Thams & Garfs

Kurzprosa zum Thema Vergangenheit

von  Quoth

War dieser Trümmerhaufen meine Heimatstadt? Ich konnte es nicht fassen. Wir hatten doch keine Luftangriffe gehabt! Und hier standen nun die Häuser wie leere Schachteln herum, mit fensterlosen viereckigen Öffnungen, durch die man in Zimmer sah, von deren Wänden noch Tapetenfetzen hingen, ja, die Tapeten waren gestreift oder geblümt, auch das war zu erkennen. Diesen Ort, an dem ich ein glückliches Kind gewesen war, so wiederzusehen, erschütterte mich. Hier war Martha meine erste Kinderliebe gewesen, die rothaarige, wildgelockte Martha, die mich umsorgt und umhegt hatte wie eine Glucke ihr Küken, die mir das Leben gerettet hatte, als der Elektroofen umgefallen war, nur „du alter Schlingel!“ hatte sie zu mir gesagt. Hier hatte ich mit ihr in das Schaufenster geschaut, in dem reglos ein Mann aus Pappmaché stand, der eine Prinz-Heinrich-Mütze trug. Er hielt einen Sackkarren mit Sack, und auf dem Sack war ein Mann mit Sackkarren und Sack abgebildet, und auf dem Sack … Es war ein Blick in die Unendlichkeit, wie ich ihn auch tat, wenn ich einen Spiegel vor einen Spiegel hielt … Nein, diese Ruinen waren eine Projektion von Ruinenlandschaften z.B. von Dresden oder Köln, in oder über den Ort, an dem ich klein gewesen war. Ich ging weiter und kam an einen Markt. Und da stand doch wahrhaftig der Mann mit dem Sackkarren noch immer im Schaufenster, die Scheibe war zersplittert und herausgefallen, aber der Mann lächelte sein freundlich einladendes Lächeln und trug die Prinz-Heinrich-Mütze wie ein durchgesalzener Hanseat … Aber hatte Thams & Garfs nicht Hunderte von Filialen in Deutschland? Ich ging weiter in Richtung Bahnhof, da hörte ich plötzlich aus dem Keller eines in Trümmern liegenden Hauses eine Stimme: „Kalli, bist du es? Geh nicht vorbei, alter Schlingel – erkennst du Martha nicht? Die dir einst das Leben rettete, als du den Elektroofen umgeschmissen hast?“ Aber ich erkannte sie nicht wieder. Ihr Gesicht war schwarz verbrannt wie das von Lehrer Lämpel nach der Explosion seiner Pfeife:

Nase, Hand, Gesicht und Ohren
Sind so schwarz als wie die Mohren,
Und des Haares letzter Schopf
Ist verbrannt bis auf den Kopf.

Nein, das will ich nicht sehen – diese blinden Triefaugen – und wo waren die wilden roten Locken? Entsetzen packte mich, zugleich aber war ich tief dankbar. Endlich hatte die Wahrheit sich mir enthüllt.



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Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (24.01.22, 17:50)
Für mich ist das ein träumerischer Spaziergang in die Jugend. Der Verfall der Häuser, das unwirkliche Gesicht von Martha. Traum und doch Wirklichkeit. Eine Reise in der Zeit.

Spannend geschrieben lieber Quoth.

Ein Lächeln
Alma Marie

 Quoth meinte dazu am 24.01.22 um 21:58:
Vielen Dank, liebe AlmaMarieSchneider, für Empfehlung, Lieblingstext und Kommentar. Ja, zu solchen Spaziergängen hast Du mich ja förmlich ermutigt! Gruß Quoth

 Dieter_Rotmund (24.01.22, 18:55)
Eindrucksvoll formuliert, für meine Geschmack aber etwas zu arg theatralisch.

 Quoth antwortete darauf am 25.01.22 um 08:21:
Es stimmt, das Busch-Zitat ist eine Maske für Schlimmeres. Aber manches wird durch Maskierung erträglicher ... Danke für Kommentar ohne Empfehlung. Meistens ist es hier umgekehrt. Gruß Quoth

 Willibald (24.01.22, 19:15)

 Quoth schrieb daraufhin am 24.01.22 um 21:51:
Vielen Dank, Willibald. Ich überlegte schon, wie ich den zeigen könnte ...

 Lluviagata (25.01.22, 07:42)
Lieber Quoth,

Träume, die von einer Zeit erzählen, einer grausamen Zeit, deren Zeugen langsam, aber sicher verblassen. Deine Träume aufzuschreiben halte ich für ein wichtiges Vorhaben. Nur so können wir uns erinnern, auch wenn wir nicht dabei waren.
Ich darf Dir Max Seydewitz' "Zerstörung und Wiederaufbau von Dresden", Kongress Verlag Berlin 1955 empfehlen. An dieses Buch erinnert ich mich sofort, als ich Deinen Text las. Als ich Kind war, hat mein Vater es vor mir versteckt. Ich habe es dennoch gelesen und bange die enthaltenen Fotos angeschaut - immer und immer wieder. Mein Vater liebte Dresden und er hat den Feuersturm überlebt. Ob er davon geträumt hat? Mit Sicherheit!

Ganz sehr gefällt mir unter anderem der "durchgesalzene Hanseat!

Liebe Grüße
Llu ♥

 Quoth äußerte darauf am 25.01.22 um 11:27:
Liebe Lluviagata, es ist die Ukraine-Krise, die solche Erinnerungen aus dem Schlaf weckt. Vielen Dank für Kommentar und Hinweis auf das Buch von Seydewitz. Der Titel ist, glaube ich, "Die unbesiegbare Stadt", mal schauen, wo ich es finde. Herzlich grüßt Quoth
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