Der geistige Tod der Mutter

Gleichnis zum Thema Tod

von  pentz

Ihr Sohn hatte sich oft Wochen nicht gerührt, während deren er erprobte und sich vor Augen führen konnte, dass er lange Zeit auch ohne sie zu vermissen vor sich hinleben konnte. Und nur um sich zu bestätigen und sagen zu können: „Es geht doch“ und „Siehst, es geht doch auch ohne sie.“
Doch kehrte er wieder zu ihr zurück, besonders nach einem Waldspaziergang. Lag es an den Kiefern, die er in der Kindheit und Jugend hatte absäbeln, abschälen und zuschneiden müssen? Heute, wenn sie geschält wie Bananen in den Wäldern herumlagen, rochen sie nach dem, was vergangen war.
Jedenfalls rührte ihn etwas an. Er zieh sich, eitel und kleinherzig zu sein, sich doch nicht zu melden, wo sie einem Alter war, wo bei sie ihn jetzt brauchte. Sie rief ja oft genug nach ihm.
Der Wald starb, der Mensch starb, damit war es vorbei.
Doch, dass er es lange Zeit ohne sie hatte aushalten können, viele Wochen, erfüllte ihn mit Stolz. Hagestolz, Du, schallt er sich gleichzeitig.

Als sie jedoch nicht mehr war, war es doch anders. Er vermisste sie! Für manche Sachen konnte man sich nicht vorbereiten oder besser gesagt, auf manche Ereignisse nicht, nicht trainieren, nicht rüsten, nicht einstellen. Für den Tod seiner Mutter eben auch nicht.
Und bei diesen Vorkommnis ist man so überrascht, wie es auf einem einwirkt, sich niederschlagt, beutelt und aus dem Geleise katapultiert. Gleich dem Vogel, dessen Gesang einem so betörte, dass man sich trotz aller Tierliebe hat dazu hinreißen lassen, ihn einzufangen und in einen Käfig zu sperren, einfach nicht mehr so lieblich und betörend tiriliert, trillert und pfeifen will. Irgendetwas hat sich brüchlich und unwiderbringlich verändert.
Der Vogel singt nicht mehr so schön.

Aber der Tod trat schon früher ein.
Die letzten Jahre war oft genug von ihren Abwehrversuchen bestimmt, eskalierend in einem Streit, nicht von ihm gezeichnet werden zu wollen.
Es war die Scheu um das Alter.
Verstand er das doch gar nicht.
Gab es doch so beeindruckende Portraitszeichnungen und –malereien von insbesondere Van Gogh, von mittelelterlichen Malern wie Lucas Cranach und Wer-weiß-sie-nicht-alle-aufzuzählen? Die ältere Damen, Patrizierfrauen, auch Königinnen und Prinzessinnen waren liebevoll detailliert bis in die tiefste Furche der kleinsten, unscheinbarsten Falten hinein gezeichnet und gemalt worden. Aber nein, es widerstrebte ihr aufs äußerste, abgebildet zu werden. Diese starke Person, aber doch Frau, haderte unerwartet stark mit ihrem Älterwerden, so entgegengesetzt ihrem ehemals starken Charakter.
So kannte er sie gar nicht.
Außerdem romantisierte er gewiss auch den Akt des Zeichnens selbst. Er dachte, wie gut es ihr täte, müsse sie ruhig und bedächtig dreinblickend dasitzen, während er sich in jede nur verzweigteste Gesichtlinie vertiefte, sie nachempfand und schließlich auf Papier naturgetreu und echt kopierte. Dies Stillsitzen war sowohl für Zeichner als auch Gezeichnete - vor allem an diese dachte er ganz selbstlos, deren wespengleiche Nervosität therapierend en passant – eine Wohltat des zur Ruhekommens, oder nicht?
Sie war jedoch nicht ansatzweise zum Ruhigdasitzen zu bewegen, zu bringen und zu überzeugen.
Dies misslang ihm gründlich.

copyright @ werner pentz

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