Verrat

Geschichte zum Thema Fantasie

von  ThalayaBlackwing

Der Abend kam, Nacht fiel über die Stadt und die Straßen leerten sich, abgesehen von den Patrouillen. Als auch das letzte Licht im Zielhaus erloschen war, bat Alderic den Maschinengeist, seine Arbeit zu tun. Thalaya indes betrat das Gelände, schlich sich an den Wachen vorbei. Sie war eins mit der Nacht und den Schatten. Alderic bewunderte sie für ihr Können. Aber sie war zu starrköpfig. Sie würde die Wahrheit nie erkennen, niemals diesem Leichnam auf seinem goldenen Thron abschwören und den wahren Göttern dienen. Sie musste sterben. Alderic folgte ihr nicht. Wie abgesprochen sollte er alles überwachen und notfalls für eine Ablenkung sorgen, wenn sie entdeckt würde.

* * *
Thalaya ging über das Gelände. Sie wagte kaum, zu atmen. Die Wachen waren so unglaublich nah. Ein falscher Schritt würde sie verraten. Doch Thalaya gelang es, bis zum Lagerraum zu kommen, ohne bemerkt zu werden. Dort blickte sie schnell durch eines der Fenster und sah, dass der Raum leer war. Sehr gut. Und ein Fenster war angekippt. Zufall? Oder doch das Wirken des Imperators? Sie nutzte diese Einladung und öffnete das Fenster ganz. Dann kletterte sie hinein. Das war zu einfach. Thalaya wusste das. Sie wurde vorsichtiger. Irgendetwas stimmte nicht. Das hatte sie im Gefühl. Sie schlich zur Tür des Lagerraums, öffnete sie einen Spalt breit und spähte hinaus. Wachen vor der Tür. Aber sie schliefen. Sie schliefen im Dienst? Thalaya war unschlüssig. Sie hatte davon gehört. Aber wenn sie schliefen, dann konnten sie unmöglich so gut sein, wie man ihnen nachsagte. Und wenn es eine Falle war? Woher wussten sie, dass sie kam? Thalaya wusste, dass nur Alderic, Meister Madison und sie selbst von dem Vorhaben wussten. Beziehungsweise ging sie davon aus, dass nur sie drei das wussten.

Aber Thalaya ging weiter, schlich an ihnen vorbei und eilte die Gänge entlang. Sie wusste noch nicht, wo sich das Objekt des Auftrags befand und das Haus war groß. Sie musste zügig arbeiten. Und während sie sich von Raum zu Raum arbeitete, zurückschreckte wenn sie eine Tür öffnete hinter der die Dienerschaft schlief. Einmal wäre sie beinahe entdeckt worden, als einer der Wachmänner auf Patrouille umherging und sie beinahe in ihn reingelaufen wäre. Aber irgendetwas hatte ihn dann doch verraten und Thalaya konnte schnell noch in eine dunkle Nische abtauchen und sich hinter einer Statue verstecken. Das war knapp und der Bewaffnung des Mannes nach zu urteilen war er nicht hier, um Gefangene zu machen. Thalaya aber wartete nur geduldig, bis seine Schritte verklungen waren und sie weiterschleichen konnte. Jetzt war sie um ein gutes Stück aufmerksamer. Thalaya bekam auch langsam ein Gefühl für das Haus. Nachdem sie die ersten paar Räume besichtigt hatte, wusste sie, welches Schlafräume der Dienerschaft waren und den Gerüchen folgend, mussten das Küche und Waschküche sein. Im ersten Obergeschoss war es insgesamt einfacher. Es gab Pläne der Räume und diverse Anmerkungen, ob und wo genau sich das Objekt befinden könnte. Immer noch die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, aber der Heuhaufen war nur noch 2 m hoch und nicht mehr 50 m. So ging sie systematisch vor. Was blieb ihr auch anderes übrig? Sie wusste, wo die Schlafgemächer waren. Hier würde sie anfangen. Jetzt, gegen 2 Uhr, war der Schlaf zumeist am tiefsten und am festesten und es würde wenn, dann nur jetzt gelingen, die Räume zu durchsuchen, ohne alle und jeden in diesem Haus umbringen zu müssen.

* * *
Das erste Zimmer, das sie sich ausgesucht hatte, war das Schlafgemach der Seniors. Sie öffnete die Tür. Keine Falle, keine Alarmeinrichtung. Wieso nicht? Glaubten sich die Herrschaften wirklich so sicher? Und dann sah sie ihn, den hauchdünnen Faden. Nur durch die Bewegung war das Licht eines der vier Monde am Himmel auf den Faden gekommen und hatte sich in ihm reflektiert. Schon fühlte sich Thalaya sicherer. Sie waren doch nicht so unvorsichtig. Aber sie erkannte auf den ersten Blick, dass hier kein wertvoller Gegenstand gelagert wurde. Es gab weder Bilder noch Schränke hinter denen sich Tresore und versteckte Fächer verbergen konnten. So ging Thalaya wieder hinaus. Die anderen Räume waren verlassen, die jungen Herrschaften offenbar außer Haus. Thalaya fand nach langer Zeit dann endlich den Raum, den sie gesucht hatte. Eine kleine Besenkammer, mehr war es nicht. Und als sie hineintrat, schloss sich die Tür mit einem deutlich vernehmbaren „Klick“ und Thalaya war in dem Raum eingeschlossen. Was war passiert? Sie war sich sehr sicher, dass sie keinen Trittschalter und auch keine Lichtschranke ausgelöst hatte. Wieso also war die Tür ins Schloss gefallen? Thalaya zog sofort ihre Waffen. Dann hörte sie von draußen Geräusche. Stimmen, mehrere. Schritte. Thalaya wurde bange. So viele. Das würden so viele werden. Thalaya machte sich bereit. Wenn sie jetzt starb, dann war es der Wille des Gottimperators. Wenn sie das überlebte, hatte sie ihm viel zu danken. Thalaya wartete.

Dann vernahm sie Worte und sie erkannte eine Stimme. Eine Stimme, die ihr so vertraut war, dass sie beinahe vor Freude jubiliert hätte, wenn sie nicht direkt darauf die Worte wirklich verstanden hätte.

„Habt ihr sie? Wurde ja auch Zeit. Ich werde sie selbst erledigen. Ihr Blut gehört Khorne!“

Alderics Stimme war so anders, so fremd, so kalt geworden, und sein Lachen barg nichts mehr von der Wärme ihres Freundes. Und was hatte er da gesagt? Er hatte diesen Hinterhalt mit zu verantworten? Er wollte sie töten, sie sogar opfern? Aber warum? Thalaya betete kurz. Und dann überlegte sie fieberhaft. Sie konnte sich hier nicht verbergen, dazu war der Raum zu klein. Sie nahm den Gegenstand, dessentwegen sie hierhergekommen war und atmete dreimal tief durch. Sie hatte nur eine Chance. Sie musste schneller sein, als alle anderen da draußen. Die Worte die Alderic draußen sprach, nahm sie nicht mehr wahr. Sie war auf ihre Aufgabe konzentriert. Und das war ihr Vorteil, denn während sich Alderic auf Khorne und vor allem auf seine Schergen verließ, verließ sich Thalaya nur auf sich selbst. Als die Tür sich öffnete, war Thalaya bereit und sie schnellte vor. Sie erwischte den Wachmann völlig überraschend und er hatte noch nicht einmal mehr Zeit, sich zu wundern, da sank er schon tot zu Boden. Doch Thalaya hielt nicht inne. Noch ehe sie wirklich wussten, was da geschah, waren die meisten der Wachleute schon tot. Am Ende sah sie nur noch einen der Wachmänner. Wo war Alderic hin? Nun, zuerst das drängendste. Sie hob die Klinge zum Angriff, als sie einen starken Schmerz in der Seite spürte. Doch ihre Bewegungsenergie reichte noch, den Wachmann zu töten. Dann drehte sie sich um und sah Alderic. Er grinste sie an. Er trug Zeichen auf seiner Kleidung, die Thalaya den puren Schauder über den Rücken jagten. Sie drehte sich ihm ganz zu. Sie war bereit. Doch die Wunde in ihrer Seite würde sie stark behindern.

* * *
Sie kämpften. Mit der Verletzung aus dem Hinterhalt war sie so stark beeinträchtigt, dass sie gegenüber Alderic im Nachteil war. Sein Grinsen wurde nur noch breiter. Schließlich gelang ihm noch ein weiterer gezielter Treffer. Diesmal in den rechten Arm Thalayas. Thalaya verlor jegliches Gefühl. Die Waffe entglitt ihren Fingern und Thalaya selbst ging zu Boden. Jetzt stand er über ihr.

„Na, kleine Thalaya, wo ist jetzt dein glorreicher Gottimperator? Wo ist er, um dich zu retten? Ja, er ist nicht da. Und jetzt wirst du sterben. Du wirst sterben und dein Blut wird meinen Meister, den wahren Meister, stärken!“

Thalaya selbst blieb still. Sie atmete schwer. Sie versuchte durch ihren Schmerz zu kommen, klar zu denken. Sie war nicht umsonst beidhändig. Und sie hatte noch eine zweite Waffe in der Hand. Ja. Sollte er doch weiterreden. Sie musste sich nur sammeln.

„Warum, Alderic? Warum? Du bist ein Kind des Gottimperators!“

„Warum? Und wie kommst du auf den Blödsinn, ich sei ein Kind dieses nutzlosen Leichnams da auf Terra, der auf seinem goldenen Thron vermodert! Die Macht gehört Khorne. Und ich werde mit seiner Hilfe, durch deinen Tod, den Tempel übernehmen. Er wird wieder das, was er war. Eine Akademie der wahren Künste. Eine Akademie Khornes!!!

Und weißt du, wie ich es machen werde? Ich werde ihnen das Artefakt bringen, das du in deiner kleinen Tasche da bei dir trägst. Und ich werde es ihnen bringen, beschmiert mit deinem Blut. Sie werden wissen, dass du gestorben bist, um deine Aufgabe zu erfüllen. Man wird mich verehren, weil ich überlebt habe, wo du gescheitert bist und man wird mich zum Nachfolger dieses Idioten Madison machen. Und dann herrsche ich und erfülle Khornes Willen!!!“


Diese wenigen Augenblicke reichten, dass sich Thalaya sammeln konnte. Sie nahm das Messer, das sie in der linken Hand fest umklammert hielt und mit einer fließenden Bewegung und vor allem mit einer Kraft, die man ihr in diesem Zustand nicht mehr zugetraut hätte, stach sie zu und traf. Sie wusste, sie hatte nur diese eine Chance. Sie musste ihn augenblicklich töten. Und es gelang ihr. Sie sah die Verwunderung in seinem Blick als sie vor ihm stand und er auf die Klinge in seiner Brust blickte. Dann, ohne einen weiteren Laut, glitt er von der Klinge. Tot. Thalaya weinte um ihn. Doch sie hatte keine Zeit. Diesen Tumult würde man bemerken und bald würden auch die Diener aufwachen um ihrer Morgenarbeit nachzugehen. Thalaya schlug den Aquilla und floh aus dem Haus. Kaum war sie draußen, als sie spürte, dass ihre Beine sie nicht mehr tragen wollten. Thalaya hielt sich an einer Hauswand fest und betete darum, dass der Imperator ihr helfen würde. Sie musste hier raus und sie musste nach Hause.

* * *
Thalaya erinnerte sich später nicht mehr daran, wie sie unentdeckt aus dem Nobelviertel entkommen war und wie sie die Hive-Etagen eine nach der anderen über sich ließ. Sie hatte nur ein Ziel. Und als sie kurz vor dem Eingang zum Tempel stand, gaben ihre Beine nach. Doch sie stürzte nicht zu Boden. Starke Hände fingen sie auf und trugen sie davon.

* * *
Als Thalaya erwachte, war es nur Schmerz, den sie fühlte. Alles tat weh und instinktiv wollte sie sich aufsetzen. Doch sie kippte zur Seite. Sie machte die Augen auf. Sie war in einem Krankenzimmer. Es kam ihr bekannt vor. Aber warum, konnte sie sich nicht aufsetzen? Sie blickte nach rechts. Und dort, wo ihr Arm einst gewesen war, war nichts. Thalaya stieß einen Schrei purer Verzweiflung aus. Sie brauchte diesen Arm doch. Wie sollte sie sonst kämpfen! Wie nur? Sie ignorierte nun den Schmerz. Sie rappelte sich hoch. Alles schwankte, als sie schließlich stand. Sie bekam unter dem Schmerz so schlecht Luft, aber es hielt sie nichts mehr hier. Es kümmerte sie auch nicht, dass sie nur ein einfaches Nachtkleid trug. Sie eilte oder besser schwanke und stolperte zum einzigen Ort, der ihr in den Sinn kam. Die unterirdische Kathedrale. Sie war verlassen. Thalaya wusste auch nicht, wie spät es war. Sie vermutete, dass es spät in der Nacht war. Es kümmerte sie nicht. Sie sank vor der Statue des Gottimperators nieder und gab sich dort ihrem Elend hin. Alles, was sie erlebt hatte, strömte wieder auf sie ein.

Wie lange sie so verharrte, konnte sie nicht sagen. Es kümmerte sie nicht. In diesem Moment war es ihr sogar egal, ob sie starb. Es war ihr alles egal.

* * *
Und wie es schon immer gewesen war, so war es auch jetzt. Meister Madison spürte, dass jemand in der Kathedrale ihn brauchte. Er stand auf und ging langsam dorthin. Und als er am Eingang stand, wunderte es ihn nicht, dass er Thalaya dort vorfand. Doch er war überrascht, dass sie so heftig zitterte. Erst dachte er, weil sie die Anstrengung hierhergekommen zu sein, wieder einmal überanstrengt hatte. Doch als er näher kam, wusste er, dass sie weinte. Dass sie, zum ersten Mal seit vielen vielen Jahren wieder Gefühle zugelassen hatte. Dass diese sich jetzt, in der Stunde ihrer Schwäche, Bahn brachen und Thalaya zu ertränken schienen. Und er fühlte sich hilflos. Er wusste damit nicht umzugehen. So stand er einfach nur da und dann ließ er sich leiten. Ging langsam auf Thalaya zu, kniete sich neben sie und im stillen Gebet war er neben ihr. War da. Aber nicht aufdringlich.

Schließlich drang seine Anwesenheit durch Thalayas Elend zu ihr durch. Sie blickte auf und sah Meister Madison neben ihr knien, er schien zu beten, doch in dem Moment, da sie selbst den Kopf hob und zu ihm hinüber blickte, hob auch er den Kopf. Und wie damals, als er sie aus dem Elend geholt hatte, warf sie sich auch diesmal in seine Arme und nun brachen wirklich alle Dämme. Und Meister Madison, der einfach nicht wusste, wie er damit umgehen sollte, spürte aber dennoch, dass es für Thalayas geistige Gesundheit wichtig war, dass sie jetzt weinen konnte. Sie würde stärker hervorgehen aus dieser Sache, aber nur, weil sie jetzt alles Elend, dass sie plagte ausweinen konnte. Es reinigte sie, wie ein Gewitter die Luft im Sommer. Es spülte das Gift in ihrem Herzen heraus.

Und als Thalaya schließlich langsam begann sich zu beruhigen, ließ sie doch nicht von Meister Madison ab. Sie konnte es nicht. Sie brauchte den Halt, noch. Es war wie das Klammern eines Ertrinkenden an einen Strohhalm.

* * *
Schließlich ließ sie los und blickte Meister Madison in die Augen. Ihre Augen waren tief, unergründlich. So wie immer. Nur die roten Ränder zeigten, dass sie geweint hatte. Sie hatte ihre Gefühle wieder im Griff. Er wusste, dass es in ihr immer noch tobte, aber nach außen war sie wieder ruhig, beherrscht, kalt. Aber ihn interessierte, was sie so aufgewühlt hatte. Sie hatten noch keine Zeit gehabt, über die Mission zu reden. Sie war seit ihrer Rückkehr nicht mehr bei Bewusstsein gewesen. Eine Woche lang hatte man um ihr Leben gerungen und jetzt war sie hier. Erst gestern hatte der Arzt leichte Hoffnung signalisiert, dass sie das überleben würde. Und offensichtlich hatte er Recht. Dieses Kind war zäh. Er musste sich selbst eingestehen, dass er es nicht erwartet hätte, dass sie diese Verletzungen überlebte. Und jetzt, wo er sie sich genauer ansah, wurde ihm bewusst, wie jung sie eigentlich noch war. 16, knappe 17. So jung und doch so unglaublich stark. Und dann sah er weiter zu ihr. Sah den fehlenden Arm, sah die straffe Bandage um ihre Taille. Daraufhin erhob er sich. Er half auch Thalaya hoch. Er wollte sie zurück in die Krankenstation bringen. Sie sollte sich ausruhen. Es war noch zu früh, sie auszufragen, was passiert war. Und wo Alderic geblieben war. Sie musste sich erst mal erholen. Doch Thalaya blieb wo sie war. Sie konnte nicht zurück in ihr Krankenbett, sich erholen und dann reden. Sie würde sich nicht erholen, wenn sie es nicht jetzt loswürde. Sie musste es jemandem erzählen. Jemandem, der stärker war als sie.

„Thalaya, kannst du nicht gehen? Soll ich den Tragen-Servitor holen, damit er dich in die Krankenstation bringen kann?“

Thalaya schüttelte nur den Kopf. Es lag etwas Flehendes in ihren Augen. Sie flehte ihn an, ihr die Last abzunehmen. Ohne Worte. Und Meister Madison begriff. Er nickte kurz.

„Wo möchtest du reden, Thalaya, und soll noch jemand dabei sein?“

Thalayas Augen sah man sofort an, dass ihr eine große Last von den Schultern fiel. Sie nickte und als sie sprach, war ihre Stimme zwar rau, denn sie hatte sie jetzt länger nicht benutzt, doch sie war kräftig und entschlossen.

„Im Garten. Und ... Pater Miroc ...“

Sie brauchte nicht mehr zu sagen. Meister Madison lächelte und nickte. Und kaum hatte sie die Worte gesagt, als auch schon ein ziemlich verschlafen wirkender Priester die Kathedrale betrat, einen Blick auf Thalaya und Madison warf und dann schief grinste.

„Der Gottimperator mit Euch, Meister Madison ... Thalaya“

Er schlug den Aquilla und beide erwiderten den Gruß.

„Pater, würdet Ihr uns bei einem wichtigen Gespräch Gesellschaft leisten?“,

fragte Madison

Der Pater nickte.

„Mein Schlaf wurde unterbrochen. Denn ich bekam das drängende Gefühl, dass meine Anwesenheit gebraucht würde. Also nehme ich an, dass es sich um dieses Gespräch handelt. In meinem Büro oder hier?“

„Im Garten, Pater“,

war Thalayas leise Stimme zu vernehmen.

Miroc nickte nur und dann verließen sie zu dritt die Kathedrale. Auf halbem Wege musste sich Thalaya dann doch auf Meister Madison stützen und war am Ende froh, als sie den Garten erreichten und sie sich setzen konnte. Und wie immer, wenn sie im Garten war, so geschah es auch diesmal, dass sie sich ruhig fühlte. Ihre Ängste wichen von ihr und sie atmete dreimal tief durch. Eine Weile schwieg sie und die beiden Männer sahen sie wissend an. Schließlich begann Thalaya zu erzählen und holte dabei den Gegenstand aus der Tasche, derentwegen sie zu der Mission aufgebrochen war.

„Alderic und ich hatten den Tag damit verbracht, das Gebäude noch einmal gründlich von außen zu betrachten. Wir wollten die äußerlichen Schwachstellen feststellen, damit wir ohne Komplikationen auf das Gelände kämen. Von dort aus würden unsere Vorsichtsmaßnahmen dann alles regeln. Ich dachte zumindest, dass Alderic sich auch darum kümmerte, aber ich lag offensichtlich falsch. Ich ... Nun ... es gelang mir in das Haus zu kommen und es kam mir seltsam vor, dass die Wachleute, die am Eingang des Lagerraums postiert waren, schliefen. Aber ich hatte nicht viel Zeit. Je schneller ich wieder heraus war, desto besser. Es lief alles wie geplant. Ich fand schließlich auch den Raum, in dem sich das Objekt, dessentwegen wir aufgebrochen waren, befand. Ich bin mir sehr sicher, dass ich keinen Trittschalter, keine Lichtschranke oder Stolperfalle ausgelöst habe, aber die Tür schloss sich trotzdem hinter mir und schloss mich in diesen Raum ein. Ich konnte mich in diesem Raum auch nirgendwo verbergen. Wenn man die Tür wieder öffnete, würde man mich sehen. Ich machte mich also bereit, mich aus diesem Schrank heraus zu kämpfen. Und dann hörte ich Stimmen und ich traute meinen Ohren nicht. Ich hörte Alderic. Ich dachte erst, er wäre gekommen, mich zu retten, doch ich lag falsch! Er hat uns und den Gottimperator verraten!“

Hier brach sie ab. Die Erinnerung schmerzte sie. Aber sie musste es erzählen. Und mittlerweile war an die Enttäuschung und den Schmerz auch etwas anderes getreten. Hass! Sie hasste nicht Alderic. Sie liebte ihn immer noch und trauerte ihm nach. Sie trauerte um ihn wie um einen Bruder. Sie hasste die Chaos- Dämonen. Sie hatten ihren Bruder fehlgeleitet. Sie hatten ihm eingeredet, sich vom Licht des Imperators abzuwenden. Es war nicht sein Fehler.

Und auf ihre Aussage hin, dass Alderic sie verraten hatte, sogen beide, Pater Miroc und Meister Madison, scharf die Luft ein, aber sie schwiegen. Sie wollten sie nicht drängen. Sie mussten sie in ihrem Tempo erzählen lassen.

„Er hatte diesen Hinterhalt gelegt. Vermutlich hatte er über Kameras jeden meiner Schritte verfolgt und als ich den Raum dann betrat, hat er über Fernsteuerung die Tür verschlossen. Er … Er ... Die Tür ging dann schließlich auf und ich war bereit. Ich dachte, ich würde sterben, aber ich wollte so viele von ihnen mitnehmen, wie ich konnte. Und es gelang mir, sie alle zu töten. Aber Alderic ist ein ausgebildeter
Assassine gewesen. Und er kannte meine Schwachstellen. Es gelang ihm, mich zu erwischen, als ich gerade den letzten der Wachmänner beseitigte.“


Dabei deutete sie auf die Wunde in ihrer Seite. Der Pater, der sie noch nicht gesehen hatte, seit sie zurück war, zog überrascht die Luft ein.

„Ich war im Nachteil, deutlich. Normal wäre er kein Problem gewesen, aber so ... ich konnte kaum mehr Luftholen, geschweige denn mich richtig bewegen. Und es kam, wie es kommen musste. Er hatte die Initiative und ich ... ich konnte nichts ausrichten. Er ... erwischte meinen Arm ... und ...“

Ihre Stimme versagte. Denn ihr wurde bewusst, dass es ein Mensch war, dem sie vertraut hatte, der dafür gesorgt hatte, dass sie vermutlich nie wieder würde kämpfen können. Meister Madison schwieg. Ihm ging einiges durch den Kopf. Doch Pater Mirco trat auf Thalaya zu und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Das gab ihr neue Kraft, so dass sie weiterreden konnte.

„Er lachte mich aus. Er fragte, wo der Gottimperator nun sei um mich zu retten. Und ... er ... er meinte, dass mein Blut seinen Meister stärken würde, den ... den wahren Meister ... er gab ihm auch einen Namen ... Ich ... ich kann ihn einfach nicht wiederholen ... es ... er klang wie ... „

„Du brauchst den Namen nicht zu nennen, wir wissen, wovon du sprichst ... Welch Frevel!“


Meister Madison hatte sein Schweigen gebrochen. Thalaya hatte ihn noch nie so wütend, so aufgebracht gesehen. Er strahlte eine Aura kalten Zorns aus und Thalaya wich instinktiv ein wenig zurück. Meister Madison bemerkte das und lächelte entschuldigend.

„Bitte verzeih, Thalaya. Ich wollte dich nicht verschrecken. Bitte berichte weiter.“

„Nun … Er wollte den Tempel übernehmen. Er glaubte, wenn er das Artefakt bringen würde, und berichten würde, dass ich gestorben sei, dann würde er Euer Nachfolger werden, Meister ... und dann könnte er den Tempel zu einem Hort von ... ihm machen.“


Thalaya schauderte nur bei dem Gedanken an das Gesicht Alderics. Und sie wagte nicht, zu Meister Madison zu schauen, aus Furcht, diese Wut zu sehen oder sie gar gegen sich selbst gerichtet zu wissen.

„Ich wusste, dass ich handeln musste. Aber ich hatte noch nie solche Schmerzen gehabt und ... und … mein rechter Arm ... ich konnte ihn nicht mehr gebrauchen. Ich wusste, ich würde nur eine einzige Chance haben, einen einzigen Streich. Und während Alderic von seinen Plänen sprach, triumphierend, sammelte ich, was ich noch an Kraft hatte. Ich kam auf die Füße und gleichzeitig stach ich zu. Es war, als ob ich in meinem Leben nie etwas anderes getan hätte und ich wusste, dass der Gottimperator meine Bewegung geführt hatte. Als ich traf, wusste ich, dass ich erfolgreich war. Alderic hatte kaum Zeit, verwundert zu blicken, als er schon tot von meiner Klinge glitt. Ich wünschte, ich hätte noch etwas für ihn tun können, aber ich hatte keine Zeit, ich musste aus dem Haus raus, bevor man das Massaker entdeckte und mich dazu.“

Thalaya hörte hier auf zu erzählen. Sie hatte keine Kraft mehr. Sie erinnerte sich an Alderics Gesicht und wusste, dass sie das Einzige getan hatte, was sie tun konnte. Jetzt lag es am Imperator, sich seiner Seele anzunehmen und sie hoffte, dass er gnädig sein würde. Sie liebte Alderic noch immer wie einen Bruder. Aber sie wusste auch, dass sie nie mehr in der Lage sein würde, zu vertrauen. Sie konnte treu und loyal sein, aber vertrauen konnte sie nicht mehr. Nur Meister Madison. Denn sie wusste, dass der Verrat und vor allem die Korruption selbst in den Seelen verborgen sein konnten, die nach außen hin die reinsten zu sein schienen. Sie hatte es schmerzhaft am eigenen Leib erfahren müssen.

Und obwohl Thalaya jetzt nichts sehnlicher wollte, als zu weinen und sich in dem Elend aufzulösen, hatte sie keine einzige Träne übrig. Wieder schloss sie alles in sich ein, hob es auf, um es dann eines Tages in den Gerechten Zorn des Imperators umwandeln zu können. Und eine Zeit verging, in der keiner der drei etwas sagte. Schließlich aber stand Meister Madison auf, ging hinüber zu Thalaya und kniete sich vor sie hin, damit er ihr in die Augen blicken konnte. Seine Gesichtszüge waren kontrolliert wie immer, doch in seiner Stimme lag etwas wie Bedauern.

„Ich bin dem Gottimperator jeden Tag seit deinem Eintritt in diesen Tempel dankbar, dass er dich zu uns geführt hat. Deine Stärke hast du vor vier Tagen erneut bewiesen, angesichts der Gefahr und des fast sicheren Todes. Mit Bedauern muss ich feststellen, dass dein Weg dich von uns fortführen wird.“

„Aber Meister Madison! Ich möchte nicht von hier fort. Ich gehöre hierher. Das ist meine Heimat!“


Thalaya war aufgesprungen. Der Schreck stand ihr in den Augen, auch die Verzweiflung. Warum wollte Meister Madison sie fortschicken?

„Beruhige dich, Thalaya. Ich weiß, dass du hierher gehörst, aber dir wird eine größere Ehre zuteil. Die Inquisition ist auf dich aufmerksam geworden. Sie wollen dich rekrutieren.“

Jetzt war Thalaya still, geschockt, überrascht von der Nachricht.

„Ich? Sie wollen mich? Aber ...“

Was hätte sie da sagen sollen? Sie wusste, dass es eine große Ehre war. Sie hatte selbst immer davon geträumt, dass man sie auswählen würde. Und doch, jetzt, wo der Moment gekommen war, wäre sie lieber unentdeckt geblieben. Und das sah man ihr auch an.

„Wann ...?“

„Wenn du dich erholt hast. Nicht nur körperlich. Du hast Zeit. Aber nicht zu viel. Ich möchte dir jedoch noch eines sagen: Du wirst hier immer deine Heimat haben. Und du wirst hier immer willkommen sein. Du bist ein Kind dieses Tempels und das wird sich nicht ändern. Solange du dem Weg des Gottimperators folgst.“


Thalaya stand einen Augenblick nur stumm da, dann gab sie in Gegenwart ihres Mentors und ihres Priesters dem Impuls nach und warf sich Madison in die Arme. Dort gab sie den Tränen nach. Meister Madison war froh, dass sie ihn nicht sah, denn auch bei ihm bahnte sich eine einzelne Träne den Weg seine Wange hinunter.

Pater Miroc sprach einen Segen über die beiden. Und blieb dann schweigend stehen. Erst als Thalayas Erschöpfung sich Bahn brach, rührte sich Meister Madison und bedeutete dem Priester ihm zu helfen, Thalaya zurück in die Krankenstation zu begleiten.

* * *
So verging die Zeit. Auf Geheiß von Thalayas neuem Arbeitgeber wurde ihr ein bionischer Arm gesponsert. Thalaya musste sich von diesem schweren Eingriff lange erholen, und auch brauchte es einige Zeit, bis sie sich an den neuen Arm gewöhnt und ihr Kampfgeschick zurückgewonnen hatte.

* * *
Schließlich kam der Tag ihrer Abreise. Thalaya hatte den letzten Tag und die letzte Nacht fastend in der Kathedrale verbracht. Ihre Sachen waren gepackt und Thalaya war Meister Madison dankbar, dass er entschieden hatte, dass ihr Zimmer frei bleiben sollte für den Tag, an dem sie zurückkam.

Wie schon am Tag ihrer Weiheprüfung und am Tag ihres ersten Auftrages, war der gesamte Tempel anwesend, um sich von Thalaya zu verabschieden. Thalaya hörte die Glückwünsche und Abschiedsgrüße, aber sie drangen zu ihr nur wie durch einen dichten Nebel. Thalaya hatte die Gefühle ausgeschaltet, sonst würde sie dem Drang nachgeben und weinend zusammenbrechen. Aber sie blieb stark und ging erhobenen Hauptes aus dem Tempel. Als sie am Eingang stand, drehte sie sich noch ein letztes Mal um. Nur Meister Madison war ihr bis nach oben gefolgt.

„Der Gottimperator mit dir, mein Kind!“

Und er schlug den Aquilla und Thalaya erwiderte den Gruß schweigend. Und als sie die Tränen in den Augen stechen spürte, drehte sie sich um, wandte sich ab und ging. Sie ging einer ungewissen Zukunft entgegen. Wieder einmal musste sie alles aufgeben, was sie war und kannte und liebte und einer ungewissen, gefährlichen Zukunft entgegen gehen. Der Imperator prüfte sie erneut und sie würde auch dieses Mal wieder die Prüfung bestehen oder bei dem Versuch sterben.

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