Staub

Kurzprosa zum Thema Erinnerung

von  Quoth

An der Chaussee stehen Linden, und dort unten, wo sie eine Kurve macht, sind sie mit metergroßen weißen Rechtecken bemalt, die Autofahrer, besonders wenn es dunkel ist, warnen sollen: Hier stehen welche, die stärker sind als du in deiner rasenden Blechschachtel! Aber jetzt scheint die Sonne hell in die Staubwolken, die von links über die Straße rollen, ja, sie rollen regelrecht, so dicht sind sie, und das passt zu dem donnernden Rumoren, das von den unsichtbaren Feldern kommt. Nun, was und wer da rumort, weiß jeder, seit sie Thiels Gasthof abgerissen haben, weil er im Weg war für das Üben der stählernen Kolosse, die auch, wie ich einmal sah, die Oxbek durchfahren, am einen Ufer scheinen sie hineinzurutschen, am anderen krauchen sie unbeirrbar wieder empor … Das Bauernfrühstück im Thiel war eine Wucht mit zentimeterdicker Schinkenscheibe und drei Spiegeleiern, nur die Kartoffeln waren meist etwas verbrannt, und der Freund, mit dem ich mich dort mehrfach traf, nimmt mir heute noch übel, dass ich ihn nur sehen wollte, um mehr von seinem Bruder zu erfahren, du erinnerst dich doch an Robert, diesen charmantesten und lustigsten aller Säufer und Weltenbummler, auf Java ist er verschütt gegangen und seine Frau, die Teppichknüpferin in Oslo, ribbelt heute noch wöchentlich ihre Teppiche wieder auf, um sie erneut knüpfen zu können, sie wird die Hoffnung auf seine Rückkehr mit in den Tod nehmen.

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Kommentare zu diesem Text


 BeBa (02.10.21)
Hallo Quoth,

mich packt der Text. Und doch verstehe ich ihn bzw. die Hintergründe nicht. Mit der Oxbek kann ich etwas anfangen. Sind die stählernen Kolosse Panzer auf Übungsfahrt? Und ich verstehe nicht, wie der erste Teil mit den weißen Warnrechtecken zum übrigen Text passt.
Besonders gepackt haben mich am Text diese Erinnerungen ans Thiel. Diesen letzten Teil bis zu seinem Ende finde ich extrem gut geschrieben.

Sorry für mein teilweises Unverständnis.

 Quoth meinte dazu am 03.10.21:
Hallo BeBa, freue mich, dass der Text bei Dir zum Teil gut angekommen ist. Es ist eine Montage aus verschiedenen Erinnerungen, die sich assoziativ in mir verknüpften, aber die "Nähte" zwischen den einzelnen Stoffstücken sind zum Teil sichbar geblieben. In einer solchen Kurzform fallen die Hintergründe weitgehend weg. Mich erinnern Chausseebäume mit weißen Warnschürzen an die Kindheitswelt (Natur stärker als Technik), in die dann die Wirklichkeit (Technik stärker als Natur) einbricht ...
Gruß Quoth
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