehung (oder das Ende einer Beziehung) nachsinnt, oder sich zumindest durch Einflüsse von außen bedrängt/gewürgt/erstickt fühlt.

halb gegeben, halb genommen

Da hat man automatisch die drei letzten Verse aus Goethes "Fischer" im Kopf, eine geschickt eingebrachte Assoziation, gefällt mir sehr.

Da wars um ihn geschehn:
//Halb zog sie ihn, halb sank er hin,//
Und ward nicht mehr gesehn.


Dann geht es bei dir weiter:

abgestoßen und gehüllt
leergeräumt und angefüllt


LI wird also, sehr bildlich, vollkommen umgekrempelt.


Das blank und scharf und doch verschwommen betrachte ich für mich als Hinweis auf eine geschickte, gründliche und dennoch schwer zu erfassende Manipulation des LI durch das unsichtbare LD.

unter Steinen, über Sternen
nebendran und mittendrin
da und hier und in den Fernen



Die mittlere Strophe hat für mich, einen wunderschönen, suchenden Klang, erschließt sich mir nicht 100%ig, aber das muss sie auch nicht, zeigt sie doch in Wortwahl und dargestellter Weite zumindest den Umfang des Bemühens, wie schwer dieses in V8 erwähnte Umwenden, das Neuformen LI gefallen ist. Dieser Eindruck wird in der dritten und letzten Strophe noch verstärkt.

habe ich mich umgewendet
allenthalben unter Zwang
labyrinthisch ist mein Gang


LI ist also nicht mehr, was er war und die Transformation scheint nicht leicht gewesen zu sein, ständig unter Druck/Zwang, verirrt und auf der Suche nach seinem Weg. Der letzte Vers bietet da einen traurigen, wehmütigen Ausklang. Es könnte natürlich nur das Ende einer zwar schwierigen, aber notwendigen Entwicklung oder einer erzwungenen (Persönlichkeits-)Veränderung beschrieben worden sein. Für mich aber liest es sich wie: manipuliert, benutzt und weggeworfen. Berührend, wie gesagt.

Liebe Grüße,
Sabine

 Erebus meinte dazu am 14.01.08:
Hallo Sabine, meinen Dank für Deine eingehende Beschäftigung mit dem Text!
Um meine Leserschaft nicht zu sehr zu beunruhigen, habe ich mir umgehend ein neues Ava-Bildchen zugelegt.

Bei aller Mühe findet LI nicht zu einer eindeutigen Definition, und das ist tatsächlich eine Art des Scheiterns. Dadurch entsteht wohl auch die von Dir abgelesene Beunruhigung. Ja, scheinbar lässt sich dieses Scheitern nur dadurch verhindern, dass die entsprechenden Fragen nicht gestellt werden. Im Grunde würde ich aber die gewonnenen (Un)Einsichten wertfrei lesen.
Interessant ist für mich, das Du eine Entwicklung herausliest, eine Transformation, eine Häutung vielleicht, die nicht richtig, nicht positiv, abgeschlossen wurde (das wäre auch ein schönes Thema für ein extra Gedicht)
Grundsätzlich sollte das Gedicht eine Art Orts-/Ichbestimmung des LyrIch sein, und ich dachte mir einen schlichten Aufbau so:

Strophe eins: Selbstgefühl, "Innenschau"
Strophe zwei: "Aussenschau", wie es sich in der Welt fühlt
Strophe drei: warum es sich erkennen will, und dass es nichts erkennt.

Ich bedanke mich ganz herzlich für Dein Interesse und Deinen Kommentar.
Ganz besonders freut mich, das dieses Gedicht berührt. Was kann man mehr verlangen?
LG

 Isaban antwortete darauf am 22.02.15:
Ach Männe, ist das lange her!
Fabi (50)
(22.02.15)
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