Petroleum für die Schwester
Text
von FRP
Wir befinden uns im Jahr 1969. Ein Jahr zuvor erwarb mein zehn Jahre älterer Bruder das Spulentonband-Gerät "BG 20, Smaragd", und schnitt damit sogenannte Beatmusik von Radiosendungen vornehmlich des bei uns in Leipzig gut "hereinkommenden" Senders NDR 2 mit. Große Teile der Musik auf seinen Tonbändern, die ich, ein damals siebenjähriges Kind, bald mehr lieben sollte als er selbst, speiste sich aus den Sendungen "Die internationale Hitparade", ausgestrahlt jeweils am Sonnabend um 18 Uhr, und wiederholt am Tag darauf zur unpassendsten Mittagszeit; und der tollen Sendung "Musik für Junge Leute". Letzte war zweigeteilt in eine Hälfte "Vor der Schule", die man beim Frühstück hörte, und in eine Hälfte "Nach der Schule", für welche man sich auf dem Rückweg aus der Penne beeilen musste. Eine dieser post-pennalischen Ausstrahlungen im Jahr 1969 war sehr ergiebig, weil man da die selten gespielten Single-B-Seiten der aktuellen Hits zu hören bekam, vornehmlich von solchen Interpreten, welche am Wochenende zuvor mit den A-Seiten im "Beat Club" im Fernsehen zum Zuge kamen. Eine dieser B-Seiten war ein Titel, welchen mein Bruder als "Petrol for the Sister" in seinem Tonband-Buch, dem Verzeichnis seiner Mitschnitte, interpretierend festhielt. Ich liebte dieses Lied wirklich. Es war so ähnlich wie „My green tambourine“, so empfand ich es damals jedenfalls. Wir lebten in Leipzig, hinter dem Eisernen Vorhang. Man hatte nur zwei Sekunden Zeit, um zu verstehen und aufzuschreiben, was der Mann im Radio über den Titel und den Namen der Band sagte. Vielleicht gab es überhaupt keine Ansage, und mein Bruder versuchte einfach, anhand der wiederholten Haupt-Gesangsphrase zu erraten, was der Titel sein könnte. Wir wussten es nicht. Hinter dem Eisernen Vorhang konnte man keine westliche Musik kaufen oder auch nur nach Einzelheiten fragen. Ungefähr 1985 verlor ich dieses Band aufgrund meiner eigenen Dummheit. Seitdem versuchte ich, „Petrol for the Sister“, welches ich als herkömmlich "von einer unbekannten Bubble-Gum-Band" interpretierte, zurückzubekommen, aber niemand konnte mir helfen. 1995 reiste ich durch London mit vielen Fragen zu Musik, die ich verloren hatte oder einmal gehört hatte und nie auf Vinyl oder CD bekommen konnte. So sang ich sogar die nie vergessene Zeile „Petrol for the Sister“ in Londons Plattenladen älteren Verkäufern vor. Bei einigen von ihnen zündete für einen kurzen Moment ein Funken, aber nein, leider erinnerte sich niemand daran. Wieder andere wollten die Polizei rufen ... Ich dachte sogar darüber nach, einige Altersheime aufzusuchen. Alles mal herhören, ich singe euch freaks jetzt einmal etwas vor, und gnade euch die Queen, wenn ihr's nicht erratet! Dann gibt es einen Entzug der Hörgeräte!
Auch als Eigentümer eines CD-Geschäfts oder Angestellter von WOM konnte ich mir nicht helfen, obwohl ich Kunden und Musikvertreter ständig damit nervte. Das Internet kannte kein "Petrol for the Sister", auch nicht Youtube. 10 Jahre später las ich in Paul Russels Buch "Play me my song", dass die Band Fat Mattress um 1970 zusammen mit Genesis in England in Clubs gespielt hatte. Da ich ein Genesis-Fan der Gabriel-Jahre bin, suchte ich nach Musik von Bands, die mit ihnen in Verbindung stehen. Es gelang mir kürzlich, beide Fat Mattress-CDs zu bekommen. Ich legte die erste ein, und hörte, nebenbei am Computer arbeitend, halbherzig zu. Und dann, plötzlich, nach all diesen Jahrzehnten seit 1969, an einem Sonntag im Februar 2025, hörte ich diese mir vertrauten Klänge erstmals wieder. Mein Wiedererkennen sträubte sich erst noch ein wenig; zu sehr hatte sich der postulierte Klang des Titels in meinem "mind's eye" in Richtung "The Lemon Pipers" verschoben. Fat Mattress, also. Kein Wunder, diese vom einstigen Jimi-Hendrix-Cassisten Noel Redding gegründete Band kennt nun wirklich beinah niemand. Aber wie heißt der Titel nun wirklich? "Petrol Pump Assitant", wie prosaisch! Ach, schade, das beinah poetische Petroleum-Pumpen für eine Schwester hätte mir besser gefallen ... Nun ja, gemeint ist ja eigentlich das schöde Benzin des Tankwarts ...