Das Sturmtief und ich

Anekdote zum Thema Mensch und Natur

von  tastifix

Die Menschen waren gewarnt worden, besser daheim zu bleiben.

Sturm wütete über Deutschland und entfaltete mit 88 km/h eine erschreckende Kraft. Selbst dicke Bäume wurden Opfer des furchterregenden Naturschauspiels. Entwurzelt stürzten sie zu Boden oder krachten auf parkende Wagen. Fernreisen der Züge fielen aus und manche Autobahnen waren gesperrt.

Es wurde ständig unheimlicher. Es goss wie aus Eimern, der Regen peitschte gegen meine großen Dachfenster. Zunächst klapperten die Rolläden nur leise, bald lauter und dann schien es mir, als ob sie jeden Moment weggerissen werden sollten. In meiner Vorstellung flogen bereits sämtliche Gartenkübel durch die Gegend und die beiden hohen Palmen auf dem Balkon reisten unfreiwilligerweise kreuz und quer durch die dunklen Wolken über unseren Stadtteil hinweg.

Nein, bevor es gar dazu käme, musste etwas geschehen. In meinem Kopf spukte eine Idee: Mir fiel nämlich auf, dass das Sturmtief, bevor es danach dann noch tiefer wurde, eine kurze Energie-hol-Pause einlegte, während derer eine total eingeschüchterte Sonne scheue blasse Strahlen zur Erde schickte. Die Arme! Sie erlag binnen weniger Minuten jener Anstrengung und wurde wieder von einer weiteren heran rasenden schwarzen Wolkenfront verdrängt. Doch genau jene Minuten wollte ich nutzen. Ich würde das Sturmtief bekämpfen. 

Ich streifte mir Regenkleidung über, der Schirm aber blieb im Haus. Er hätte den geplanten Racheakt nicht heil überstanden und des wollte ich dem treuen Gesellen nicht antun. So gewandet, an den Beinen mit extra hohen Regenstiefeln versehen, tappte ich also auf den grünen Gartenteppich, der eher grau-matschig wirkte und zudem reichlich zerzaust.
´Den jetzt bürsten  … Nee, das mach ich später!`

Mein Anblick versetzte dem Sturmtief einen Schock. Entsetzt verlor es bereits einen gewichtigen Teil seiner Energie und hielt für einen Moment inne, gerade lange genug, dass ich in meiner Regenkleiderritterrüstung zum Angriff übergeben konnte. An mir zerrte ja in dem Augenblick nichts herum oder brachte mich gar aus dem Gleichgewicht. Ich holte Luft, so sehr wie noch nie in meinem Leben und pustete ... 

Leider überwand es seinen Schrecken deswegen recht fix und bemühte sich verzweifelt, mir aufbrausend mit der ihm verbliebenen Restenergie mein aufkommendes Siegesgefühl zu vergällen. Aber jene richtete nicht mehr viel aus. Ich blies all die schwarzen Wolken, die noch immer bedrohlich am Himmel dahin jagten, hinweg. Entsetzt registrierte das ständig schwächer werdende Sturmtief, dass ihm zudem selbst seine zweitwichtigste Waffe im Krieg gegen den aufkommenden Frühling genommen war. Diesmal erwies sich der Schock darüber als dermaßen tötlich, dass ihm das Pusten mehr und mehr verging.

Vergnügt stand ich dort, ein kleines Menschlein, blies noch ein letztes Mal und fegte das Unwetter endgültig fort. Der Sturm war weg, es herrschte wieder eitel Sonnenschein.

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