Finis Germaniae

Protokoll zum Thema Buch/ Lesen

von  Jack

Dieser Text ist Teil der Serie  Wer öfter liest, ist schneller tot

Bücher zur Lage des Untergangs in Deutschland in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts.



Spiridon Paraskewopoulos: Was ist bloß mit den Deutschen los?



  Im letzten Jahr der Schröderzeit stellte der Wirtschaftswissenschaftler Spiridon Paraskewopoulos fest, dass in Deutschland trotz guter Lage eine schlechte Stimmung herrschte. Probleme wurden regelrecht herbeigeschworen, alles düster gemalt. Das deckt sich übrigens mit meiner Medienbeobachtung in der zweiten Amtszeit Schröders: Deutschland stand angeblich vor dem Untergang. Auch der monumentalste deutsche Film dieser Jahre hieß "Der Untergang". Ein Zufall? Ich denke, nicht.

Als Merkel zur Kanzlerin gewählt wurde, hellte die Stimmung in den Medien schlagartig auf, auf einmal war Aufschwung. "Sie haben von Medienmacht und Medienkampagne gesprochen", werde ich gerade an meinen ersten Absatz erinnert. Ja, was war es denn sonst, wenn in einem Land, dem es deutlich besser ging als allen großen Nachbarländern, das Fernsehen und die Zeitungen die Wirtschaftsapokalypse beschworen? Paraskewopoulos stellte aber fest, dass es keinen Grund zur Panik gab. Deshalb hat sein Buch im Wahljahr 2005 außer mir wohl auch keiner gelesen. Aber haben nun die Medien Schröder mit permanenter Kampagne aus dem Amt gejagt, oder neigen die Deutschen generell zu Pessimismus und Panik? Der eine sieht es so, der andere sieht das so, Herr Brender.



Oskar Lafontaine: Das Herz schlägt links/Die Wut wächst



  Lafontaine wird uns alle zurückschicken! So dachten tatsächlich einige Russlanddeutsche während des Wahlkampfs 1998. Und dann gewann die SPD. Und schon bald trat er zurück. Wenige Tage nach meinem 16. Geburtstag durfte ich in Niedersachsen lokal wählen und stimmte für Klaus Wiswe von der CDU. Das Amt, in welches er damals erstmals hineingewählt wurde, hatte er bis 2021 inne. Der Gegenkandidat war Peter Struck. Snake eyes, jedenfalls auf dem 99-er Wahlplakat.

Ich lebte bei Lafontaines Rücktritt noch nicht im Internetzeitalter. Im Gymnasium hatten wir einen Computerraum, in dem ich an seinem Rücktrittstag für eine Stunde surfen durfte. Sein erster, privater Fernsehauftritt ein paar Tage später war sympathisch, auch seine Haltung zum völkerrechtswidrigen Angriff der NATO auf Jugoslawien. Und dann kam schon das erste Buch raus. Ich las es mit Verzögerung. Would he double down? Yes! Die Wut wächst las ich kurz nach dem Erscheinen und ergriff in den folgenden Jahren Partei für die Linke/PDS/WASG.

Die sozialen Missstände der asozial gewordenen sozialen Marktwirtschaft fasste der Sozialist leidenschaftlich zusammen. Die Wahlen nach den Hartz-Reformen waren für die Linke dann auch große Erfolge, und es war scheinbar eine Frage der Zeit, bis sich eine Partei links von der SPD im politischen System der BRD fest etablieren würde. Doch das Land krankt an der pathologischen Flucht zur Mitte, die immer dann losbricht, wenn größere Probleme kommen.

Auch eine Partei rechts von der Union konnte sich letztlich nicht etablieren, außer lokal in Sachsen. Doch der Sonderweg der 5% ist, genauso wie das in einem soliden Bundesland undenkbare Rot-Rot-Grün im "linksversifften" Berlin, eine Ausnahme. Und so kommen wir zurück zur Wahl von 1998: Die neue Mitte, so nannte sich damals die SPD, und ward damit siegreich.



Hans-Olaf Henkel: Kampf um die Mitte



  2008 las ich aus Neugier das 2007 erschienene Buch Henkels "Kampf um die Mitte. Eine Neidschrift auf Hasso Plattner" und war beeindruckt vom Transport der riesigen Yacht des erfolgreichen Unternehmers über die vielen Autobahnen und Alpenpässe zum Mittelmeer, wo sie an einem Luxuswettbewerb der Superreichen teilnahm.

Überdies geht es in "Kampf um die Mitte. Eine Übung in Selbstlob" darum, wie bürgerlich, ja wie gutbürgerlich der Autor ist. Mit den üblichen russophoben Vorurteilen wird das für Alkoholiker aller Nationen typische Verhalten Jelzins erklärt, neben dem Henkel angeblich mal an einem Tisch sitzen durfte.

In "Kampf um die Mitte. Mein Bekenntnis zum Bürgertum" bekennt sich der spätere AfD-Tourist auch zur Bürgerlichkeit eines gewissen Oskar Lafontaine, der in den 1980-ern noch kein linker Spinner gewesen sein soll. Alles in allem alles viel zu viel heiße Luft um nichts.



Gabor Steingart: Deutschland – Der Abstieg eines Superstars




  Im Wahljahr 2005 las ich diese Version der großen Erzählung unserer Zeit: Nach der Entstehung des Universums, im Jahre 1949, glänzte und glitzerte eine heiße Kugel durch den Weltraum. Es war die deutsche Wirtschaft. Sie war vital und brutal, erschuf Deutschland aus dem Nichts und machte es zum Wirtschaftswunderland. Dann aber begann die Kugel abzukühlen. Die Kruste wurde immer dicker. Die Oberfläche erkaltete. Eine Eiszeit begann...

Wie selbstverständlich die Betrachtung der Gesellschaft unter dem Primat der Wirtschaft geworden ist, zeigt, wie ehrerbietig dieses Buch nach seiner Veröffentlichung rezipiert wurde. Es handelt aber nur Banalitäten ab: wir werden älter, das ökonomisch-demographische Optimum, in dem ein Land nicht zu viele Kinder, aber auch nicht zu viele alte Menschen hat, geht halt eben zu Ende. Und Globalisierung und so weiter.


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Kommentare zu diesem Text


 Regina (03.04.25, 02:22)
Aus dem Nichts ist das deutsche Wirtschaftswunder nach 1949 nicht entstanden, sondern es basierte auf amerikanischen Krediten.

 Jack meinte dazu am 03.04.25 um 03:35:
Um 1800 war Deutschland Denkweltmeister, um 1900 Wissenschaftsweltmeister, vor 2000 Wirtschaftsweltmeister. Letzteres ist bereits ein geistig-moralischer Abstieg, seit ein paar Jahrzehnten läuft der Abstieg im Sinne des sportlichen Moralbegriffs.

 Augustus antwortete darauf am 03.04.25 um 15:42:
Die AfD ist der Ausschlag den Deutschland auf der Haut trägt, aus Gründen der Schwierigkeit mit anderen aufstrebenden Nationen mitzuhalten. China, Indien, übrigens demnächst auch Afrika (Chinesen investieren Unsummen in Afrika). 

Innovationen aus Deutschland stagnieren. Da sind Amerikaner, Chinesen im Vorteil. Allerdings stößt Trump mit seiner Politik viele gute Wissenschaftler vor den Kopf, so dass diese einen Wechsel in ein anderes Land anstreben. 
Hier könnte Deutschland aktiv werden vom Brain Drain der Amerikaner zu profitieren. Auch wenn diese Wissenschaftler nach Europa kommen, käme es Europa zugute. 

Die Armut in Amerika wird anwachsen. Drogen überschwemmen das Land, wie eine Flut nach der Ebbe den trockenen Boden überschwemmt. Das weckt Erinnerungen an die Handlungsunfähigkeit Chinas im 18/19 Jahrhundert. 

Die brutalen Maßnahmen, die nun in Amerika die Hitzköpfe erdenken und umsetzen, sind Reaktionen den Niedergang aufzuhalten oder besser gesagt, ein Kaltenzug eines Drogenabhängigem, der stets nach denselben (in immer prekärere Lage manövrierende) Mustern bisher gelebt hat. 

Tatsächlich könnte es dazu kommen, dass Europa (ggf. nach dem russlöndisch-ukrainischen Krieg) sich von Amerika abwendet, um mit China die Vorteile der günstigen Produktion und mit Russland die billigen Erdrohstoffe für die heimische Wirtschaft zu beziehen. Wie mans dreht, Europa bleibt abhängig, Deutschland bleibt abhängig und wenn ein Trump versucht die Europäer gegen sich und gegen den Osten in Stellung zu bringen, könnte er am Ende das Schicksal „Krösus“ erleiden, womit Amerika mit seiner Führung, selbst gestürzt und in einen Bürgerkrieg ähnlichen Zuständen versinkt.

 Graeculus schrieb daraufhin am 03.04.25 um 16:03:
Aus dem Nichts ist das deutsche Wirtschaftswunder nach 1949 nicht entstanden, sondern es basierte auf amerikanischen Krediten.

Das ist wahr; allerdings standen diese Kredite des European Recovery Program ("Marshall-Plan") auch anderen europäischen Staaten offen.
Nur die Staaten im sowjetischen Einflußbereich mußten sie auf Befehl Stalins ablehnen.
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