Gott ist tot

Essay

von  Quoth

Dieser Satz Nietzsches hat eine unverdiente Berühmtheit erlangt; unverdient, weil seine Aussage unsinnig ist. Gott kann nicht tot sein, denn er ist unsterblich. Ist er aber tot, so war er nie Gott. Warum also die Berühmtheit, die diesem Satz zuteilwurde? Weil er etwas anderes markiert als den Tod Gottes: Er markiert das Ende des universellen religiösen Einflusses. Nicht Gott, sondern die Religion ist tot. In dieser Formulierung wäre der Satz aussagehaltiger; in ihr aber wäre er mit Sicherheit nicht so berühmt geworden. Ein sterbender Gott – nun, das ist durchaus vorstellbar. Aber dann ist es kein Gott der jüdisch-christlichen Vorstellungswelt, sondern ein antiker. Die antiken, die heidnischen Götter waren verletzbar. Sie mussten ihre Unsterblichkeit durch den Verzehr gewisser Speisen immer wieder auffrischen: Bei den Griechen waren das Nektar und Ambrosia. Bei den Germanen die Äpfel der Freya, deren Derivate wir in den Sagen und Märchen vom Baum des Lebens finden, der ja sogar in der Schöpfungsgeschichte steht und seine verbotenen Äpfel anbietet. Unsterblichkeit als ein erhaltensbedürftiger Zustand – Göttern, die darin leben, mag das Sterben begegnen. Mit seinem Satz hat Nietzsche also, nimmt man ihn wörtlich, den Gott des Christentums in einen antiken Gott verwandelt. Stirbt er, so bleiben andere übrig. Und so lässt sich sagen: „Wo Gott auszieht, ziehen Götter ein.“ Von wem stammt dieser Satz? Auch von Nietzsche? Ich weiß es nicht. Aber Tatsache ist, dass mit dem Absterben der großen Staatsreligionen das religiöse Bedürfnis nicht erstirbt. Selbst im Sozialismus, der nun vierzig Jahre Zeit hatte, die Menschen atheistisch zu indoktrinieren, soll es noch immer unbelehrbare Frömmler geben. Bei uns aber macht sich anderes breit: Aberglaube und Sektierertum. Ich selbst glaube zum Glück an Nichts. Darin folge ich meinem Vater, der ebenfalls an Nichts glaubt. Deshalb ist er kein Nihilist, sondern nur ein Stoiker. Er ist der Meinung, dass man seine moralische Pflicht zu tun habe, ohne dass es einen anderen Lohn dafür gibt als das beruhigende Gefühl, seine Pflicht getan zu haben. Weder gibt es ein Jenseits, in dem wir für unsere guten Werke belohnt werden, noch gibt es einen lebendigen Gott, der uns seiner Gnade teilhaftig werden lässt, noch haben wir andere als irdische Strafe zu erwarten, wenn wir uns ungehörig verhalten. Dennoch aber sollen wir, auch wenn es schwerer fällt, das Gute tun. Eine Begründung dafür gibt es nicht. Das moralische Handeln hat gleichsam seinen Lohn in sich. Das gefiel mir immer sehr gut. Aber jetzt habe ich meinen Vater in einem familiären Zusammenhang zu meiner Mutter sagen hören: „Da kann man nur noch beten.“ Also betet er manchmal! Zu welchem Gott? Es fällt mir schwer, ihn mir mit gefalteten Händen vorzustellen. Was murmelt er? Sagt er „Lieber Gott“? Beendet er sein Gebet mit „Amen“? Vielleicht sollte ich hier nachtragen, dass meine Eltern nie kirchlich geheiratet haben und schon vor Beginn der Nazizeit aus der Kirche ausgetreten sind. „Es bedurfte der Nazis nicht, um mich zur Heidin zu machen, das hat die Kirche ganz allein geschafft,“ pflegt meine Mutter zu sagen, wenn man die Vermutung äußerte, ihre Nichtkirchlichkeit sei ein Überrest der Nazizeit. Ihr Heiliger ist Goethe, der seinerseits auf Baruch Spinoza fußt, dem genialen Optiker, den die Amsterdamer jüdische Gemeinde aus ihren Reihen ausschloss, weil er Natur und Gott ineins zu setzen sich vermaß. Naturfrömmigkeit ist es, die meine Mutter empfindet, und wenn andere Menschen in die Kirche gehen und zu Gott beten, geht sie in den Wald und umarmt einen Baum.



Anmerkung von Quoth:

Unser Deutschlkehrer war zugleich unser Religions- und Philosophielehrer - also auch ein Graeculus! :)

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Kommentare zu diesem Text


 LotharAtzert (28.05.22, 10:58)
Ich selbst glaube zum Glück an Nichts. Darin folge ich meinem Vater, der ebenfalls an Nichts glaubt.
Das hat durchaus Kalauerqualität. Weiter so!

 Quoth meinte dazu am 28.05.22 um 11:53:
Hallo, Lothar Atzert, war Dein Sohn, wenn Du denn einen hattest, mit 15 Jahren schon selbständiger im Denken?
Wahrscheinlich hast Du nicht mitgekriegt, dass es sich um Rollenprosa handelt, d.h. ich versetze mich in mein damaliges 15-16jähriges Ich hinein und versuche die Aufsätze, die ich damals schrieb, die aber verloren gegangen sind (siehe Vorwort), nachzuschaffen. Gruß Quoth

 AchterZwerg (29.05.22, 07:11)
Hallo Quoth,
hier gebe ich Lothar Recht und zähle den Text zu der schwächelnden Sorte.
Nietzsche nachzubessern, hat ohnehin etwas Überkühnes; ihm geht es in seiner Aussage um den Gottesmord, für den er die Menschheit verantwortlich macht.
Besonders komisch wirkt das nicht auf mich.

Der8.

 Quoth antwortete darauf am 29.05.22 um 09:24:
Ich finde, auch Nietzsche hat jugendliche Respektlosigkeit verdient. In unserer damaligen Turnhalle stand LASS DEN HELDEN IN DEINER SEELE NICHT STERBEN. NIETZSCHE an der Wand. Der Turnlehrer fühlte sich dadurch berechtigt, uns erbarmungslos zu quälen und Behinderte der Lächerlichkeit preiszugeben. Nietzsche ist zumindest extrem missbrauchbar. Vielen Dank für Deinen Kommentar ohne Empfehlung (wertvoller als das Umgekehrte!) Quoth

 LotharAtzert schrieb daraufhin am 29.05.22 um 09:39:
Ist denn die Anmerkung auch vom 15-16 jährigen Ich?
Also der Deutschlkehrer ist natürlich eine lustige Metapher :D
Der Ätzi

 Quoth äußerte darauf am 29.05.22 um 13:17:
Ach, darüber hast Du Dich geärgert!
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