Kann man aus der Geschichte lernen?

Essay

von  Quoth

Ich bezweifle, dass man aus der Geschichte allzu viel lernen kann. Jedenfalls Gutes und Nützliches – kaum; das Böse und Zerstörerische aber, das sie uns lehrt, ist nicht gerade ein Grund, sich mit ihr zu befassen oder sie an Schulen zu unterrichten. Was mir Schwierigkeiten macht, ist dieses Wörtchen „aus“. Hieße das Thema: Kann man Geschichte lernen? so würde ich bedenkenlos ja! rufen; denn Geschichte ist wohl der größte und vielseitigste Stoff, mit dem man die Köpfe ungelehriger Schüler ergötzen kann. Da findet jeder das Seine: der eine begeistert sich an Kriegen und Eroberungen; der andere empört sich über Unterdrückung und Entrechtung; den dritten fesseln die Kulturprodukte und die Entstehung der gewaltigen un- und überpersönlichen Stile; ein vierter schließlich fragt nach dem Volk – wie es lebte, als seine Herren einander befehdeten und totschlugen. Was taten die Frauen, wenn die Männer im Felde waren, z.B. in der Zeit der Landsknechte? Schreibt man Landsknecht nicht vielleicht richtiger Lanzknecht? Ist nicht die Sprache selbst auch ein Resultat von Geschichte? Da gibt es die geheimnisvolle Etymologie, die uns mit den Wurzeln unserer Worte vertraut macht. Wer weiß zum Beispiel, dass Schmeißfliege nichts anderes als Fliegenfliege, Auerochs nichts anderes als Ochsochs und Lindwurm nichts anderes als Wurmwurm bedeutet? Da echot und hallt es aus der fernsten Zeit zu uns herüber, und wir brauchen bloß in den Dokumenten zu wühlen oder, was noch spannender ist, in der Erde zu graben oder den Grund der Meere abzusuchen, um die Lebens- und Sterbespuren unserer Ahnen vorzufinden. Draußen vor der Stadt liegen im Feld, teilweise mit Buchen oder Ulmen bewachsen, die edlen Hünengräber, wuchtige Hügel, unter denen sich die Steingräber eines längst verschollenen Volkes befinden. Wie kamen diese ansonsten wohl eher anspruchslosen Menschen dazu, sich derartig dauerhafte Monumente zu setzen? Wir unterstellen ihnen hünenhafte Größe, weil die Steine so gigantisch sind – aber wahrscheinlich waren sie kleiner als wir und bedienten sich ausgetüftelter Hebe-, Hebel- und Anhäuftechniken, um die Mordswackersteine aufeinander zu türmen. Nach ihrer Keramik heißen sie Bandkeramiker – oder sind das andere? Ich empfehle jedem, den das interessiert, sich genauer als ich mit dieser aufregenden Materie zu befassen; denn es gilt das große Wort eines hier ungenannt bleiben sollenden Denkers: Es gibt keine uninteressanten Dinge, es gibt nur uninteressierte Menschen – und an Geschichte uninteressierte Menschen gibt es legionenweise. Das liegt aber meistens daran, dass sie auf der Schule einen Geschichtsunterricht genossen haben, der auch dem Bereitwilligsten jede Neugier auszutreiben geeignet war. Mein Vater musste noch die Regierungszeiten der römischen und deutschen Kaiser im Chor hersagen. Kriegsausbrüche, Friedensschlüsse, Konkordate, Krönungen und Pragmatische Sanktionen, gar nicht zu reden von Konzilien und Schismen – wenn Geschichte zu derartigem Strohdreschen herunterkommt, mag auch ich sie nicht leiden. Dabei will ich aber die Notwendigkeit eines gewissen Zahlengerüsts nicht verkennen. Man muss es haben, um es wieder zu vergessen. Mir hilft dabei der merkwürdige Umstand, dass ich mit Zahlen Farben verbinde, was zur Folge hat, dass ich mir jede mit fünfzehn beginnende Jahreszahl graugrün vorstelle, jede mit sechzehn beginnende braun, siebzehn gelb und achtzehn weiß. In diese Farben brauche ich die jeweiligen Ereignisse nur einzutunken, schon haben sie ihren ungefähren und unverwechselbaren Ort. Verwirrung bringt in dieses System nur der Umstand, dass alle mit fünfzehnhundert beginnenden Jahreszahlen im Deutschen zum „sechzehnten Jahrhundert“ zusammengefasst werden, aber diese Unbequemlichkeit merke ich mir einfach als solche. Vergessen muss man alle Epochen und Periodisierungen, weil es sie nicht gibt. „Luthers Schläge an die Schlosskirche in Wittenberg hallten durch ganz Deutschland und leiteten die Neuzeit ein.“ Mit Unsinn von dieser Sorte vergrämt man Generationen. Auch der Dümmste ahnt, dass diese Schläge nur fünf Meter weit hörbar waren – wenn sie überhaupt stattfanden – und dass Luther sich sehr gewundert hätte, wenn man ihm gesagt hätte: „Hör mal, Martin, du leitest gerade die Neuzeit ein!“ Was maßen wir uns an, unsere Zeit Neuzeit zu nennen? Oder gar neueste Zeit? Jede Zeit ist sich selber neu, und wir leben wahrscheinlich im finsteren Mittelalter einer späteren Geschichtsbetrachtung. Auflösung aller Ordnungsbegriffe! Das ist die erste Lehre, die man aus der Geschichte zu ziehen bereits sein muss. „Spitze Bögen sind gotisch, runde romanisch.“ Alberne Scholastik! Ich will mich um ihre Widerlegung nicht bemühen, wage aber die Behauptung, dass die meisten Lehrer, die derartige Weisheiten ausstreuen, keine Ahnung haben, was den einen vom anderen Stil wirklich unterscheidet, warum der eine aus dem anderen – organisch, sprunghaft oder beides? – hervorging und was der tausend herrlichen Fragen mehr sind, mit denen wahre Geschichtswissenschaft sich herumschlägt. Oft gewinnt man den Eindruck, die Wissenschaft der Historiker ist nur ein Apparat, um die wirkliche lebendige Geschichte über ihren Tod hinaus noch einmal zu erschlagen. Die Leichen der französischen Könige werden im Massengrab Absolutismus verscharrt, Romantik steht über der Kalkgrube, die von Rousseau bis Richard Wagner alles aufnimmt, was Platz hat, und mit Imperialismus wird eine ganze Welt von Leid und Lebenslust erledigt. Um wirklich Geschichte zu begreifen, muss man sie von lebendigen Zeugen erzählt bekommen haben. Herr Senftleb z.B. hat den ersten Weltkrieg in Frankreich mitgemacht und dort ein Auge verloren. Er soll uns vom Trommelfeuer erzählen: „Sechs Wochen lang durchpflügten die englischen und amerikanischen Granaten jeden Schützengraben, bis nach menschlichem Ermessen außer Läusen nichts mehr darin lebte. Am frühen Morgen des soundsovielten begannen die Engländer zu stürmen. Was meint ihr, was geschah?“ Die Klasse schaut Herrn Senftleb atemlos an. „Aus dem Schlamm, in den Regen und Trommelfeuer unsere Gräben verwandelt hatten, erhoben sich Gestalten – keine Soldaten, und doch noch Soldaten – schwarz, verbrannt, augenlos, mit verstümmelten Gliedern, aber bereit zu kämpfen, zur Not mit den Zähnen, falls sie noch welche hatten, und die Engländer, die vor gesunden, munteren Feinden keinerlei Angst gehabt hätten – vor diesen Rachegeistern schauderten sie zurück.“ Der Zeuge der Ereignisse kann nicht weitersprechen. Sein Mund zuckt, er nimmt das Glasauge heraus und putzt es. Was ist so furchtbar, so schrecklich erregend – aber auch so komisch – an seiner Geschichte? Dass sie Geschichte ist! Sinnlos, entsetzlich – und zum Kopfschütteln erstaunlich. Aber lernen – was soll ich aus ihr lernen? Dass Krieg schrecklich ist und vermieden werden muss? Geschenkt! Wenn ich darüber aber zum Besserwisser werden soll, der Veteranen vororakelt, was sie alles falsch gemacht haben, dann will ich lieber darauf verzichten, d i e s e  Lehre zu ziehen. Erfüllt uns die Geschichte nicht auch mit einer heimlichen Sehnsucht, so zu werden wie unsere Vorfahren? Ihnen gleich zu sein im Guten wie im Bösen? Sie zu rechtfertigen, indem wir sie nicht übertreffen? An ihren Fehlern versöhnlich und zärtlich Anteil zu haben? Ach, wenn es sein muss, gehe ich auch in einen neuen Krieg. Nicht aus Kriegslüsternheit, sondern weil ich mich frage: Warum soll es mir besser ergehen als meinem Vater und meinen beiden Großvätern? Vielleicht ist es das, was wir aus der Geschichte lernen können: tiefen und heilsamen Fatalismus.




Anmerkung von Quoth:

Ein nachgeschaffener Aufsatz aus den 50er Jahren.
Für die ungegliederte Bleiwüste bitte ich um Entschuldigung; der schreibende Schüler lehnte es ab, seinen Gedankenfluss durch Gliederungen zu zerstören.

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Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (25.05.22, 18:40)
Eigentlich müsste der Mensch aus der Geschichte lernen können. Er lernt aber offensichtlich immer dann, wenn ihm das Wasser bis zum Halse steht und wird sogar hier wieder Rückfällig. Es dürfte keinen Hunger, keine Kriege und keine Verbrechen geben, doch das wäre ja gegen die Natur.

LG
Alma Marie

 Quoth meinte dazu am 25.05.22 um 19:39:
Hallo AlmaMarie, ja, die Natur des Menschen - und die scheint sich wenig, wenn nicht gar nicht verändert zu haben seit der Steinzeit. Naturwissenschaft und Technik - da lernt er dazu, aber moralisch bleibt er ein Stammesegoist, der zur Not im vermeintlichen Eigeninteresse auch Massenmorde begeht. Danke für Empfehlung mit Kommentar. Quoth

 klausKuckuck (25.05.22, 20:08)
Geschichte bei Studienrat Bömm – eine Folter aus Zahlenabfragerei, wie du es beschreibst. In der Obersekunda kam dann Heinemann und las aus Grimmelshausens Simplicissimus vor, und Heinemann konnte das, ein furchtloser Theatraliker. Die Zeit des 30jährigen Krieges brannte sich in die Köpfe der Schüler ein, und dann hat der verschwitze Studienrat das gemacht, was man heute Faktencheck nennt: Kein Schüler hat sich da den Zahlen, den Namen der Figuren verweigert. Für Heinemann habe ich später (er gab auch Deutsch) Faust 1 auswendig gelernt. Ein Hypnotiseur!
Grüße KK

 Quoth antwortete darauf am 25.05.22 um 22:05:
Ja, es gibt sie, die Pädagogen, die wirklich etwas anzünden in ihren Schülern, und diese wenigen sind es, die das ganze System rechtfertigen ... Vielen Dank, klausKuckuck, für Empfehlung mit Kommentar! Gruß Quoth

 tueichler (26.05.22, 23:46)
Ich neige dazu, Dir vollends zuzustimmen. Allerdings nicht im Bezug darauf, den Krieg erleben zu wollen, das ginge mir zu weit. Aber was bedeutet lernen (aus) Geschichte. Meist ist es doch so, dass die Propagandisten des Lernens aus Geschichte dieses tun, um ein (ggf. eigenes oder anderes und vermeintlich vorteilhaftes) Machtbestreben zu protegieren. Die Konsequenz ist immer eine Spaltung von Interessen, die zumindest die von Marx postulierte Umwandlung von Quantitäten in Qualitäten unterstützt, wenn nicht gar verursacht.
Was aber bedeutet das für uns im Leben. Es bedingt den technischen Fortschritt (immer nach Kriegen oder Krisen), der zu einem Schneller-Höher-Weiter-(Besser) führt, an dessen Ende nur der Drang nach mehr des Ebenselben steht.
Was bleibt nach den vielen tausend Jahren menschlicher Entwicklung ‚aus der Gesellschaft und der Geschichte heraus‘ übrig? Nur die nackte Existenz des Individuums selbst. Wenn man Darwin vertrauen darf, dann entwickelt sich der Mensch eben nicht aus sich selbst sondern in Anpassung an die Umstände (wozu, ich geb’s gern zu, auch Resultate der technischen Entwicklung - wie etwa der Genetik - beitragen können).
Kurzum, ich würde mich da gern dem Prozess (darf man das sagen?) der ‚Geschichtsbildung‘ entziehen und eben nicht am Krieg teilnehmen. Vielleicht war ja der Spruch ‚stellt Euch vor, es wäre Krieg und keiner geht hin‘ naiv aber am Ende gar nicht so blöd.

Tom
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