Erkenne dich selbst!

Essay

von  Quoth


Warum nur wird uns diese Aufforderung als Fazit des Humanismus immer wieder unter die Nase gerieben?! Wäre nicht mancher Pädagoge, der dieses philosophische Geschütz auf uns richtet, selbst bedürftig, von ihm beschossen zu werden? Im alten Griechenland soll das erhabene Wort einen Tempel geschmückt haben und der Sage nach von einem Gott ausgesprochen worden sein. Gut, so wollte ich es mir gefallen lassen. Aber sind Lehrer Götter? Mitnichten! Also lasse ich mich von ihnen auch nicht zur Selbsterkenntnis auffordern, sondern bitte sie in aller Bescheidenheit, sich zuerst einmal selbst zu erkennen. Bin ich hier einer Bedingung des Satzes auf der Spur? Es scheint so: Er ist nur als an alle gerichteter sinnvoll. Alle einzelnen sollen sich um Selbsterkenntnis bemühen. Indem sie es tun, befinden sie sich in etwas Gemeinsamem und sind aufgerufen, miteinander über das, was sie entdecken, zu reden. Wie wird dies Reden aussehen? „Ich habe heute festgestellt, dass ich ein übler Geizkragen bin.“ „Ach, wirklich? Das hätte ich nie gemerkt!“ So, fürchte ich, wird es nicht ablaufen, sondern eher so: „Ich habe heute bemerkt, dass ich freigebiger bin als Sie.“ „Was? Unverschämtheit! Sie sind der knauserigste Geizhals aller Zeiten!“ Im Reden miteinander wird man sich streiten, wird man einander verleumden, betrügen und zu übertrumpfen suchen. „Erkenne dich selbst!“ heißt deshalb eigentlich nichts anderes als „Lebt miteinander und macht eure Erfahrungen, zieht eure Schlüsse draus und glaubt nicht, immer der andere sei der Schwächling, der Dummkopf oder Bösewicht! Erkennt, wie böse, dumm und schwach ihr selbst seid! Hört auf, von den Splittern in den Augen der anderen zu reden, wenn ihr selbst einen Balken darin habt! Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen! Jeder kehre vor seiner Tür!“ Auf derartige Weisheiten also läuft Selbsterkenntnis hinaus. Selbsterkenntnis macht bescheiden, und Bescheidenheit ist eben die Tugend, an der Lehrer nur selten leiden. Meistens halten sie sich für allwissend, für sehr bedeutend, für hochintelligent, unterbezahlt, verkannt und nahezu genial, ganz zu schweigen von denjenigen, die sich auch noch was auf ihr tolles Aussehen, ihren flotten Umgangston und ihr funkelnagelneues Auto zugutetun. Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, dass Sokrates einer der wenigen Männer gewesen ist, die sich die Aufforderung zur Selbsterkenntnis zu Herzen genommen haben. Und Sokrates' stehende Redensart war: „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“ Obgleich aber Sokrates uns gern als toller Hecht und großer Mann angepriesen wird, würde kein Lehrer es komisch finden, wenn ein Schüler, von ihm prüfungshalber nach irgendwas befragt, antworten würde: „Das einzige, was ich weiß, Herr Studienrat, ist, dass ich nichts weiß.“ Dies würde als eine Verhöhnung des humanistischen Wissens aufgefasst werden, und dabei wäre es doch sein Kernsatz. Ich komme hier auf die allgemeine, totale und fundamentale Verlogenheit des Schulbetriebs zu sprechen. Allüberall werden uns Maßstäbe und Lehrsätze verabreicht, deren Verwirklichung uns nicht nur schlechte Noten einträgt, sondern womöglich gar strafbar macht. So habe ich meinen Nachbarn neulich in Religion, als wir uns zum Thema „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ schriftlich äußern sollten, abschreiben lassen. Er hatte sich nicht präpariert, bzw. ihm fiel zu diesem Thema nichts ein, und weil er mich dauerte, wie er sich ergebnislos abmarterte, weil ich sah, wie er seine Nase knetete, zerrte und molk wie ein Gedankeneuter, ohne dass es zu fließen begann, schob ich ihm ein paar Stichworte hinüber. Ich sollte aber nicht praktische Nächstenliebe üben, sondern mich rein theoretisch über sie auslassen und bekam wegen Abschreibenlassens eine Sechs hereingehauen, dazu noch einen Rüffel und die Drohung, das nächste Mal würde ich eingetragen. Ist aber nicht Nächstenliebe die unmittelbare Folge der Selbsterkenntnis? Ziehen nicht Sokrates/Apollo und Christus/Gott am selben Strick? Ich bin schwach und bedürftig, liebeshungrig und angewiesen auf die Hilfe andrer. Da ich als ein ganz normaler Mensch so bin, muss ich davon ausgehen, dass die anderen es nicht weniger sind, und so läuft alles darauf hinaus, dass ich sie behandle, wie ich selbst behandelt zu werden wünsche, nämlich liebevoll und nachsichtig. Wie, fragt sich nun, sieht die liebevolle und nachsichtige Behandlung eines Lehrers aus? Soll man ihm in allem folgen, oder gebietet die Liebe es, dass man ihm nach Kräften opponiert? Ich meines Teils würde als Lehrer die gefügigen Schüler als bequem empfinden, als interessant aber nur die Widerborstigen. Im Unterricht muss es Reibereien geben, sonst schläft sowohl die eine wie die andere Seite ein. Wenn ein Lehrer zum hundertsten Mal die Weisheit hinausposaunt, dass man sich selbst erkennen müsse – wie glücklich ist er dann, wenn ein Schüler aufspringt und ruft: „Das ist, bei allem Respekt, vollendeter Quatsch, was Sie da sagen! Nicht sich selbst, sondern seine Mitmenschen muss man erkennen, weil man sich selbst gar nicht erkennen kann! Wie, bitte, soll ein Auge sich selbst betrachten – ohne Spiegel?! Der Spiegel aber ist der Mitmensch!“ Ein Seufzen wird durch die Reihen der schnarchenden Schüler gehen, Problembewusstsein wird blitzartig in die trägen Gemüter fahren, und der Pädagoge wird sich nach dieser Stunde im Lehrerzimmer rühmen können, heute habe es in seiner Klasse eine heiße Diskussion um Grundfragen des Daseins gegeben, worüber die ihre Leberwurst- oder Käsebrote kauenden Kollegen in ein minutenlanges ungläubiges und neidisches Staunen verfallen dürften!



Anmerkung von Quoth:

Die Renitenz des 16jährigen Autors dürfte auch dadurch begründet sein, dass es in den 50er Jahren noch völlig selbstverständlich war, rechtlich von einem "besonderen Gewaltverhältnis" zwischen staatlicher Schule und Schüler auszugehen. Davon kann ja zum Glück seit Jahrzehnten nicht mehr die Rede sein!

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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (08.07.22, 18:30)
Hallo Quoth,

ich finde deine Ausführung über die Selbsterkenntnis sehr erhellend. Jedoch bin ich nicht so pessimistisch wie du, was die Fähigkeit zur Selbstkritik angeht. Vielleicht habe ich die falschen Bekannten, denn unter ihnen gibt es viele Selbstironische. Du hast freilich insofern recht, als Selbsterkenntnis selten zu Verhaltensänderung führt.
Den Aphorismus "Ich weiß, dass ich nicht weiß", hast du falsch verstanden, denn Sokrates meinte damit bestimmt nicht irgendwelches Faktenwissen, das in der Schule abgefragt wird, sondern philosophisches Wissen über die Bestimmung des Menschen.
Deine wie immer anregenden Essays wären mit Absätzen lesbarer,

 Quoth meinte dazu am 09.07.22 um 09:15:
Vielen Dank für Empfehlung und Kommentar. Dem 16Jährigen in seinem Anti-Lehrer-Furor ein solches Missverstehen der sokratischen Aussage zu unterstellen, war mir zu reizvoll. Es ist Rollenprosa!
Ich habe immer ein schlechtes Gewissen besonders gegenüber älteren Augen, wenn ich solche Bleiwüsten einstelle. Zu Fragen der Gliederung und Absatzbildung wird sich der fiktive Autor noch äußern! Gruß Quoth

 loslosch antwortete darauf am 09.07.22 um 21:23:
herrschaften!

‚Verglichen mit diesem Menschen bin ich doch weiser. Wahrscheinlich weiß ja keiner von uns beiden etwas Rechtes; aber dieser  glaubt, etwas zu wissen, obwohl er es nicht weiß; ich dagegen weiß zwar auch nichts, glaube aber auch nicht, etwas zu wissen.' (wiki.)

salopp: Biden weiß um die eigene begrenztheit, Trump dagegen nicht.

über "gnoti seauton" habe ich auf kv geschrieben und bin mit JWG der ansicht, dass dieser appell einen plumpen disziplinierungsversuch darstellt. den text im kv müsste ich heraussuchen ...
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