Comics

Essay

von  Quoth

Wer auf sich hält, liest sie nur heimlich; denn sie sind der Inbegriff von Schund. Zum Schund gehören seit je alle Arten sog. Groschenhefte. Das sind Hefte, die von Wildwesthelden handeln („Billy Jenkins“), von angeblichen Helden der Wehrmacht („Landser“), von Verbrechen und ihrer Aufklärung („Jerry Cotton“), von Weltraumabenteuern („Perry Rhodan“), von Huren („Rote Laterne“), Ärzten („Arztroman“) oder von treudoofen Bauerntrutschen, die sich an reiche Tunichtgute wegwerfen, um dann zum ebenso treudoofen Nachbarsjungen reumütig zurückzukehren („Heimatroman“). Immerhin muss man diese Erzeugnisse einer allein von Gewinnstreben gesteuerten Phantasie aber noch lesen; und Lesen erfordert ein gewisses, wenn auch minimales Maß an Intelligenz. Man muss imstande sein, einen gedruckten Text in Vorstellungen, Bilder und Gedanken umzusetzen. Seinen absoluten Tiefpunkt erreicht der Schund im Comic. Denn hier nehmen dem Betrachter – von Leser zu reden, wäre ein schamloser Euphemismus – Bilder die Last des Lesens ab; er braucht nur Zeichnungen von unüberbietbarer Simplizität anzuglotzen, Figuren von armseligster Charakterarmut wiederzuerkennen – und schon ist er dabei. Ein Gymnasiast, der Comics liest – welch eine contradictio in adjectu! Und dennoch muss ich gestehen – auch ich pflege welche zu lesen. Muss ich mich deshalb rechtfertigen? Ich fürchte, ja. Ich war acht, als der Zufall das erste Micky-Maus-Heft in meine Hände spielte. Es war nicht das allererste, das bei uns erschien, aber es enthielt eine Geschichte, deren grausiger Komik ich sogleich verfiel. Und zwar handelte sie von einem Enterich, der mit einem Gänserich eine Wette abgeschlossen hat. Wenn der Gänserich auf einen Sitz zehn Liter Limonade trinkt, will der Enterich sich ein Loch ins Eis schlagen und darin baden. Wie nun der Limonade trinkende Gänserich auch im Gesicht widerlich anschwillt, als er literweise Flüssigkeit in sich hineinpumpt – das mochte man einerseits gar nicht anschauen, andererseits aber ging eine grässliche Faszination davon aus. Ebenso, als es nachher ans Eisbaden ging: Man sah das grauenvolle Zittern und Zaudern des sich halb zu Tode frierenden Enterichs ("bibber!") im unbewegten Bild. Eine solche Geschichte wollten wir wiedersehen! Fünfundsiebzig Pfennig kostete ein Heft – ein erklecklicher Preis bei einem Taschengeld von DM 2,-- pro Monat. Mein Bruder und ich legten zusammen – und das nächste Mal konnten wir den Enterich sehen, wie ihm aus einem unglaublichen Theriak gewaltige Kräfte zuwuchsen. Aus ihm wurde Superman! Dieser Name sagte uns nicht viel, weil wir die Comicgestalt Superman nicht kannten. Aber die Geschichte war einleuchtend genug: Der Enterich konnte vor Kraft ohne Benutzung von Flügeln (seine Flügel waren ja Arme) fliegen und Mauern durchbrechen wie ein Geschoss... Sehr bald waren wir süchtig nach dieser Ente; die Geschichten verloren ein wenig an Drastik und wurden immer feiner gesponnen. Aus dem Enterich Donald Duck wurde ein notorischer Pechvogel, seine Neffen Tick, Trick und Track (die in den ersten Heften noch Rip, Rap und Rup hießen) sind Lausbuben, die ständig zu schwänzen und ihren Onkel an der Nase herumzuführen suchen, der Vetter Gustav Gans ist der notorische Glückspilz, und Onkel Dagobert, aus dem Scrooge von Dickens' Weihnachtsgeschichte entwickelt, ist ein Geizkragen von unbändiger Geldanhäufungslust, dessen Reichtum ausschließlich aus ungeheuren Bargeldmassen besteht, in denen er zu baden liebt... Inzwischen ist diese Familie, in der es weder Väter noch Mütter gibt, weltberühmt, und auch der Name ihres Zeichners hat sich herumgesprochen: Karl Barx. Ich will nicht übertreiben, aber ich glaube, dass Karl Barx eines Tages berühmter sein wird als Karl Marx. Und es gibt sogar einen Berührungspunkt zwischen beiden: Auch Karl Barx liebt es, jenes System zu analysieren, in dem das Geld herrscht, weshalb Karl Marx es Kapitalismus nannte. Ich denke z.B. an die Geschichte, in der Onkel Dagobert versucht, seine Geldspeicher zu entlasten, indem er Geld ausgibt. Da er geizig, sein Neffe Donald aber ein gewissenloser Verschwender ist, stellt er ihn an, um das Geld in Massen unter die Leute zu bringen. Sie übernachten in den teuersten Hotels, essen in den besten Restaurants, laden Kohorten von Pfadfindern zum Essen in Luxusrestaurants ein, wechseln das Auto nach der Farbe der Landschaft, beschenken ganze Indianerstämme mit Schuhen ... Als Onkel Dagobert völlig erschöpft vom Geldausgeben in sein Büro zurückkehrt, werden massenhaft Geldsäcke angekarrt: „Irgendein Idiot ist durchs Land gereist und hat in Ihren Hotels gewohnt, die teuersten Menus in Ihren Restaurants verzehrt und Luxuslimousinen aus Ihrer Produktion gekauft ... Ihre Schuhfabriken mussten Sonderschichten einlegen ...“ Ist das dumm? Oder nur plattwitzig? Bei mir ist ein Groschen gefallen, als ich das las. Aber wahrscheinlich gehöre ich zu denjenigen, die über das Niveau des Schundes nie hinausgelangen werden, und sollte, ächz!, die Lornsen-Schule schleunigst mit dem Holzpantoffel-Gymnasium vertauschen. So nennt hier der Volksmund die Hilfs- und Sonderschule für die geistig weniger Bemittelten.



Anmerkung von Quoth:

Ich bitte alle Fans von "Tim und Struppi", von "Fix und Foxi" usw. um Verzeihung, dass ich mich hier nur mit den von Dr. Erika Fuchs kongenial übersetzten Donald-Duck-Geschichten aus Disneys Micky-Maus-Heft befasse! "Asterix" war noch nicht geboren ...

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Kommentare zu diesem Text


 Willibald (05.07.22, 17:58)
Welch wundervoller Text, welch wundervolle Geschichte. Die Neffen schmeißen übrigens am Schluss des Plots das "Supermensch" -Heft ("Super-Snoop" bei Carl Barks) in die Tonne, weil man solche Sachen nicht herumliegen lassen darf: Erwachsene wie Donald kapieren nicht, dass es sich um Fiktion handelt und patschen gegen die Wand beim Versuch durch eben diese zu gehen.

Sei besonders herzlich und heftig  gegrüßt, die Komik der Abituraufsätze und Themen aus der bundesrepublikanischen Gründerzeit und ihr famoses Oszillieren  - so kommt es mir vor - erschafft eine quoth-würdige Textsorte.

Kommentar geändert am 05.07.2022 um 18:07 Uhr

 Graeculus meinte dazu am 05.07.22 um 20:21:
Auch ich lese diese Reihe gerne.
Hier frage ich mich, warum Quoth Carl Barks in Karl Barx umgewandelt hat. Damit es zweucks Gegenüberstellung dichter an Karl Marx ist?

 Quoth antwortete darauf am 05.07.22 um 20:53:
Der 16-jährige Verfasser des Aufsatzes kannte den Namen des Zeichners nur aus einer mündlichen Mitteilung ... Vielen Dank, Graeculus und Willibald!

Antwort geändert am 05.07.2022 um 20:53 Uhr
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