Brauchen wir die Atombombe?

Essay

von  Quoth

Die Atombombe ist ein sog. Phänomen, d.h. man kann über sie eine Meinung haben, ohne zu wissen, wie sie funktioniert. Mein Bruder hat mir was von zwei „kritischen“ Massen erzählt, die „zusammengeschossen“ werden, woraufhin eine „Kettenreaktion“ in Gang kommt, die dann die bekannten, zum Teil scheußlichen Wirkungen hat. All diese Fachausdrücke sagen mir wenig. Ich glaube, wenn ich das Funktionieren einer Atombombe richtig begriffe, ich würde erstarren vor Ehrfurcht. Wie hat Menschengeist etwas derart Geniales schaffen können? War es nicht ein Mann namens Otto Hahn, der zum ersten Mal eine Kernspaltung herbeigeführt, ausgelöst, beobachtet oder was immer hat? Ich glaube, die meisten, die gegen die Atombombe sind, wissen gar nicht, was für ein Wunder an Wissenschaft, an Präzision und Ausgeklügeltheit sie einfach so verdammen. Es ist wahr: Dieses Wunder kann nicht vorgeführt werden, ohne dass Pflanzen, Tiere und Menschen in Gefahr geraten oder gar umkommen. Aber in der Wüste oder auf dem Meer, geschützt durch meterdicken Beton und Stahl, möchte ich eine Atombombe für mein Leben gern einmal explodieren sehen. Ob Explodieren der richtige Ausdruck ist? Sollte man hier nicht vielleicht von Zerfallen oder Zersetzen reden? Nach Wochenschauaufnahmen, die ich gesehen habe, handelt es sich um ein majestätisches Schauspiel. Besonders bemerkenswert ist die edle Langsamkeit, mit der der Atompilz empor-, durch die Wolken hindurch- und ins All hinauswächst wie ein gigantischer Geist aus der Flasche. Wahrscheinlich wird man eine schwarze Brille tragen müssen, um seinen Anblick auszuhalten und nicht zu verbrennen wie weiland Semele, eine schöne Frau des alten Griechenland, die ihren Liebhaber Zeus unbedingt leibhaftig erblicken wollte. Ja, ich wage frech die Behauptung, dass die Menschheit dem alten Traum, ein Bild Gottes zu besitzen, mit dem Atompilz einen Schritt nähergekommen ist. Ähnlich furchtbar dürfte er sich ausnehmen, natürlich noch wiederum ganz anders. Wenn man mich nun fragt: Brauchen wir die Atombombe?, so antworte ich schon deshalb bedenkenlos mit Ja!, weil ich davon ausgehe, dass der Mensch alles braucht, was ihm zu schaffen möglich ist. Sollen wir auf das Bild und Kunstwerk des herrlich sich entfaltenden Pilzes verzichten, nur weil in Hiroshima und Nagasaki schmählicher Missbrauch damit getrieben wurde? Ist das nützliche Dynamit abgeschafft worden, nur weil es nicht nur im Bergbau, sondern auch gegen Menschen eingesetzt werden kann? Alfred Nobel, der das Dynamit bekanntlich erfunden hat, stiftete, um den Gefahren seines Vorhandenseins entgegenzuwirken, den Friedensnobelpreis, der freilich, das muss zugegeben werden, noch keinen Krieg verhindern konnte, während das Dynamit nicht untätig geblieben ist. Eine andere Frage: Warum schaffen wir die Autos nicht ab? Sie kosten uns einen jährlichen Blutzoll von Tausenden von Toten, Verletzten und Verstümmelten allein in der Bundesrepublik, ein alljährliches Cannae, das von den Zeitungen nur statistisch betrachtet wird. Glücklich, wer tot ist, wenn die Blechlawine über ihm zusammenschlägt! Neulich besuchte ich meine Cousine Schwanhild im Krankenhaus. Sie ist fröhlich und guter Dinge, obgleich ein in der Parktasche zurücksetzendes Auto ihr gerade beide Füße abgequetscht hat. Eine Kleinigkeit! Aber keiner redet davon, keiner redet auch von den Wunderwerken der Chirurgie. Einer der beiden Füße hing noch an einem Faden. Das genügte dem Oberschnipsler und Chefannäher unseres Krankenhauses, um ihn in stundenlanger Arbeit wieder dranzubasteln. Der Schrecken ist längst ein Bestandteil unseres Alltags, wir brauchen die Atombombe nicht, um das Fürchten zu lernen. Könnte nicht ein deftiger Atomschlag vielmehr die Erlösung von all den anderen Schrecken darstellen? Wäre nicht mancher Kranke in seiner einsamen Dachkammer entzückt, plötzlich und in Sekundenschnelle zerstrahlt zu werden, statt elend an Krebs dahinzusiechen? Ich weiß nicht, ob man es sich mit der Atombombe so leicht machen sollte, wie ihre Gegner es tun. Ich müsste jetzt auf die Sicherheits- und Kriegsfrage eingehen, aber davon verstehe ich zu wenig, um mir ein Urteil zu erlauben. Ich war drei Jahre alt, als ringsum die Städte zerbombt wurden und verbrannten; der Nachthimmel war rot, und stündlich dachten wir: Jetzt sind wir dran! War das nicht schlimm? Ist Krieg verhindert, wenn Atombomben fehlen? Und entwickeln nicht auch die konventionellen Sprengmittel sich in immer scheußlichere Dimensionen? Wenn aber die gewagte Rechnung aufgeht und allseitige Angst vor der Atombombe uns den Krieg erspart, dann hat sie ihre Göttlichkeit auf überraschende Art und Weise unter Beweis gestellt und die Wahrheit des Römerwortes bestätigt: "Si vis pacem, para bellum."




Anmerkung von Quoth:

Auch ein Aufsatzthema aus den 50er Jahren, für dessen Nachschaffung ich in mein damaliges Ich zurückgekrochen bin.

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Kommentare zu diesem Text

klausKuckuck (71)
(20.04.22, 02:21)
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 Quoth meinte dazu am 20.04.22 um 10:06:
Sicherlich nicht, aber ganz unmagisch ist die von Lawrow neulich verkündete Einsicht: "In einem Atomkrieg gibt es keinen Sieger." Danke für Empfehlung und Kommentar! Quoth

 AchterZwerg (20.04.22, 07:35)
Wozu neue Atombomben? Erst einmal die alten aufbrauchen!
Wozu Neutronenbomben? Erst einmal die alten aufbrauchen!
Wozu ...

Nachhaltige Grüße
der8.

 Quoth antwortete darauf am 20.04.22 um 10:10:
Was heißt "aufbrauchen"? Gerade das sollten sie sich gegenseitig verbieten ... Dank für Empfehlung und Kommentar! Quoth

 Augustus (20.04.22, 10:18)
Die Geister, die ich schuf, werde ich nicht mehr los. So verhält es sich mit den Atombomben. Wir bewundern die Zauberei, ohne die Konsequenzen zu bedenken; heißt, der Mensch denkt nie bis zum Ende nach. 
Abgesehen davon sind wir auf der Erde alle Lehrlinge. Die Christen können zumindest sagen, den einzigen Meister habe man ins Jenseits gejagt. Was bleibt ist ein Dschungel voller Lehrlinge, die sich als Meister betrachten. 

Abgesehen davon wird im Film „Teil 4 des Indiana Jones“ ein beeindruckender Atompilz gezeigt, während Indiana Jones ihn in der Wüste vom Erdboden aus aus sicherer Entfernung betrachtet; allerdings ohne Schutzbrille.

Der Bewunderung der Atombombe liegt nicht der Gott inne, sondern der Tod alles Lebendigen, weswegen Gotteswahn entsteht, woraus das kleine Männlein sich in den Ikarus verwandelt. 

Teil 2 und Teil 4 der Filmreihe Indiana Jones führt es immer schön vor. In Teil 2 will die Nazibraut unbedingt den Heiligen Gral aus einer Schlucht heben, erreicht ihn knapp, während IJ sie nicht mehr halten kann; sie stürzt in den Tod. 
IJ will ihn auch erreichen, erreicht ihn knapp, der Vater von IJ, der ihn hält, spricht zu IJ, „ich kann dich nicht mehr halten, lass ab vom Heiligen Gral“. IJ besinnt sich und lässt vom Gral ab und entkommt so dem Tod. 

In Teil 4 des IJ will die russische Agentin von den Außerirdischen das Allwissen erwerben. Die Aliens flössen ihr durch Energie das Allwissen durch die Augen ein. Sie ruft“ ich sehe, ich sehe alles“ aber dann wird es ihr zu viel und sie fleht sie mögen aufhören. Ihr Körper löst sich am Ende in Materie auf. 
IJ und seine Freunde dagegen nutzen die Gelegenheit aus dem bebenden Raumschiff zu fliehen.

 Quoth schrieb daraufhin am 20.04.22 um 13:04:
Wir bewundern die Zauberei, ohne die Konsequenzen zu bedenken; heißt, der Mensch denkt nie bis zum Ende nach.
Und das gilt beinahe noch mehr für die zivile Nutzung der Kernkraft, der ja viele - sogar auch in Japan - immer noch anhängen. Danke für Deinen Kommentar.
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