Der Kampf mit der Psychoanalyse

Satire

von  tastifix

Ich sollte eine Rede über Psychologie halten und wälzte sämtliche mir zur Verfügung stehenden Wälzer. Mir sprangen Über-Ich, Unbewusstes und Bewusstsein an. Genervt erinnerte ich mich der Diskussionen im Pädagogik-Unterricht vor bald fünfzig Jahren. Welche Gedanken und Aktionen wurden von woher gesteuert, was nur war das Über-Ich, wenn nicht gar eine verrückte Erfindung, um uns Laien noch mehr zu verwirren als wir es ohnehin schon waren? Zweifel ergriffen mich. Wie hätte ich mich selbst einzuschätzen, würde sich etwa herausstellen, dass all meine Überlegungen und die nachfolgenden Aktivitäten völlig gegen die geltenden Psychologie-Erkenntnisse liefen? Alles Quatsch! Energisch schnappte sich mein Unterbewusstsein das Bewusstsein, welches sich dann zur Sicherheit ans Über-Ego klammerte oder pflichtbewusst - auch umgekehrt. Gemeinsam spornten sie meinen guten Willen an, eine wirklich gelungene Rede zu halten. Ehrgeiz meldete sich. Dermaßen motiviert zog ich zur Schule und nach salbungsvoller Begrüßung durch den Direktor zum Rednerpult. Sogar ein Mikrophon stand zur Verfügung, was mich sehr beruhigte und gleichzeitig extrem beunruhigte. Es vermittelte eine relative Sicherheit, weil ich sicher sein durfte, dass meine leise Stimme auch die letzten Stuhlreihen in der Aula erreichen würde. Genauso aber ließ mich sein Anblick heftig schlottern. Ein einziges falsch gewähltes Wort und aus mir Psychologin würde ein erbärmliches Nichts, preisgegeben der erbarmungslosen Verachtung des ja bestens vor informierten Publikums. In meiner Vorstellung stand ich bereits nach schlimmer Blamage im Arbeitsamt in der langen Schlange vor einem der heiligen Büros und flehte um Gnade sowie einen neuen Arbeitsplatz. Geschockt verweigerten Unterbewusstsein, Bewusstsein und Über-Ich beinahe den Dienst und ich starrte nur noch dümmlich herum. Na ja: Wenigstens wäre mir die Peinlichkeit der Situation dann kaum mehr bewusst.
Ich musterte meine Zuhörer, die bereits ungeduldig leise mit den Füßen übers Parkett scharrten. Laut geziemte sich das nicht, was deren Unterbewusstsein ihrem Bewusstsein noch rechtzeitig klar gemacht hatte. Ernster Miene räusperte ich mich:
„Sehr verehrten Damen und Herren!"
Diese Worte hatte mein Unterbewusstsein meinem bibbernden Bewusstsein mit auf den Redeweg gegeben.
„Die Psychologie!", fuhr ich fort, bereits etwas psychologisches Land gewinnend, „ist heute bei der Erkennung seelischer Probleme eine große Hilfe. Sie findet für alle Möglichkeiten und noch öfter für alle Unmöglichkeiten garantiert die richtige Ursache, sei es in der Kindheit oder gar vor der Geburt des Betreffenden, ohne jene dann noch begründen zu müssen."
Kritisch schaute ich aufs Publikum. Ging ich zu wissenschaftlich vor? Zum Teil aufgesetzt verstehende Mienen, auch zustimmendes Gemurmel und tatsächlich hier und dort ein schüchternes Lachen. Dieses aber brachte so manches andere Unterbewusstsein auf die Palme. Es katapultierte die aufkommender Wut ins betreffende Bewusstsein, was empörte Blicke in Richtung des Lachers zur Folge hatte. Der schämte sich in Grund und Boden und verhielt sich von dann an mucksmäuschenstill, bediente sich also zwecks Wahrung des Seelenfriedens heimlich einer allgemein bekannten und massenhaft genutzten psychologischen Taktik.
„Noch vermögen sie zu folgen! Das gilt es auszunutzen!“
Und so ließ ich eine regelrechte Worttirade folgen und stellte zufrieden fest, dass das Publikum ein ständig größeres Interesse zeigte.
„Was kann ich denen noch zumuten?“
Inzwischen war ich dermaßen in Fahrt geraten, dass ich mich nicht mehr zu bremsen vermochte. Trotzdem lauschten alle noch gebannt.   
„Sie kennen ´Freud`, der in der Psychoanalyse vieles auf sehr einleuchtende Weise begreiflich gemacht hat.“
Nach dieser bedeutenden Einführung machte ich eine unbedeutende Pause, um wirklich soviel an Konzentration beziehungsweise des dafür erforderlichen Willens herauszufordern. 
„Die Basis der Psychoanalyse stellt das Unbewusste dar, dessen Einführung in die Psychologie geradezu einer Entdeckung gleichkam.“
Leider erlitten nun viele Zuhörer sichtbare Bewusstseinsschwächen, gaben eindeutig die geistigen Bemühungen auf und sich frustriert einem hoffentlich unbeobachteten Nickerchen hin. Betont forsch erklärte ich dem restlichen Publikum die tiefsten psychologischen Geheimnisse:
„Alles Erleben und Verhalten bezieht sich nach der Theorie der Psychoanalyse stets insofern auf die Realität, als das ´Ich` zwischen den Triebansprüchen des unbewussten´Es`,den im ´Über-Ich` individuell ausgebildeten Gewissensforderungen und den augenblicklichen Gegebenheiten der Realität vermittelt usw. ... !“ (Zitat)
Stille herrschte im Saal. Das Bewusstsein des Publikums arbeitete auf Hochtouren, ließ sich dabei vom Unterbewusstsein und auch vom Über-Ich zur Seite stehen, um sich jene gewichtigen Erklärungen wirklich bewusst zu machen und sie beinahe unbewusst sogar im Gedächtnis zu speichern. Über den Köpfen bildeten sich Rauchschwaden, die vom intensiven Nachdenken zeugten und kurz darauf bildete ich mir ein, als Folge des nunmehr wegen der Anstrengung unvermeidbaren Gehirnbrandes erste stiebende Funken zu sehen. Der endlich löste die Spannung im Saal und erneute Bewegung unter den Zuhörern aus. Aufspringend feierte mich jemand mit ´Standing Ovations`:
„Ein brennend interessantes Thema!“
Die bewusst gewollte Denkpause derjenigen, die nicht mehr gewillt gewesen waren, noch länger mitzudenken, fand ihr Ende. Sie schreckten auf und setzten fix, vom unbewussten ´Es` sehr ausdrücklich unterstützt, betont wissende Mienen auf. Um nichts in der Welt hätten sie in dieser erlauchten Gesellschaft zugegeben, dass rein gar nichts von dem, was referiert worden war, ihr Bewusstsein erreicht hatte. Doch mir war klar, dass dem so war und ich erklärte alles aufs Neue, diesmal bewusst im Stil für Unwissende:
„Also, Ihr ´Es` treibt Sie, auf dem Markt eine Banane zu klauen. Ihr Über-Ich meckert dagegen an. Gewissensbisse sind lästig. Genervt verdrängen Sie sie und mopsen das verführerische Obst trotzdem, weil Sie es nämlich unbedingt haben wollen!“
Befreites Lachen, dröhnender Applaus. Gut nur, dass diese Erklärung Sigmund Freud niemals zu Ohren kommen würde ...

Kommentare zu diesem Text


 LotharAtzert (11.07.20)
Wer weiß, vielleicht hat Herr Freud sogar mitgelesen. Aber das hieße dann, daß er im Jenseits endlich C.G Jungs Archetypenlehre verstanden hätte. Das wird sicher nicht passiert sein


LG Lothar

 DanceWith1Life meinte dazu am 11.07.20:
Unterschätze ihn nicht, immerhin war er um Antworten bemüht, und hat mitgeholfen, dass es so etwas wie Psychologie überhaupt geben kann.
p.s.
mein Lieblingsspruch zu dem Thema war immer;
reichlich freudlos

 Thomas-Wiefelhaus (06.01.21)
Erinnert mich an eine Fernsehsendung, in der ein junger Mann vor ausgesuchtem Publikum eine aus der Luft gegriffene "wissenschaftliche" Rede hielt und keiner hast gemerkt.

 tastifix antwortete darauf am 15.09.21:
Lach!

Die kenne ich gar nicht!
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